What’s New? 31/10/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Mais, où sont les citrouilles d’antan? Das frage ich mich, während ich für das alljährliche Halloween-Porträt posiere, mit einem Paar frischer und noch nicht ausgehöhlter Exemplare. Es ist zu warm hier, zu trocken, und die Nächte ziehen sich hin, weil die Sommerzeit bis Halloween geht und nicht vorher endet, so wie früher. Nichtsdestotrotz bewahre ich mir Halloween wegen des Zaubers, den es für mich hatte, als ich Kind war, und ich habe vor es zu feiern, indem ich an der Ghost-Village-Road-Feier im unteren Dorf teilnehme, bei der Hunderte von Kindern von Geschäft zu Geschäft ziehen, Süßes sonst gibt’s Saures, und Frau B. und ich unsere Masken spenden und in die Nacht hinaus heulen. Wenn dies so ganz anders abläuft als in unserer Kindheit, um so schlimmer – ich werde mich mit Wordsworth trösten.
     Der Herbst war gut zu mir. Seit ich letzten Monat aus den Bergen zurückgekommen bin, hab ich viel gelesen und mir Notizen gemacht für meinen nächsten Roman, und ich hab meine Reisen auf kurze Trips in die Umgebung beschränkt, nachzulesen in meinen täglichen Twitternachrichten. Zwischenzeitlich habe ich einige der Erzählungen und die Roman-Auszüge durchgesehen, in Vorbereitung auf die Veröffentlichung von Das Licht Anfang nächsten Jahres. Die Zeitschrift Esquire wird die neue Erzählung What’s Love Got To Do With It? im März veröffentlichen. Narrative bringt den Auszug The Session und The Kenyon Review Bicycle Day, was als Auftakt zum Roman dient, und wo die Ereignisse im Zusammenhang mit dem ersten LSD-Trip auf diesem Planeten geschildert werden, eingenommen von dem Mann, der die Droge als erster synthetisiert hat, Albert Hofmann.
     Die größte Neuigkeit ist jedoch, jedenfalls von einem denkbaren Standpunkt aus, dass Ratte Nummer 200 aufgetaucht ist und um eine Reise in die umliegenden Berge gebettelt hat, wo die Kojoten schon das Lied ihrer Ankunft singen. Wie Dave LaJoy aus Wenn das Schlachten vorbei ist bin ich so was wie ein Rattenfreund geworden, trotz der Tatsache, dass diese undankbaren und trügerischen Nager neulich ein Loch in eines der Redwood-Bretter unseres Hauses genagt haben, um aus einer Ecke des Kellers eine Ratten-Latrine zu machen, bevor sie darangingen, an den Kabeln von Frau B.’s Auto herumzukauen, nach der Melodie eines 4500 Dollar-Schadens. Klar, wenn sie sich entschließen würden, en masse, anderswo zu wohnen (zum Beispiel in den Häusern und Kraftfahrzeugen von Euch, die ihr dies hier lest), ich würde sie nicht vermissen. Ich werde oft gefragt, wie es kommt, dass diese wohlhabende vorstädtische Enklave so anziehend für Ratten ist, und ich kann mir vorstellen, dass sie aus den gleichen Gründen wie wir hier sind: die angenehmen Temperaturen, die lauen Seewinde, der Überfluss an allem, was Mensch und Ratte nur wünschen können, von Escargots und prallen Valencia-Apfelsinen bis hin zu Bioplastic-ummantelten Kabeln. So ist nun mal das Leben auf der Erde.
     Zum Schluss nur noch dies: Ich werde in der ersten Dezemberwoche für eine Lesung eine kleine Reise nach Iowa City unternehmen, schon in Vorbereitung auf die Tour für den neuen Roman, sowohl hier (im April) als auch in Europa (im Februar). Ich habe den Winter in Iowa nicht mehr erlebt, seit ich vor vielen Jahren als Student in der Schreibwerkstatt war, aber trotz der Erderwärmung erwarte ich ein wenig kühlere Temperaturen als die, an die ich mich hier in Santa Barbara gewöhnt habe. Ich werde vorbereitet sein, im gleichen Outfit wie früher: rote Converse, schwarze Jeans, Kapuzenpulli und Lederjacke. Pustet, ihr Winde, und macht dicke Backen!
     Happy Halloween, Ihr alle!


Im Original erschien der Text am 31. Oktober 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 15/09/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Hier ist der Eintrag, den ich auf der Plattform »Goodreads« hochgeladen habe und den Mimi auf dem Message Board von tcboyle.com vor ein paar Tagen gepostet hat. Ich gebe ihn hier in voller Länge wieder, mit einem Nachtrag:

     Ich bin jetzt wieder zu Hause, nach einem zweimonatigen Aufenthalt in den Sierras, ein Aufenthalt, der sich ursprünglich mal weit in den Herbst hinein erstrecken sollte, vielleicht sogar bis zum Winter, eine Jahreszeit, die ich in dieser Höhe (2.200 Meter) sehr schätze. Jedoch wurde der Hund schwanger, und Frau B. und ich beschlossen für die Geburt der Welpen nach Santa Barbara zurückzukehren. Was werden sie sein? Hunde. Darüber hinaus wissen wir nicht. Die Mutter ist ein Puli, der mutmaßliche Vater (er blieb über Nacht) ein Scotchterrier, so dass es vielleicht auf eine völlig neue Rasse hinausläuft: Ein Pulotch. Auf der anderen Seite hat vielleicht ein Straßenköter namens Gabe seine Pfoten im Spiel gehabt, also wissen wir es erst im Moment der Niederkunft. Pöter?
     In der Zwischenzeit, Mittwoch vor einer Woche, erwachten wir in den Bergen durch einen triumphales Kojoten-Konzert, um vier Uhr morgens. Die hier herrschende Bande hatte, so nehmen wir an, den Köter aufgespürt und ein Festmahl mit ihm veranstaltet. Geburt und Tod: Ist das nicht der Lauf der Welt? Da wir gerade davon sprechen, zumindest von dem Teil mit der Geburt, ich habe jetzt sechs neue Erzählungen fertig und auch die zwei Abschnitte von Das Licht, die in Kürze in Zeitschriften erscheinen werden. Wir ihr wisst, wurde I Walk Between The Raindrops im New Yorker am 30. Juli veröffentlicht; ich habe erfahren, dass The Apartment demnächst bei McSweeney’s veröffentlicht wird und dass der erste Abschnitt des Romans, The Session, bald in der Zeitschrift Narrative erscheinen wird. Alles in allem? Wenigstens im Augenblick? Nun, ich vermute, dass die Geburten die Todesfälle übersteigen. Und dafür bin ich dankbar.

P.S. Was diesen Eintrag angeht, so gibt es nichts Neues an der Hundegeburtsfront. Wir sind jetzt am Ende der dreiundsechzig Tage dauernden Trächtigkeitsperiode, und sie scheint so weit zu sein, aber inzwischen frage ich mich, ob sie überhaupt schwanger ist. Vielleicht war das alles ein großer Irrtum, und die Erklärung ist einfach, dass sie einen Fußball verschluckt hat oder eine Boa Constrictor oder »Präsident« Trumps Ego. Wir werden sehen.


Im Original erschien der Text am 15. September 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 06/08/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Viele von Euch wissen vielleicht, dass ich den größten Teil des letzten Monats oben in den Sierras war und mal Filmleute, mal bedeutende Luxemburger, mal eine ausgehungerte Horde Kolibris (siehe auch den gefilmten Beweis auf Twitter), mal einen kleinen Bären und mal eine Armee von Zimmermannsameisen unterhalten habe. Jeden Tag nach der Arbeit war ich draußen im Wald und kroch in meinen Lieblings-Bachbetten herum oder schwamm in unserem einzigen Teich. Jeder Moment war so entspannt wie der Tod, mit dem deutlichen Vorteil, dass ich nicht auf die Ausmaße eines Grabes beschränkt war. Natürlich musste ich dann in Begleitung der besagten Filmleute (Adrian Stangell von Nordend Films, seines Kameramannes Bert und des Toningenieurs Johannes) dieser atemberaubend entspannten und trotzdem belebenden Idylle den Rücken kehren, um nach Phoenix zu fliegen (42°C) und Are we Not Men? vor einem vor Hitze umkommenden, aber dankbaren Publikum voller Lehrer vorzutragen, die ja die besten Menschen sind. Dann folgten ein paar Tage hier in Santa Barbara, bevor es zurück in die Berge ging.
     Ich hatte Zeit zu lesen und zu relaxen und ich verspürte die ersten Regungen des nächsten Romans, während ich mit den neuen Kurzgeschichten vorankam; die erste erschien in der Ausgabe vom 30. Juli des New Yorker (I Walk Between The Raindrops). Während ich dies schreibe, warten vier andere Erzählungen auf die Veröffentlichung in Zeitschriften, genauso wie zwei Auszüge aus Das Licht. Bleibt dran – hier und auf Twitter – ich werde Euch auf jeden Fall informieren, wann und wo sie erscheinen. Was den halluzinatorischen wilden Ritt von einem Roman angeht, so lasst mich sagen, dass ich letzte Woche, in der Ruhe meiner Bergeinsamkeit, die Korrekturfahnen ein letztes Mal durchgegangen bin und sie meinem Verleger zurückgesandt habe, so dass wir in Kürze die Probeexemplare erwarten können. Geplant ist, dass das Buch im April herauskommen wird. Wir haben noch nicht entschieden, auf welcher Seite der süße kleine Löschpapier-Streifen mit Acid beigefügt werden soll, aber keine Angst: es wird ein Pfeil zu sehen sein mit der Aufforderung: »Hier lecken.«
     Und jetzt zu dem jungen Schwarzbär: Frau B. und ich kehrten gerade glücklich von einem Ausflug nach Kernville und dem mächtigen Kern River zurück, die sich windende Bergstraße war einsam und verlassen, die tiefe Schwärze des intergalaktischen Raums reichte herab bis zu den Baumwipfeln, als die Autoscheinwerfer seine eiligen Umrisse ausmachten. Die Mutter? Sie war nirgends zu sehen, aber ich wette, sie verfluchte ihren tollpatschigen Nachwuchs, dessen Reaktionen durchaus ein bisschen schneller sein konnten. Es ist aber nichts passiert. Das Kleine, offensichtlich ein Frühlingsbär, tappte über die Straße und kletterte auf der anderen Straßenseite an einer Kiefer hoch. Ein sehr erfreulicher Augenblick für mich und Frau B., wenn nicht auch für das Junge und seine Mutter. Eine Sekunde hier, eine Sekunde da, und alles hätte sehr viel schlimmer kommen können.
     Auf alle Fälle, lasst uns den Bären alles Gute wünschen, während ihr Lebensraum immer wärmer wird und die Trockenheit (und sein übler Verbündeter, der Borkenkäfer) die natürliche Umwelt dezimiert. Es ist so traurig, viele Tausend tote Bäume zu sehen – und, schlimmer, die Stümpfe der Bäume zu betrachten, die ich während all dieser Jahre lieben gelernt habe und von denen ich abhängig geworden bin. Der Wandel ist im Gange und für die Berge hat das schlimme Folgen. Weiter in diesem Tempo, und die Sierras werden in fünfzig Jahren aussehen wie Saudi-Arabien. Aber, wartet mal, wer hat das alles kommen gesehen, damals im Jahr 2000, in einem Buch, in dem Stürme vorkamen und Dürren und eine wohlgenährte Hyäne?


Im Original erschien der Text am 06. August 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 29/06/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Entspannte Zeiten. Fish are jumpin‘ and the cotton’s high. Ich muss gestehen, ich bedaure es ein kleines bisschen, dass ich, seitdem ich meine Stellung an der Universität von Südkalifornien aufgegeben habe, keine Sommerferien mehr habe (auch keine Winter- oder Frühjahrsferien mehr, was das angeht). Aber ich habe ja meinen Hauptberuf, der mich ausfüllt. Bis vor kurzem habe ich an der fünften Erzählung der neuen Staffel gearbeitet, sogar noch, als der Sommer uns hier in Montecito-by-the-Sea überfallen hat. Zusätzlich habe ich die Korrekturfahnen für meinen neuen Roman Das Licht zurückgeschickt, und schließlich bin ich in Dom Camardellas Sound Design Studio gegangen und habe I Walk Between The Raindrops für den New Yorker aufgenommen. Die Geschichte ist fertig und wird in der Ausgabe vom 30. Juli erscheinen, jedenfalls soweit ich informiert bin. Nicht verpassen! Es ist eine sehr starke Geschichte, die Euch mitreißen und Euch ein bisschen (oder ein bisschen mehr) zwicken wird, und sie hat eine Erzählstruktur, die die tektonischen Platten unter Euren Füssen verschieben wird. Jedenfalls ist das mein Empfinden heute morgen, noch voll der Gefühle von den Aufnahme-Sessions vor zwei Tagen. Übrigens enthält die Erzählung in einem der fünf Kapitel einiges von dem Material, das ich über die Schuttlawine geschrieben habe, die unsere Stadt im Januar verwüstet hat. (Der New Yorker hat es unter dem Titel The Absence in Montecito online gestellt.)
     Der Trip nach New York, den ich hier letzten Monat erwähnt habe, war das pure Vergnügen. Davor war ich zuletzt Mitte März in New York gewesen, da war es noch winterlich, die Bäume hatten gerade erst zu knospen angefangen, die Temperaturen relativ frisch, aber jetzt, Anfang Juni, war alles mild, wunderschön, irgendwie magisch. Nachdem ich Selected Shorts mitmoderiert hatte, mit A.M. Holmes, hatte ich einen Tag frei und bummelte an der Upper West Side herum, was natürlich bedeutete, dass ich geradewegs zum Museum für Naturgeschichte ging, um mich ein paar tiefgehenden Erinnerungen hinzugeben (jener unvergleichliche Ort war das Ziel so manches Klassenausflugs während meiner Grundschulzeit flussaufwärts in Nord Westchester). Danach ging ich hinüber zum Central Park und erfreute mich an der Temperatur knapp über zwanzig Grad, an den schon anstößig breiten Wegen und an dem See, der so überwältigend war, als wäre er aus den Adirondack-Bergen hierher versetzt worden (bis auf die 60000 Ruderboote). Und dann natürlich: zur Feier des Tages schick ausgehen auf Einladung von alten Freunden. Kurz gesagt, alles war so perfekt, ich habe es fast genossen.
     Jetzt freue ich mich gerade darauf, mich für eine Weile in die Sierras zurückzuziehen. Da oben werde ich mich mit Adrian Stangell und seiner Crew von Nordend Films treffen, die eine einstündige Dokumentation drehen wollen. Und außerdem hoffe ich mit den neuen Erzählungen weiterzumachen, bevor ich mit den Recherchen für den nächsten Roman anfange – und meine Nachmittage damit zu verbringen, durch die weiten Wälder zu wandern und Zwiesprache zu halten mit den Bären, Berglöwen, Raben und Klapperschlangen. Bleibt dran.


Im Original erschien der Text am 29. Juni 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 03/06/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Manchmal müssen sich sogar fanatische Menschen ausruhen, und das war auch im Laufe des vergangenen Monats bei einem ganz speziellen Fanatiker der Fall. Der Spätfrühling hat sich eingerichtet, die Ratten gedeihen, das Dorf erholt sich von der Katastrophe im Januar, und ich hatte die große Freude und das Privileg, absolut nirgendwohin zu müssen. Das ist super. Viele von euch wissen ja, dass ich eine gewisse Routine einhalten muss um zu schreiben, und diese Routine hat sich im letzten Monat ganz ruhig und friedlich eingestellt. Wie ich schon in meinem Schreiben vom 2. April erwähnte, arbeite ich gerade an meinem dreißigsten Buch, einer Sammlung von Erzählungen, die auf den nächsten Roman folgen soll, den ich mir jedoch immer noch nicht so recht vorstellen kann. Ich hoffe, ich kann im Herbst anfangen, darüber nachzudenken, vielleicht. Jetzt arbeite ich gerade an der vierten Erzählung in der aktuellen Sequenz mit dem Titel Asleep At the Wheel, die sich mit unserer fahrerlosen Zukunft befasst. Die anderen sind The Apartment, I Walk Between The Raindrops und What’s Love Got To Do With It?. Ich werde euch sicherlich davon unterrichten, wo und wann sie im Druck erscheinen. (Raindrops wird im New Yorker abgedruckt, und zwar ist das für irgendwann nächsten Monat geplant).
     Trotz alledem werde ich bald in den großen Vogel steigen und nach New York fliegen und die Veranstaltung Selected Shorts mitmoderieren, im Symphony Space mit A.M. Homes. Ein schneller Trip, und fertig. Und dann zurück zu der Gleichförmigkeit der Tage hier zu Hause, einer Gleichförmigkeit, die ich sehr wertschätze. Und danach hoffe ich, eine Weile auf meinem Berg im Sierra National Monument zu bleiben, um zu schreiben und zu schreiben und noch mehr zu schreiben, während ich Zwiesprache mit der Natur und meinen vielen guten compadres halte, die dort oben das ganze Jahr über leben. Bleibt dran. Und werft mal einen Blick auf meine Twitter-Nachrichten, um über meine Abenteuer in New York und hoch oben in den Sierras auf dem laufenden zu sein (auch photographisch).

P.S. Das beigefügte Photo zeigt Ratte Nummer 185 in all ihrer Nager-Herrlichkeit, kurz vor ihrer Taxifahrt hoch in die Berge und ihrer Freilassung mitten zwischen den verwüsteten Felsen, dem verbrannten Gestrüpp und den scharf gestellten Geruchsorganen der Kojoten (die sehr wahrscheinlich inzwischen wohl ziemlich ausgehungert sind). Ich wünsch‘ ihr viel Glück. Und möge sie ein produktives Rattenleben leben, weit weg von den düsteren Gefilden meiner Kellerräume.


Im Original erschien der Text am 03. Juni 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 27/04/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Irgendwo da draußen in der Welt und auch innerhalb unseres Körpers lauert eine Staphylokokken-Art, die mich über drei Wochen lang ziemlich elend fühlen ließ. Ich hab das Ganze kommen sehen, als ich unten in Temecula beim Vorbereitungstreffen für meine Lesung am Mount San Jacinto College war, und dann hat es mich mit voller Kraft erwischt, gerade rechtzeitig um an Bord des großen Vogels für den Flug nach New York zu gehen, um dann bei den Feierlichkeiten für Robert Coover in Providence teilzunehmen. Der Bazillus schüttelte die ersten beiden Antibiotika ab, das dritte brachte ihn dann schließlich unter Kontrolle (nachdem er an meinen Kräften gezehrt und mich ausgelaugt zurückgelassen hatte – und, noch schlimmer, unfähig, zur Feier des Tages mein Glas mit dem Saft vergorener Trauben beim Cooverfest an der Brown University zu erheben). Nichtsdestotrotz war es mir eine Ehre, Bob Coover zu ehren, meinen außergewöhnlichen und dauerhaften literarischen Helden, und alte Freunde wie Bill Kennedy wiederzusehen, und auch neue wie Don DeLillo, Paul Auster und Rick Moody. Was Bob betrifft: Als ich ein durch Drogen benebelter, keine spezifischen moralischen Werte mehr akzeptierender junger Mann in New York war (siehe auch das Vorwort zu T.C. Boyle Stories II), hatte ich die verschwommene Idee, Kurzgeschichten zu schreiben, so wie ich es im Jahr davor auf dem College gemacht hatte, aber ich habe nicht viel zustande gebracht, auf Grund der Notwendigkeit das Leben an sich zu meistern, und auch weil ich mit meinem Kopf gegen jede Wand rennen musste, an die ich kam (und in jenen Tagen gab es eine Menge Wände, die um eine solche Behandlung geradezu gebettelt haben). Damals geschah es, dass ich Bobs erstes Buch mit Erzählungen entdeckte, Pricksongs and Descants, (auf Deutsch: Schräge Töne; Anm. des Übersetzers), und es fesselte mich mit seiner Schönheit, Frevelhaftigkeit und mit seiner schieren sprachlichen Brillianz. Das gab mir den Tritt in den Hintern, den ich so dringend brauchte, und mit der Hilfe von Cortázar, Grass, Kafka, Calvino, Beckett, Ionesco, García Márquez, Barthelme und anderen begann ich die Geschichten zu schreiben, aus denen dann schließlich mein erstes Buch mit Kurzgeschichten erwachsen sollte, Tod durch Ertrinken.
     Während ich an der Ostküste weilte, erfreute ich mich an dem ersten Erwachen des Frühlings, erfreute ich mich am kalten Regen und pilgerte sogar zu meinen absoluten Lieblingsgewässern im Fahnestock Park (dem hab ich kürzlich auf Twitter ein Denkmal gesetzt). Ich hab mich zweimal mit meinem Agenten getroffen, mit Freunden gespeist, schon mal ein bisschen an der Idee zur nächsten Kurzgeschichte geschnuppert, die Krankheit bekämpft und fühlte mich schon fast wiederhergestellt, als ich an Bord des Fliegers zurück nach Kalifornien ging. Was mich hier im Land des immerwährenden Frühlings (und des Schlamms, des Feuers und des Todes) erwartete, war die sehr willkommene Neuigkeit, dass die Erzählung, die ich gerade vor meiner Abreise vollendet hatte, im New Yorker veröffentlicht werden wird, höchstwahrscheinlich im Juni. Oder so. Dies ist die zweite von den neuen neuen, I Walk Between the Raindrops. Darüber hinaus gibt es die Nachricht, dass Ecco den neuen Roman, Das Licht, im April nächsten Jahres veröffentlichen wird, während der Hanser Verlag es in der Übersetzung im Januar 2019 herausbringen wird.
     Und die sehr gute Neuigkeit: Dirk van Gunsteren, mein Übersetzer, ist gerade mit dem Übersetzerpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet worden. Glückwunsch, Dirk!
     Was kommt als nächstes? Ich habe nicht die leiseste Idee. Aber ich hoffe, ich kann ein paar Kurzgeschichten erjagen, bevor ich mich, später in diesem Jahr, dem neuen Roman zuwende. Worum wird’s da gehen? Und wieder hab ich nicht die leiseste Idee – aber besteht darin nicht die Schönheit, erdachte Geschichten zu schreiben?
     In der Zwischenzeit, gerade in dieser Minute, hat mein alter Freund Party Shuffle (ein Modus der Auswahl aus einer Liste von Musikstücken; Anm. d. Übers.) einen Blues von ZZ Top gespielt, den ich noch nie gehört habe. Er heißt Mushmouth Shoutin‘ (svw. »Schreien mit Brei im Mund«; Anm. d. Übers.), und er beschreibt ziemlich genau meinen Geisteszustand im Moment.

P.S. Das nebenstehende Foto wurde während des ausgedehnten Sonnenuntergangs in 11000 m Höhe geschossen, am Dienstagabend, nicht lange bevor die Räder des großen Vogels den Boden vom geliebten alten Santa Barbara berührten. Genießt es. Und ich frage Euch: Sind wir nicht Götter?


Im Original erschien der Text am 27. April 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.