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	<title>Robert Coover Archive - www.tcboyle.de</title>
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		<title>Apologia</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Oct 2022 13:29:31 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Ulrich Tepelmann</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2022/10/Apologia.jpg" alt="" width="725" height="380" class="aligncenter size-full wp-image-6845" srcset="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2022/10/Apologia.jpg 725w, https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2022/10/Apologia-480x252.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 725px, 100vw" /></p>
<p>Für mich ist eine Geschichte eine Übung für meine Vorstellungskraft – oder, wie Flannery O’Connor es ausdrückt, ein Akt der Entdeckung. Ich weiß nie, was aus einer Geschichte wird bis sie sich zu entfalten beginnt; das Ganze kommt zu mir beim Schreiben als eine Art Wachtraum, und es kann mit der Erkundung eines Themas oder mit einer Erinnerung beginnen, oder mit etwas Zufälligem, als ich zum Beispiel herausgefunden hatte, dass die wilden Tiere in Feuerland auf Grund des Ozonlochs, das sich dort jedes Jahr auftut, erblinden, oder dass die Shetland-Inseln der windigste Ort der Welt sind. Die Professoren haben immer betont, man solle darüber schreiben, was man kennt; aber ich sage, man solle schreiben, was man nicht kennt, und auf diese Weise etwas herausfinden. Und das funktioniert. Oder kann funktionieren. Schließlich verführt eine Geschichte den Leser, und eine solche Verführung kann ihn oder sie so sehr in den Bann ziehen, dass alles plausibel wird. So auch bei <a href="https://www.tcboyle.de/werke/windsbraut/"><em>Windsbraut</em></a>, wo es um den Wind geht. Ich bin nie auf den Shetland-Inseln gewesen, obwohl ich sehr nahe dran war – auf einem Fischerboot vor Oban, wo ich fast erfroren bin – aber die Geschichte kam zu mir, als wäre ich in einem anderen Leben dort geboren und aufgewachsen. Nachdem sie im <em>New Yorker</em> erschienen war, meldeten sich die Redakteure von <em>The Shetlander</em>, der Insel-Zeitschrift, und wollten wissen, wann und wo ich bei ihnen gelebt hatte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dennoch sind wir alle bis zu einem gewissen Grad Produkte der Geografie, und meine unmittelbare Umgebung – das, was ich aus dem Fenster sehe, an den Straßen, Stränden und Wanderwegen, in Bars, Restaurants und Theatern – hat unweigerlich eine Rolle bei den Themen und Schauplätzen meiner Geschichten gespielt. Beispielsweise sind alle Geschichten im zweiten Band meiner gesammelten Erzählungen nach meinem Umzug von Los Angeles nach Santa Barbara im Jahr 1993 entstanden, und die Geschichten, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden sind – das Fresno in <em>Die unterirdischen Gärten</em>, wo Baldasare Forestiere sein fantastisches Labyrinth unterirdischer Räume errichtete, oder <em>Die unglückliche Mutter von Aquiles Maldonado</em>, was in Caracas spielt, oder <em>Hundologie</em> in Indien – sind ebenfalls nach Norden gezogen. Und nach Westen, wenn man die vielen Geschichten berücksichtigt, die im New York meiner jüngeren Jahre spielen und von denen die meisten im vorigen Band erschienen sind.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Insofern nehme ich an, dass ich über das schreibe, was ich kenne, zumindest was die Erkundung der Geschichte, der Ökologie, der Gefühlslage und der sozioökonomischen Bedingungen der Umgebung angeht, in der ich mich jeweils befinde, und dazu gehören auch die vielen Geschichten, die ich im Sequoia National Monument (früher Sequoia National Forest genannt) angesiedelt habe, ein Ort, an den ich mich immer wieder flüchte, seitdem ich an die Westküste gezogen bin. Die neueste Geschichte <em>Mein Schmerz ist größer als deiner</em> entstand zum Beispiel direkt aus einem Vorfall, von dem ich gerüchteweise gehört hatte, und zwar in einem Mikrokosmos, den ich gerne »Big Timber« nenne, um die tatsächlichen Gegebenheiten im Unklaren zu lassen. Der Vorfall ereignete sich im Anschluss an eine Party, auf der sehr viel getrunken wurde. Ein Mann ging mit seiner Frau nach Hause und schlich sich dann wieder hinaus, ganz in Schwarz gekleidet und mit einer schwarzen Skimaske auf, kletterte an der Hütte einer alleinstehenden Frau hoch und spähte durch das Fenster im ersten Stock. Zu seinem Pech (und zu meinem Glück) wurde er entdeckt und demaskiert, und die Folgen begannen sich abzuzeichnen. Ich kenne die an diesem Vorfall beteiligten Personen nicht und ich will sie auch nicht kennen. Alles, was ich von dieser oder jeder anderen Geschichte will, ist, dem Widerhall eines einzigen Taktes der Wahrheit oder eines Geheimnisses oder eines Was-wäre-wenns zu lauschen, damit ich ihn summen und ein Riff dazu spielen kann.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Los Angeles, Santa Barbara, die Sierra Nevada, die Wüste, das typische Unterholz, die sonnenbeschienene Brandung des Pazifik, die gezackten Blätter der Agaven und windgepeitschte Palmen – bis in meine Zwanziger war ich nie westlich des Hudson River gewesen, und als ich dann doch nach Westen ging, war es zuerst nach Iowa City und zur Schreibwerkstatt dort und dann schließlich nach Los Angeles und Santa Barbara. Es mag überraschen, wenn ich sage, dass das nördliche Westchester County, wo ich geboren und aufgewachsen bin (in Peekskill, dreißig Meilen flussaufwärts von Manhattan) provinziell ist, aber als ich ein Junge war, war es tatsächlich so, zumindest im Umfeld meiner Eltern. Ich wuchs in einem Arbeiterhaushalt auf, wo es weder Bücher noch eine Lesetradition gab, und wir wussten nicht viel von der Außenwelt, nicht einmal von der Großstadt mit all ihren kulturellen Glanzpunkten, die uns unendlich weit entfernt schien. Wir hatten einen Fernseher, und das Fernsehen beherrschte unseren Haushalt. Der graue Bildschirm erwachte zum Leben, wenn wir von der Schule oder von der Arbeit nach Hause kamen, und wurde abgeschaltet, wenn wir zu Bett gingen. Obwohl die Schulen in dem Ort eine solide, alle gleich behandelnde Ausbildung boten, habe ich damals nicht gelesen; ich war ein hyperaktives Kind, das Baseball spielte, durch den Wald streifte und sich vorwiegend aus Ärger heraushielt. Meine Mutter las mir vor, als ich klein war, und sie war es auch, die mir das Lesen beibrachte, da ich zu ungeduldig und zu unreif war, um im Unterricht still zu sitzen; aber die früheste Erinnerung an den Nervenkitzel von erfundenen Geschichten habe ich aus meinem Englischunterricht in der achten Klasse der Lakeland Junior Highschool, als Mr. (Donald) Grant uns freitags vorlas, falls wir brav gewesen waren, und wir waren wirklich sehr brav. Mr. Grant war Amateurschauspieler und er hat uns mit so ollen Kamellen wie <em>To Build a Fire</em> von Jack London und <em>The Most Dangerous Game</em> von Richard Connell mitgerissen. Wir sind zitternd aus dem Unterricht gekommen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Darwin und die Geowissenschaften traten etwa zur gleichen Zeit in mein Bewusstsein, und ich sagte meiner Mutter, ich könne nicht mehr an die römisch-katholische Lehre glauben, die uns, solange ich denken konnte, sonntags in die Kirche getrieben hatte. Es ist ihr hoch anzurechnen, mitfühlend, wie sie war, dass ich das alles dann nicht mehr musste, und ich nehme an, dass ich seitdem nach etwas gesucht habe, das diese Lehre ersetzt. Und was habe ich gefunden? Die Kunst und die Natur, die Zwillingsgottheiten, die Wordsworth und Whitman und all die anderen aufrecht erhalten haben, deren Erfahrungen zu kompliziert wurden, als dass ein Glaube sie hätte fassen können. Mit siebzehn Jahren fand ich mich an der State University of New York in Potsdam wieder, und zwar in der Musik-Abteilung, als begeisterter Schüler von John Coltrane und blitzschneller Techniker am Saxophon und an der Klarinette. Leider hatte ich kein Gefühl für die Art Musik, die wir spielen sollten, und ich fiel beim Vorspielen durch. Aber immerhin war ich an der Uni und geriet direkt in die kalte Umarmung der Existenzialisten einerseits und der erlösenden Gnade von Flannery O’Connor, Saul Bellow und den Dramatikern des absurden Theaters andererseits. Wenn ich einen entscheidenden Moment wählen musste, war es der, als ich zum ersten Mal <em>A Good Man is Hard to find</em> von Flannery O’Connor für einen Englischkurs las: Das war die Sorte von Geschichten, die Erwartungen zunichte macht, die in einer Erzählweise beginnt – Situationskomik, wie man sie aus dem Fernsehen kennt &#8211;  und sehr böse und wunderbar in einer anderen endet. Und ich hatte gedacht, es gäbe Regeln.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich wohnte damals in einer Pension in einer baumbestandenen Straße und ertrug die arktischen Temperaturen in Potsdam, die Stürme, die an den Fenstern rüttelten und den gefrierenden Regen, der alles mit einer glänzenden Schicht überzog, sodass die ganze Welt kristallin und gefährlich wurde. Wenn die Temperatur auf dreißig Grad unter Null fiel, sprang kein Auto mehr an, selbst wenn man großzügig Äther in den stählernen Schlund des Vergasers sprühte. Das war kein Problem. Jedenfalls nicht zuerst, nicht, bis ich die Liebe und die lebenswichtige Bedeutung des Rücksitzes entdeckte. Wir wohnten – mal zu sechst, mal zu siebt oder acht, ausschließlich Männer – in drei Zimmern im Obergeschoss eines Hauses mit Holzrahmen, das einer Witwe gehörte, die 1911 Ballkönigin in Potsdam gewesen war und die von uns als »meinen Jungs« sprach. Die Zimmer waren mit altertümlichen Möbeln vollgestellt, die einen Geruch nach längst vergangenen Zeiten verströmten, aber sie waren dem Zweck angemessen, und hier begann ich mit meinen ersten rudimentären Versuchen in dieser Form – der Form der Kurzgeschichte – die später mein Leben beherrschen sollte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich weder ein guter noch ein pflichtbewusster Student war. Dennoch habe ich unheimlich viel gelesen, eher das, was aktuell war als das, was wir lesen sollten und ging mit einer lückenhaften Ausbildung ab (Hauptstudium in zwei Fächern, Geschichte und Englisch, plus ein kurzes Jahr in Krishna Vaids Kurs für kreatives Schreiben), aber ich brannte für die Kunst. Woran erinnere ich mich aus dieser Zeit? An die Angst vor dem Ekel, den mir Sartre in den Schoß warf, und an ein nagendes, unbestimmtes Verlangen, das mich in den geisterhaften Stunden nach Schließung der Bars allein auf den hohen stählernen Dachsparren des halbfertigen Bibliotheksgebäudes herumspuken ließ, um im frostigen Wind bei Temperaturen um minus zwanzig Grad Celsius die Zukunft zu erahnen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich erinnere mich an Tipp-Ex, den Gipfel der technologischen Perfektion, der umso unwiderstehlicher war, als das Gerücht umging, Bob Dylans Mutter habe es erfunden. Ich erinnere mich an Dylan und die Anleitung, die Rock’n’Roll mir an die Hand gab, Jahre bevor ich meine musikalischen Impulse bündelte und selbst eine Band gründete, indem ich meine Wut und meine Verwirrung herausbrüllte, bis mein Körper starr wurde und meine Kehle sich zuschnürte. Ich erinnere mich an die Olivetti Reiseschreibmaschine, auf der ich alles tippte, was ich je geschrieben hatte – Geschichten, Essays, Briefe, Notizen – bis der Computer sie überflüssig machte. Und ich kann immer noch die Genugtuung heraufbeschwören, die es mir bereitete, eine saubere, fertige Fassung von etwas, das einen Wert zu haben schien, einen großen Wert, einen Wert sowohl für mich als auch für die ganze Welt, auf frische, zerknitterte Bögen von Schreibmaschinenpapier zu tippen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dann kam die Zeit der Hippies, und das ist der Punkt, wo sich meine Erinnerungen verfestigen. Ich war schon immer zielstrebig (viel zu zielstrebig, würden viele andere sagen), und ich neige dazu, mich in etwas hineinzustürzen, mit allem, was mir zur Verfügung steht. Ich war der Hippie aller Hippies, voller Glückseligkeit und mit so typischen Hippie-Klamotten, dass die Leute mich auf der Straße angesprochen und gefragt haben, ob sie bei mir LSD kaufen könnten. Was ich nicht konnte. Und auch nicht wollte. Das wäre zu &#8230; habgierig gewesen. Musik durchpulste mein Hirn, die Musik, die damals dem Zeitgeist entsprach. Ich wohnte ich den verschiedensten Häusern zusammen mit den verschiedensten Menschen, aber dann ließ ich mich auf eine Beziehung mit einer anmutigen Frau ein, die mir Mut machte und die den Finger am Puls der Zeit hatte, meine Frau in der ganzen Zeit mit Umzügen und Büchern und Kindern, und ich las hungrig, besessen, auf der Suche nach etwas, das ich nicht genau benennen konnte. Meine tastenden Versuche brachten Geschichten hervor, die damals »experimentell« genannt wurden, spielerische Versuche, herkömmliche Erzählmuster zu vermeiden und sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Damals entdeckte ich auch Robert Coover und seine klaren, lyrischen, supercleveren und auf bösartige Weise komischen Geschichten, und ich merkte, dass sein Werk das, wonach ich blindlings gestrebt hatte, perfekt verkörperte. Dann kamen Barthelme, Borges, Cortázar, Pynchon, Barth, Calvino, García-Márquez, Autoren einer Periode, in der niemand jemals »nie« sagte und in der es kein Format gab, das nicht ausgequetscht, gemolken und ausgeformt werden konnte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich veröffentlichte meine erste Kurzgeschichte – eine der »experimentellen« – in der <em>North American Review</em> im Jahre 1972 unter der Ägide von Robley Wilson Jr., dem ich ewig dankbar sein werde. Aufgrund dessen bewarb ich mich bei der Schreibwerkstatt in Iowa und wurde angenommen, und mein Leben als Schriftsteller fing wirklich an anzufangen. Jetzt hatte es mich erwischt. Jetzt war ich erwachsen. Jetzt wusste ich, was ich vom Leben wollte, und das verfolgte ich mit Hingabe und Zielstrebigkeit. Meine Professoren im Workshop – Vance Bourjaily, John Irving und John Cheever – gaben mir genau das, was ich am meisten brauchte, sie gaben meinem Selbstvertrauen Auftrieb, und meine Professoren in der Englisch-Fakultät, wo ich den Doktortitel in Britischer Literatur des neunzehnten Jahrhunderts erwarb, gaben mir das Fundament, das ich während der Jahre als unzufriedener Student nicht hatte aufbauen können. Der Grund dafür? Ich dachte mir, wenn ich Schriftsteller werden wollte, könnte es tatsächlich hilfreich sein, einiges zu wissen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Und ja, ich war mir durchaus bewusst, dass formale Bildung ein Gräuel war, zumindest für die Autoren aus der Generation vor meiner eigenen. Cheever, der stets freundlich und großzügig zu mir war, war regelrecht sauer wegen meiner akademischen Ziele, die seiner Meinung nach keinen Platz in einer künstlerischen Laufbahn hatten, aber ich bestand darauf, weil nichts und niemand mich von etwas abhalten kann, was ich mir in den Kopf gesetzt habe, sei es im Guten wie im Schlechten. Und so ging ich nach meinem Abschluss nach Los Angeles und gründete das Programm für kreatives Schreiben an der University of Southern California, wo ich ununterbrochen lehrte, bis ich im Herbst 2012 <em>Writer in Residence</em> wurde. Die Universität erwies sich als Segen für mich. Sie gab mir Bodenhaftung, ich kam aus dem Haus und auch aus mir selbst heraus, sie bot mir die kostbare Gelegenheit, die Kunst des Schreibens bei vorwiegend jungen Leuten, die noch formbar und ebenso begeistert wie ich waren, regelmäßig zu bewerten, zu fördern und zu diskutieren.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Cleever war es auch, der mich sanft zurechtwies, weil ich den vernichtenden Ausdruck »experimentell« verwendete, ebenso wie Tom Whitaker, der damals <em>The Iowa Review</em> herausgab, wo ich zunächst als stellvertretender Redakteur für Belletristik arbeitete (unter Robert Coover) und später, während meines letzten Jahres dort, als eigenständiger Lektor für Belletristik. Cheever bestand darauf, dass jede gute Belletristik experimentell sei – und das stimmt natürlich auch – und führte sein eigenes Werk <em>The Death of Justina</em> als Beispiel an. Ich habe seinen Standpunkt verstanden. Und in den 1980ern und bis in die 1990er stand ich unter dem Einfluss seiner Erzählungen und denen von Raymond Carver, der in der Zeit, als ich in Iowa war, ein Freund wurde. Während ich am Anfang mehr an Sprache, Aufbau und Idee als an den Charakteren einer Geschichte interessiert war (und das wird, glaube ich, in Band I deutlich), so wurde ich, als ich als Romanautor wuchs und bewunderte, was Carver und Cheever und viele andere im weniger »experimentellen« als traditionellen Stil leisteten, auch mit dem Aufbau von Geschichten um Charaktere herum immer vertrauter.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Während ich in Iowa war, schickte ich immer wieder Geschichten an große und kleine Zeitschriften, und beharrlich ging ich wieder und wieder am selben Tag, an dem eine Geschichte ungeliebt und nicht erwünscht zurückkam, zur Post und schickte sie an den nächsten aussichtsreichen Kandidaten auf meiner Liste, in der abwechselnd vergeblichen, masochistischen und trotz allem optimistischen Hoffnung, dass Geschichte und Redakteur zusammenpassten. In den fünfeinhalb Jahren, die ich dort verbrachte, wurden etwa dreißig Geschichten angenommen, jedesmal Anlass für eine Party, bei der ich die Geschichte jedem vorlas, der sich nicht wehren konnte, und für einen Ausflug zu irgendeiner dunklen Kneipe, die so exotische Kost wie Pizza und Bier im Tausch gegen bloßes Geld anbot. Aufregende Zeiten. Ich war so auf das Kommen des Postautos fixiert, dass ich das Quietschen der Bremsen, das dieses ankündigte, schon zwei Straßen entfernt erkennen konnte. Natürlich gab es jede Menge Ablehnungen – ich klebte die Ablehnungsschreiben auf Plakatwände und heftete sie an die Wand meines Schlafzimmers, das mir als Büro diente, bis alle vier Wände bedeckt waren, worauf ich auf das praktischere, aber weniger selbstgerechte System zurückgriff, sie in Aktenordnern zu verstecken.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich hatte das Glück, schon früh Geschichten in <em>Esquire</em>, <em>The Paris Review</em>, <em>The Atlantic</em> und <em>Harper’s</em> – und später in <em>The New Yorker</em> und im <em>Playboy</em> – unterbringen zu können und eine enge Arbeitsbeziehung mit Redakteuren wie George Plimpton und Lewis Lapham einzugehen. Es bedeutete die Welt und ganze Universen für mich, dass ich ich nicht einfach blind etwas herausschickte, sondern dass es da draußen Redakteure gab, die sich tatsächlich auf das freuten, was ich als nächstes schreiben würde. George Plimpton nahm in den Siebzigern und Achtzigern so viele meiner Geschichten für <em>The Paris Review</em> an, dass er einmal im Spaß meinte, er denke daran, die Zeitschrift in <em>The Boyle Review</em> umzubenennen; und sein Einfluss und seine Freundschaft waren von unschätzbarem Wert. Er gab mir das Gefühl, gebraucht, um nicht zu sagen wertgeschätzt zu werden. Auf der anderen Seite zeigten mir die Redakteure von <em>The New Yorker</em> in jener Zeit die kalte Schulter, bis sie dann schließlich Anfang der Neunziger einen meiner Texte brachten, aber sobald die Zeitschrift den Besitzer gewechselt hatte und Tina Brown und ihr Redakteur für Belletristik, Bill Buford, in den Vordergrund getreten waren – und jetzt deren Nachfolger David Remnick und Deborah Treisman – erschien der Großteil meiner Erzählungen auf den Seiten dieser Zeitschrift. Ja, ich hatte großes Glück, vor allem mit meinem Lektor Paul Slovak, mit dem ich an meinen letzten vierzehn Büchern gearbeitet habe, und mit meinem Agenten Georges Borchardt, der mich noch während meines Studiums aufgenommen hat, und seitdem mein Anwalt, mein Fürsprecher und Heiler meiner Wunden ist. Wenn es George nicht gäbe, würde ich nicht hier sitzen und diese Verteidigungsschrift pro vita sua schreiben.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Beim Lesen der in dem neuen Band versammelten Geschichten wird mir schließlich klar, dass ich auf die Frage nach dem Warum eingehen muss, auf die Frage nach dem, was mich und so viele andere Autoren in meinem Umfeld dazu treibt, Geschichten zu erfinden, selbst angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit der Welt. Als Studenten in Iowa erregte uns die Vorstellung, dass wir Teil von etwas Wichtigem waren, etwas sehr Wichtigem, und wir waren ebenfalls freudig erregt über die Lesungen und öffentlichen Auftritte der Meister dieser Literaturgattung, die zu unserer Unterhaltung in die Stadt kamen – Borges, Updike, Vonnegut, Barthelme, Leonard Michaels, John Gardner, Grace Paley und viele, viele andere. Und ich erinnere mich noch an einen Studenten, der nach einem von Stanley Elkins unglaublichen Auftritten seine Hand hob (uns war bewusst, dass wir nicht in den ersten drei Reihen sitzen durften, wegen der umherfliegenden Speicheltropfen, wenn Stanley sich wie ein Schauspieler in Rage redete) und fragte: »Mr. Elkin, Sie haben eine fantastische Sammlung von Geschichten geschrieben – warum schreiben Sie nicht noch mehr?« Stanleys Antwort: »Kein Geld damit zu verdienen. Nächste Frage.«<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Geld hin oder her, ein Schriftsteller schreibt. Das Erschaffen von Kunst – das Erschaffen von Geschichten – ist eine Art Sucht, wie ich in einem früheren Aufsatz dargelegt habe, <a href="https://www.tcboyle.de/this-monkey-my-back/"><em>This Monkey, My Back</em></a>. Man fängt mit nichts an, öffnet sich, schwitzt und ängstigt sich und blutet, und am Ende hat man etwas. Und wenn man das einmal hatte, will man es nochmal haben. Und nochmal. Und nochmal. Eine gute Kurzgeschichte hat eine elementare Kraft, man erwacht, und da ist etwas Neues und Unerwartetes, sei es zwischen den Seiten eines Buches oder auf den Lippen eines Schauspielers in einem verdunkelten Theatersaal, wo die Worte nackt dastehen und dich zurückführen zur allerersten Stimme, die je in deinem Inneren widerhallte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich bin auf meine Art auch zu einem Schauspieler geworden, der regelmäßig seine Geschichten auf der Bühne präsentiert und den beständigen Pulsschlag des Publikums in der Dunkelheit spürt. Anfangs traute ich dieser Beziehung nicht recht und trug nur lustige Geschichten vor, ich war abhängig von der einfachen Befriedigung, die es mir bereitete, wenn das Gelächter des Publikums zu mir brandete. Doch dann fing ich an, dunklere Sachen zu vorzutragen wie <em>Chicxulub</em>, und ich spürte, wie Tragik und Horror von uns Besitz ergriff; ich und das Publikum wurden an einen Ort versetzt, an dem wir nie in unserem wirklichen Leben, außerhalb der Fiktion, zu sein hoffen. Ich werde die Frau in Miami nie vergessen, die eines Abends nach einem Drittel der Geschichte anfing laut zu schluchzen. Ihr schrecklicher Kummer erschütterte und fesselte uns alle. Ich wollte innehalten und ihr sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, dass alles nur Schein sei, so etwas wie Voodoo-Zauber, um die Willkür in der Welt in Schach zu halten, aber es gab kein Halten und sie ließ sich nicht trösten: Sie erlebte die Geschichte wirklich und ich nicht.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Darin liegt eine beängstigende Kraft und auch eine beängstigende Verantwortung. Jeder von uns nimmt die Welt entsprechend seiner Sichtweise wahr und soweit die Erregungsmuster unserer Sinnesorgane es erlauben, und ich kann nur hoffen, die Welt auf meine ganz persönliche Weise einzufangen, um die Phänomene widerzuspiegeln, die in jedem bewussten Moment auf uns eindringen, während sie erscheinen und wieder verschwinden. Ich will spielerisch und ernsthaft sein, forschend und phantasievoll, neugierig und noch neugieriger, und ich möchte keine Ablenkungen. Ich mache keine Musik mehr, ich schreibe keine Zeitungsartikel oder Drehbücher oder Historisches. Ich treibe keinen Sport und löse keine Kreuzworträtsel und bastle nicht an Motoren herum – das ist alles zu viel. Kunst – die Tätigkeit, die damit verbunden ist – das beansprucht mich und schließt alles andere aus. Ich habe jeden Tag das Privileg, die Welt zu betrachten, wie sie sich mir darbietet, und sie in eine völlig andere Form zu transformieren, in genau die Form, die ich von vornherein geschaffen hätte, wenn ich der Demiurg oder der ursprüngliche Schöpfer gewesen wäre – der Eine, das Wesen, die Macht, ob Geist oder Zufallsprinzip, der dieses ganze wahnsinnige Leben in Gang gesetzt hat.</p>
<hr />
<p><span class="note">Nach dem Vorwort zu <em>T.C. Boyle Stories II: The Collected Stories of T. Coraghessan Boyle, Volume II</em>. Verwendung des Textes bei www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Verwendung der Darstellung mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle.</span></p>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
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		<title>What&#8217;s New? 27/04/2018</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/whats-new-27-04-2018/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[T.C. Boyle]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Apr 2018 07:47:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Irgendwo da draußen in der Welt und auch innerhalb unseres Körpers lauert eine Staphylokokken-Art, die mich über drei Wochen lang ziemlich elend fühlen ließ. Ich hab das Ganze kommen sehen, als ich unten in Temecula beim Vorbereitungstreffen für meine Lesung am ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Ulrich Tepelmann</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2018/05/tcb-clouds.jpg" alt="" width="725" height="380" class="aligncenter size-full wp-image-2173" srcset="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2018/05/tcb-clouds.jpg 725w, https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2018/05/tcb-clouds-480x252.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 725px, 100vw" /></p>
<p>Irgendwo da draußen in der Welt und auch innerhalb unseres Körpers lauert eine Staphylokokken-Art, die mich über drei Wochen lang ziemlich elend fühlen ließ. Ich hab das Ganze kommen sehen, als ich unten in Temecula beim Vorbereitungstreffen für meine Lesung am Mount San Jacinto College war, und dann hat es mich mit voller Kraft erwischt, gerade rechtzeitig um an Bord des großen Vogels für den Flug nach New York zu gehen, um dann bei den Feierlichkeiten für Robert Coover in Providence teilzunehmen. Der Bazillus schüttelte die ersten beiden Antibiotika ab, das dritte brachte ihn dann schließlich unter Kontrolle (nachdem er an meinen Kräften gezehrt und mich ausgelaugt zurückgelassen hatte – und, noch schlimmer, unfähig, zur Feier des Tages mein Glas mit dem Saft vergorener Trauben beim Cooverfest an der Brown University zu erheben). Nichtsdestotrotz war es mir eine Ehre, Bob Coover zu ehren, meinen außergewöhnlichen und dauerhaften literarischen Helden, und alte Freunde wie Bill Kennedy wiederzusehen, und auch neue wie Don DeLillo, Paul Auster und Rick Moody. Was Bob betrifft: Als ich ein durch Drogen benebelter, keine spezifischen moralischen Werte mehr akzeptierender junger Mann in New York war (siehe auch das Vorwort zu <a href="https://www.tcboyle.de/kurzgeschichten/t-c-boyle-stories-ii/"><em>T.C. Boyle Stories II</em></a>), hatte ich die verschwommene Idee, Kurzgeschichten zu schreiben, so wie ich es im Jahr davor auf dem College gemacht hatte, aber ich habe nicht viel zustande gebracht, auf Grund der Notwendigkeit das Leben an sich zu meistern, und auch weil ich mit meinem Kopf gegen jede Wand rennen musste, an die ich kam (und in jenen Tagen gab es eine Menge Wände, die um eine solche Behandlung geradezu gebettelt haben). Damals geschah es, dass ich Bobs erstes Buch mit Erzählungen entdeckte, <em>Pricksongs and Descants</em>, (auf Deutsch: <em>Schräge Töne</em>; Anm. des Übersetzers), und es fesselte mich mit seiner Schönheit, Frevelhaftigkeit und mit seiner schieren sprachlichen Brillianz. Das gab mir den Tritt in den Hintern, den ich so dringend brauchte, und mit der Hilfe von Cortázar, Grass, Kafka, Calvino, Beckett, Ionesco, García Márquez, Barthelme und anderen begann ich die Geschichten zu schreiben, aus denen dann schließlich mein erstes Buch mit Kurzgeschichten erwachsen sollte,  <a href="https://www.tcboyle.de/kurzgeschichten/tod-durch-ertrinken/"><em>Tod durch Ertrinken</em></a>.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Während ich an der Ostküste weilte, erfreute ich mich an dem ersten Erwachen des Frühlings, erfreute ich mich am kalten Regen und pilgerte sogar zu meinen absoluten Lieblingsgewässern im Fahnestock Park (dem hab ich kürzlich auf Twitter ein Denkmal gesetzt). Ich hab mich zweimal mit meinem Agenten getroffen, mit Freunden gespeist, schon mal ein bisschen an der Idee zur nächsten Kurzgeschichte geschnuppert, die Krankheit bekämpft und fühlte mich schon fast wiederhergestellt, als ich an Bord des Fliegers zurück nach Kalifornien ging. Was mich hier im Land des immerwährenden Frühlings (und des Schlamms, des Feuers und des Todes) erwartete, war die sehr willkommene Neuigkeit, dass die Erzählung, die ich gerade vor meiner Abreise vollendet hatte, im New Yorker veröffentlicht werden wird, höchstwahrscheinlich im Juni. Oder so. Dies ist die zweite von den neuen neuen, <em>I Walk Between the Raindrops</em>. Darüber hinaus gibt es die Nachricht, dass Ecco den neuen Roman, <a href="https://www.tcboyle.de/romane/das-licht/"><em>Das Licht</em></a>, im April nächsten Jahres veröffentlichen wird, während der Hanser Verlag es in der Übersetzung im Januar 2019 herausbringen wird.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Und die sehr gute Neuigkeit: Dirk van Gunsteren, mein Übersetzer, ist gerade mit dem Übersetzerpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet worden. Glückwunsch, Dirk!<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was kommt als nächstes? Ich habe nicht die leiseste Idee. Aber ich hoffe, ich kann ein paar Kurzgeschichten erjagen, bevor ich mich, später in diesem Jahr, dem neuen Roman zuwende. Worum wird’s da gehen? Und wieder hab ich nicht die leiseste Idee – aber besteht darin nicht die Schönheit, erdachte Geschichten zu schreiben?<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;In der Zwischenzeit, gerade in dieser Minute, hat mein alter Freund Party Shuffle (ein Modus der Auswahl aus einer Liste von Musikstücken; Anm. d. Übers.) einen Blues von ZZ Top gespielt, den ich noch nie gehört habe. Er heißt <em>Mushmouth Shoutin‘</em> (svw. »Schreien mit Brei im Mund«; Anm. d. Übers.), und er beschreibt ziemlich genau meinen Geisteszustand im Moment.</p>
<p>P.S. Das nebenstehende Foto wurde während des ausgedehnten Sonnenuntergangs in 11000 m Höhe geschossen, am Dienstagabend, nicht lange bevor die Räder des großen Vogels den Boden vom geliebten alten Santa Barbara berührten. Genießt es. Und ich frage Euch: Sind wir nicht Götter?</p>
<hr />
<p><span class="note">Im Original erschien der Text am 27. April 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.</span></p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-27-04-2018/">What&#8217;s New? 27/04/2018</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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		<title>What&#8217;s New? 30/04/2013</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/whats-new-30-04-2013/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[T.C. Boyle]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Apr 2013 21:10:49 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Sabine Anders</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2023/04/news_166i1.jpg" alt="" width="215" height="350" class="alignleft size-full wp-image-7036" srcset="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2023/04/news_166i1.jpg 215w, https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2023/04/news_166i1-184x300.jpg 184w" sizes="(max-width: 215px) 100vw, 215px" />Im Laufe des letzten Monats habe ich sehr viel über die Freuden (und Probleme) des wiederholten Lesens nachgedacht. Was war der Anlass dazu? Ein genauer Blick auf die dicken Korrekturabzüge von <a href="https://www.tcboyle.de/werke/t-c-boyle-stories-ii/"><em>T.C. Boyle Stories II</em></a>, die ich auf etwas archäologische Weise noch einmal lese und dabei Sätze, Stilmittel, Figuren und sogar Handlungsstränge ausgrabe, mit denen ich einmal vertraut war, die ich aber all diese Jahre begraben sein ließ. Die früheren Geschichten (diejenigen, die bis auf das letzte Jahrhundert zurückgehen), die im ersten Teil erscheinen, <a href="https://www.tcboyle.de/werke/schluss-mit-cool/"><em>Schluss mit cool</em></a>, scheinen mir jetzt fast neu, da ich in umherschweifende und halbgeformte Erinnerungen eintauche, wer und wo ich war, als ich sie geschrieben habe. So war es auch mit vielen der Geschichten in <a href="https://www.tcboyle.de/werke/zaehne-und-klauen/"><em>Zähne und Klauen</em></a>. Ich werde Euch nicht erzählen, dass ich vor Freude weinte, obwohl ich nah dran war, aber ich war von vielen Formulierungen überrascht, ganz zu schweigen von den Emotionen, die ich so intensiv gelebt habe, als sie entstanden sind, nur um sie dann all diese Jahre zu vergessen. <em>Friendly Skies</em> (dt. <em>Guten Flug</em>) zum Beispiel, eine Geschichte über ein gewaltsames Ereignis in einem Linienflugzeug, geschrieben im Dezember 1999. Die Geschichte erschien zuerst im <em>New Yorker</em>, dann in <a href="https://www.tcboyle.de/werke/schluss-mit-cool/"><em>Schluss mit cool</em></a>, das eine Woche nach dem 11. September veröffentlicht wurde. An all das erinnerte ich mich lebhaft – ich ging noch in derselben Woche auf Tour, meine ersten Stationen waren New York und D. C., aber diese Geschichte blieb begraben. Notwendigerweise. Ich erinnere mich, dass ich in dieser Woche ernste Geschichten gelesen habe, Geschichten über Gewalt und ihre Auswirkungen auf uns. <em>Killing Babies</em> (dt. <em>Babymörder</em>) war eine davon.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was meine eigene wiederholte Lektüre von Büchern angeht, die mir viel bedeutet haben, so sollte ich sagen, dass ich alle paar Jahre <em>The Stories of John Cheever</em> wieder lese und noch öfter Steinbeck, Faulkner und Hemingway, und ich verliere mich liebend gern in den verschiedenen Hemingway-Biografien, genauso in <em>A Moveable Feast. Lucky Jim</em> (immer noch das witzigste Buch überhaupt, obwohl William Kotzwinkles <em>The Fan Man</em> nah an es herankommt) ist noch eins. Was noch? Wen noch? Coover, Garcia-Marquez, Calvino, Nabokov (und hundert andere). Wiederholte Lektüre im Flugzeug? Brian Moores <em>Blackrobe</em>, DeLillos <em>White Noise</em>, Bob Stones <em>Dog Soldiers</em>. Weil ich an der Uni unterrichte, habe ich bestimmte Bücher sehr oft wiedergelesen, unverzichtbare Texte wie Flannery O’Connors <em>Collected Stories</em>, Jamaica Kincaids <em>Lucy</em>, Kazuo Ishiguros <em>The Remains of the Day</em>, Denis Johnsons <em>Fiskadoro</em>, Richard Fords <em>Rock Springs</em> und viele andere. Und natürlich habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass ich ein altes Lieblingsbuch in die Hand nehme und feststelle, dass es mir einfach nicht mehr taugt (ich werde keine Namen erwähnen, aber Catch-22 fällt mir spontan ein).<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#038;nbspAuf jeden Fall ist es ein ganz anderes Abenteuer, seine eigenen Texte noch einmal zu lesen, und ich habe das – weitgehend eine Freude – Anfang dieses Frühjahr erlebt und nebenbei Tippfehler gefunden. Gestern habe ich meinem Lektor schließlich meine Korrekturen zurückgeschickt, nachdem ich am Sonntag von meiner Alma Mater, SUNY Potsdam, nach Hause zurückgekehrt war. Das Foto anbei, aufgenommen von meinem alten Freund und Klassenkameraden Ted Holynski, zeigt, wie ich Freitagabend nach der Lesung Bücher signiere (ich habe ihnen <em>Back in the Eocene</em> (dt. <em>Zurück ins Eozän</em>) vorgelesen, aus dem ersten Band der gesammelten <a href="https://www.tcboyle.de/werke/t-c-boyle-stories/"><em>T.C. Boyle Stories</em></a>, und <em>Chicxulub</em> aus <<a href="https://www.tcboyle.de/werke/zaehne-und-klauen/">em>Zähne und Klauen</em></a>, das ich in einem schneereichen Winter in einem gemieteten Haus im Wald des Sequoia Nationalparks geschrieben habe, ein Haus, das später zu Schaden kam, als eine Leitung einfror und zerbarst).<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was Neuigkeiten angeht, ist im <em>New Yorker</em> am 15. April <em>The Night of the Satellite</em> erschienen und <em>McSweeney’s</em> hat <em>Burning Bright</em>, meine (neueste) Tigergeschichte in der Ausgabe #43 veröffentlich, die gerade erschienen ist. Wir erwarten weiterhin auf neue Geschichten in <em>Harper’s</em> und im <em>Playboy</em>, und die letzte der neuen Geschichten – die letzte Geschichte, bis der Roman zu Ende ist – wird Ende des Jahres in der <em>Kenyon Review</em> erscheinen. Sie heißt <em>Slate Mountain</em>. Zu guter Letzt: Es ist mir bewusst, dass das Forum (Message Board von tcboyle.com) zusammengebrochen ist, während ich weg war, und ich lasse das meine Technikabteilung bereits untersuchen. Bleibt dran!<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ciao einstweilen.</p>
<hr />
<p><span class="note">Im Original erschien der Text am 30. April 2013 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: Ted Holynski.</span></p>
<hr/>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-30-04-2013/">What&#8217;s New? 30/04/2013</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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		<title>This Monkey, my Back</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/this-monkey-my-back/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[T.C. Boyle]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Nov 2012 14:02:14 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Ulrich Tepelmann</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2017/10/This-Monkey-My-Back.jpg" alt="" width="725" height="380" class="aligncenter size-full wp-image-1866" srcset="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2017/10/This-Monkey-My-Back.jpg 725w, https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2017/10/This-Monkey-My-Back-480x252.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 725px, 100vw" /></p>
<p>Vor einiger Zeit war ich recht lange ein junger Autor, und dann, fast genauso lange, ein jüngerer Autor (jünger als wer, fragte ich mich damals &#8211; Robert Frost?). Jetzt bin ich nur noch ein Autor. Bestimmt kein alter Schriftsteller, keine graue Eminenz, kein Mitglied der Akademie mit vergilbtem Haar, das mir aus meinen Ohren und Nasenlöchern wächst, aber, so denke ich gerne, ein weiser und reifer Autor, der noch einige schöne Jahre vor sich hat. Trotzdem schockierte es mich, als vor ein paar Monaten ein alter Freund auf seinem Rückweg von Mexiko vorbeikam und mir etwas über das Alter, das wir erreicht hatten oder ziemlich schnell erreichen würden, verriet. Wir saßen am Küchentisch und er hatte gerade einige Fotos vor uns ausgebreitet und erzählte zu jedem die Geschichte: Ich sah den Zócalo, die Strände von Puerto Escondido, weiß wie Seifenpulver, die Katakomben unterhalb von uralten Kirchen. Es entstand eine Pause, und dann sagte er: »Weißt du, ich überlege mir, in ein paar Jahren in den Ruhestand zu gehen.« Ich war verblüfft. Hier saß ein gesunder neunundvierzigjähriger Mann, einer, der sich gern modisch kleidete und gutes Geld in seinem eigenen Unternehmen verdiente.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Ruhestand?«, japste ich und stellte mir Gespenster in Pantoffeln vor, die um elf Uhr vormittags vor dem Fernseher hockten und Zitronenwackelpeter mit Bourbon schlabberten. Alles, was mir einfiel, war, aus den Hochglanzfotos vor mir das mit den Katakomben herauszufischen, eingefallene braune Haut und Zähne ohne Lippen, Klauen, die einmal Finger waren, auf Steinplatten liegende Menschen wie gefällte Bäume. Ich hielt das Foto hoch. »Dies ist mein Ruhestand«, sagte ich zu ihm.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;James Baldwin sagte einmal, dass wir schreiben, um Ordnung und Struktur in eine chaotische Welt zu bringen, und das stimmt sicherlich zum Teil, vielleicht sogar zum größten Teil, aber es ist trotzdem mehr als das. Schreiben ist eine Angewohnheit, eine Sucht, ein Verlangen, das genau so stark und mächtig ist wie eine Flasche an deine Lippen zu führen oder eine Nadel in deine Vene. Man könnte es den Drang nennen, aus nichts etwas zu schaffen, oder auch obsessiv-kompulsatorische Persönlichtskeitsstörung, oder auch Logorrhoe oder Wörterdurchfall. Waren Sie neulich mal in einem Buchladen? Haben Sie gesehen, was diese Schriftsteller erschaffen, was sie so an Papier absondern, so ähnlich wie die sorgfältig beschrifteten Gläser mit Scheiße, Pisse und Fußnägeln, die einer von Vonneguts Figuren seiner Frau vermachte, der ultimative Ausdruck seines innersten Ich? Ruhestand? Das alles aufgeben? Klar, wir begeben uns alle zur letzten Ruhe, wenn sie unser Blut aus dem Körper saugen und die Flüssigkeit zum Einbalsamieren hineinpumpen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ganz anders als die meisten meiner Mitstudenten in der Schreibwerkstatt in Iowa in den Siebzigern, und auch anders als der größte Teil meiner eigenen Studenten heute, habe ich meine Sucht nicht im Mutterleib entwickelt und auch nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Ich habe nicht die Berührung eines Engels verspürt, ich trug keine Brille mit Gläsern wie Flaschenböden und keine Zahnspange und kauerte mich auch nicht in dunkle Ecken mit meinen einzigen Freunden, den Büchern, noch habe ich mich wie ein Maulwurf durch die Büchersammlung meines Vaters gewühlt (um das klarzustellen: mein Vater hatte keine Büchersammlung und hat in seinem ganzen Leben kein einziges Buch gelesen, abgesehen davon, was man ihm im Sankt Josephs Heim hineingezwungen hat, dem katholischen Waisenhaus, in dem er bis zur achten Klasse aufgezogen worden ist).<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nein, ich war ein Junge wie alle anderen Jungen. Ich spielte Baseball; streifte durch die spärlichen Reste der Wälder in der Umgebung von Westchester, tötete ein paar Dinge. Ich behauptete mich in der Schule, obwohl es eine Art Strafdienst war. Ich war ein guter Junge, ich wollte es allen recht machen &#8211; so wie fast alle Kinder von Alkoholikern &#8211; und trotzdem, mit fünfzehn oder sechzehn, verwandelte ich mich in einen Schlaumeier. Ein Arschloch. Einen Zyniker. Zum Teil waren Bücher Schuld, aber nicht ganz, noch nicht. Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, Jungs, meine ich, waren die Kinder von wohlerzogenen Eltern, von Mittelklasse-Eltern, sogar wohlhabenden Eltern, und sie waren schlau, klug und unzufrieden. Später kamen Drogen dazu, aber zunächst war es nur dieses wahnsinnige Autofahren, diese verzweifelte Suche nach Sex, die üblichen Anfälle von Vandalismus, Saufen &#8211; und, irgendwie, merkwürdigerweise, Bücher. Wir waren Proto-Hippies, aber das wussten wir nicht. Wir wussten nur, dass wir irgendwas zwischen Gangstern und guten Schülern darstellten, und dass wir Aldous Huxley, George Orwell, J. D. Salinger und Jack Kerouac bewunderten. Schreiben? Nie davon gehört.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mit siebzehn fand ich mich in Potsdam, im Staat New York, wieder, auf der SUNY Potsdam, früher eine normale Hochschule, jetzt immer noch stark dozentenorientiert, aber sich entwickelnd in Richtung auf die freien Künste. Und Musik. Ich ging dorthin, weil ich Saxophon spielte und Musiker werden wollte und weil meine akademische Laufbahn zu dem Zeitpunkt sich von mittelmäßig zu hoffnungslos mittelmäßig entwickelte und kein anderes Institut mich aufnehmen wollte. Da war ich nun, am tiefgefrorenen Arsch der Welt, mit meinem Saxophon und meinen Notenblättern und wenig Talent und ohne Disziplin. Ich fiel durch beim Vorspielen und nahm Geschichte als Hauptfach.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Warum ausgerechnet Geschichte? Ich wusste das damals noch nicht, oder konnte es nicht genau benennen, aber es hatte mit Schreiben zu tun. Es war mir noch gar nicht aufgefallen, aber ich konnte schreiben, und in Geschichte &#8211; anders als, sagen wir, in Biologie oder Mathe, muss man Aufsätze schreiben. Dort, in der Abteilung für Geschichte, habe ich meinen ersten Mentor gefunden &#8211; Dr. Vincent Knapp, der sich auch hochgearbeitet hatte, Schritt für Schritt, aus den Tiefen der Arbeiterklasse. Er sah etwas in mir &#8211; in meiner Art zu schreiben und meiner Intelligenz &#8211; und er versuchte es zu fördern und mich zu ermutigen. Er war der zweite von meinen Vätern, und ich verletzte ihn so wie Allan Sillitoes Langstreckenläufer seinen Vater/Mentor. Ich ging nicht in sein Seminar. Ich trieb mich mit den Verlierern herum.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aber ich las. Ich lernte Flannery O&#8216; Connor in meinem zweiten Studienjahr kennen, und ich meinte ihn schon lange gekannt zu haben, und es war wie eine Explosion, und außerhalb der Seminare, in den Kneipen und in Begleitung eines kleinen Kaders von Leuten wie ich, fing ich an, Updike und Bellow und Camus zu lesen, und dann Barth, Beckett, Genet und Gide, genauso wie Ibsen, O&#8216; Neill, Sartre und Waugh. Die Bücherei war neu, und sie roch nach dem Formaldehyd in den Teppichen, und die Bücher waren neu, jedenfalls die, die ich las, und sie rochen so wie Bücher auch heute noch riechen, nach Klebstoff und Druckerschwärze und Papiermühlen, ein Geruch, den ich mit einem Gefühl der Freude verbinden lernte &#8211; und mit Wissen. Schließlich konnte ich, als ein aufstrebender oder sogar schon etablierter Schlaumeier, vielleicht noch schlauer, noch zynischer, noch überheblicher werden, wenn ich nur genug Wissen hätte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Es gab natürlich den Rock&#8217;n&#8216; Roll, der meine früheren Jazz-Ambitionen auslöschte und mich in eine Art elektrifizierter Ekstase trieb (was später zum Schlagzeug führte, zu noch mehr Saxophon und schließlich zu einer Art von unmoduliertem Ins-Mikrophon-Schreien, während die anderen dazu koordinierten Lärm produzierten), und dann fing ich an Literatur-Seminare zu belegen, und ich entdeckte meinen nächsten Mentor, Kelsey B. Harder. Kelsey war Vorsitzender der Abteilung für Englisch, und er erkannte in mir dasselbe Talent fürs Schreiben, das auch Dr. Knapp im Fach Geschichte schon ausgemacht hatte. Auch ihn habe ich verletzt, mit den Waffen der Gleichgültigkeit und Ausgrenzung, aber ich schrieb ein paar Aufsätze für ihn, und ich merkte langsam, dass es immerhin eine Sache gab, die ich konnte und auch gut konnte. In meinem vorletzten Jahr auf dem College belegte ich mein erstes Seminar in kreativem Schreiben, unter meinem Tutor Krishna Vaid.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Krishna ist ein hinduistischer Romanautor, der in Harvard studiert hatte, und sehr von James Joyce angetan war, und er hatte eine kultivierte, kontinentale Aura. Das Seminar verwirrte mich. Es waren elf Studenten, und alle waren Poeten, und alle schrieben Gedichte, die für mich mindestens unverständlich waren. (Die Dichtung und ich hatten auf der High School einen desaströsen Zusammenstoß, als ein aufgeblasener Pedant von Lehrer die großartigen Gedichte der englischen und amerikanischen Literatur mit einer dermaßen von Pietät durchdrungenen Stimme vorlas, dass ich sein Haar anzünden, die toten Dichter exhumieren und sie auf einen langsamen Kahn nach Patagonien setzen wollte.)<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Damals waren Workshops noch in der Entwicklung, und Krishna leitete sein Seminar recht elementar. Er bat einige Studenten, bis zum nächsten Mal etwas zu schreiben, beim nächsten Mal lasen sie die Ergebnisse dann vor, während wir anderen in tödlichem und nichts verstehendem Schweigen dasaßen und uns darauf vorbereiteten, absolut nichts dazu zu sagen. Dies ging mehrere Wochen lang so, dann wandte sich Krishna an mich und sagte: »Tom, warum schreibst du als nächster nicht mal was?«<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Na klar, warum nicht? Dies war schließlich ein Schreibseminar, und wenn ich dafür ausgesucht worden war, musste ich doch etwas von einem Schriftsteller haben. Das Problem war nur, ich hatte noch nie irgend etwas geschrieben, das heißt, außer den Seminaraufsätzen, und nun stand ich vor dem Problem, mit etwas Kreativem herauszukommen, sei es eine Kurzgeschichte, ein Gedicht oder (warte mal) ein Stück. In einem anderen Seminar hatten wir die absurdesten Dramatiker gelesen, zu einem bin ich sporadisch hingegangen und erbärmlich durchgefallen, aber wir lasen erstaunliches Material: <em>Die kahle Sängerin</em>, <em>Warten auf Godot</em>, <em>Die Nashörner</em>, <em>Der Balkon</em>. Ich fühlte mich zu diesen Stücken hingezogen, besonders weil es mir klar war, dass diese Autoren Schlauberger wie ich waren, gleichwohl sehr gebildete, sehr freche und sehr witzige Schlauberger. Ich schrieb einen Einakter. Zehn oder zwölf Seiten. Er hieß <em>Der Fuß</em>, und er handelte von einem Paar, das wegen des Todes ihres Kindes im Maul eines Alligators trauerte; alles, was von ihm übrig blieb, war sein linker Fuß, bekleidet mit einem Tennisschuh, er stand mitten auf dem Kaffeetisch wie ein Feiertagsgesteck.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich muss hinzufügen, dass Krishna &#8211; Dr. Vaid &#8211; ein Gesicht wie Stein hatte. Er zeigte nie die leiseste Regung von Freude, Entzücken, Hass, Hoffnung, Abscheu, Langeweile oder Seelenpein, wenn meine Mitstudenten ihre erstaunlichen und verwickelten Gedichte vortrugen. Und als er mir zunickte und ich anfing mein Stück vorzulesen, wusste ich &#8211; oder glaubte zu wissen &#8211; was mich erwartete. Was folgte, war eine der größten Überraschungen meines Lebens. Krishna lächelte, dann fing er an zu grinsen und in sich hineinzulachen und schließlich lachte er lauthals. Widerwillig fingen meine Mitstudenten (die, wie ich, alle möglichen Narben trugen, sichtbare und unsichtbare, und die einmütig in ihrer gegenseitigen Verachtung und für die Arbeiten der anderen waren) hier und da mit einem unterdrückten Lachen an. Als ich fertig war, durchdrungen von dem peinlichen Gefühl, zur Erheiterung beigetragen zu haben, so als wenn man den Ball über das Netz geschlagen hat, direkt ins Gesicht des gegnerischen Spielers, begann Krishna zu applaudieren, und meine Mitstudenten auch, obwohl es sie umbrachte. Das war&#8217;s. Das war alles, was nötig war. Ich war am Haken, ich war gefangen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Machen Sie sich klar, welche Dinge eine Rolle in dieser essentiellen Szene, die ich gerade geschildert habe, spielten &#8211; sichtbarer Triumph und öffentliche Schmeichelei, das Übertrumpfen der Mitstreiter, die bescheidene Entgegennahme des Lorbeerkranzes und das Versprechen weiterer schwindelerregender Triumphe. Es war heftig, wirklich heftig, und normalerweise würde ich jetzt sagen, dass ich an mir arbeitete, dass ich emsig mein Talent weiterentwickelte, dass ich wie die sagenhafte Harpyie hoch zum Parnassos flog, aber das wäre nicht wahrheitsgetreu. Ich war am Haken, ich war süchtig geworden, das stimmte, aber die Droge, die ich brauchte, verlangte Hingabe, verlangte Arbeit, und bald fand ich andere Drogen, die nichts verlangten außer einem geöffneten Mund oder eine zitternde blaue Ader, um sie zu empfangen. Oh, ein paar Kurzgeschichten habe ich geschrieben, so wie ich die Wäsche in die Wäscherei tragen oder den Rasen für meinen Vater mähen würde (der in seinem Stuhl saß und seinen Drink wiegte, so als würde der gleich explodieren), aber ich fühlte keinen Drang, keinen Sinn und Zweck.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich war einundzwanzig und ich war gedankenlos und vergiftet durch Rauschgift, wurde mitgerissen im Hippie-Strom wie Amphibienlaich. Ich wusste nichts. Mir war alles egal. Ich stieß auf Leute &#8211; ihre Namen sind auf meinen Lippen wie der Geschmack von Zucker, aber ich nenne sie nicht &#8211; und diese Leute zeigten mir, wie man Heroin kocht und es in die Adern schießt, ein schmächtiger Mann wie ich, ohne Fett am Körper, das die angeschwollenen blauen Leitungsbahnen zu meinem Herzen verbergen könnte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das Ganze dauerte zwei Jahre, meist am Wochenende, und dann starb ein Freund an einer Überdosis, und das erschreckte mich so, dass ich mich wieder an die heilige süße Literatur erinnerte. Ich war kein schwachsinniger Junkie, ich war ein Schriftsteller, obwohl ich gerade nichts schrieb, aber ich war nicht süchtig nach der Szene und den Leuten und danach, was wir für drei oder fünf Dollar pro Tüte auf der South Street in Peekskill kauften, wo ganze Straßenzüge abgebrannt und mit Brettern vernagelt waren als Folge der Martin Luther King-Unruhen. Ich brauchte noch mal zwei Jahre &#8211; und der Begriff <em>Quaalude</em> spricht hier zu mir &#8211; um da rauszukommen, aber ich kam raus.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich habe eine Geschichte über diese Zeit geschrieben &#8211; <em>The OD and Hepatitis Railroad or Bust</em> &#8211; und Robley Wilson Jr. veröffentlichte sie in der <em>North American Review</em>. Damit bewarb ich mich in Iowa, und Iowa nahm mich. Ich war noch nie westlich von New Jersey gewesen, und ich konnte Iowa nicht von Ohio unterscheiden, oder von Idaho, was das betrifft. Aber es war dann alles doch nicht so kompliziert, meine Freundin und mein Hund stiegen ins Auto, wir markierten die Route auf der Karte, und los ging&#8217;s auf dem Interstate Highway 80.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Es war Spätsommer in Iowa, Hügel und Häuser mit quadratischen Gesichtern und Blätter, so grün wie man es sich nur vorstellen kann. Es gab eine Party für neue Studenten an einem schwülen Septembertag, in einem der großen alten Häuser irgendwo in der Innenstadt, und ich erinnere mich, wie Fred Exley hereinstolzierte mit zwei strahlenden und wunderschönen Studenten im Schlepptau, einer männlich und die andere weiblich, mit einer Literflasche Wodka, aus der er große Schlucke trank, als wäre es ein großes, kaltes, helles Bier. Es sollte noch viele Jahre dauern, als <em>Pages from a Cold Island</em> herauskam, bevor ich verstand, wo er gewesen war und was er an dem Tag wohl gedacht haben mag, aber ich war auf jeden Fall beeindruckt: Hier stand ein Schriftsteller.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Es war so: In dem ersten Semester konnte ich zwischen fünf Autoren auswählen, bei welchem ich studieren wollte: Vance Bourjaily, Frederick Exley, Gail Godwin, John Irving oder Jack Leggett. Ich nahm Vance, und das war richtig. Er wurde mein nächster Vater/Mentor, und er war der erste, den ich nicht enttäuschte. Weil ich mich verändert hatte. Ich war wirklich süchtig nach Schreiben, und nichts konnte mich davon abbringen, die Worte herauszulassen &#8211; oder wenigstens wollte ich mich voll und ganz dieser Prüfung stellen, zum ersten Mal im Leben.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Etwas war mit mir passiert, etwas für mich bis heute Unerklärliches: Ich fühlte eine Kraft in mir. Ich will hier nicht mystisch werden, weil die Wissenschaft den Mystizismus in mir zerstört hat, zu meinem ewigen Bedauern, aber ich fühlte mich plötzlich, obwohl ich nichts getan hatte, um es zu verdienen, stark, überlegen, unbesiegbar. Die Leute sagten, ich wäre aggressiv &#8211; das sagen sie immer noch &#8211; aber was ist Überheblichkeit, Arroganz, wie immer man es nennen will, anderes als eine vorbeugende Maßnahme gegen deine eigenen Schwächen? Und ohne eine solche Maßnahme, welche Chance hat man dann, erfolgreich zu sein? Ich fühlte eine Kraft in mir. Ich schrieb. Ich las alles. Ich schrieb mich in das Promotionsseminar ein, zur gleichen Zeit, als ich meinen Magister machte, und hier traf ich den letzten meiner akademischen Mentoren, Frederick P.W. McDowell, der mich Professionalität lehrte und die Liebe zur britischen Literatur des 19. Jahrhunderts. (Ich habe mal eine obskure Bemerkung über einen obskuren Dichter gemacht, als wir vor dem Raum auf seine Vorlesung warteten, und er schwieg einen Moment, sah mich mit einem Blick an, der Holz entrinden könnte, und sagte: »Mr. Boyle, ich zweifle nicht daran, dass Sie zu guter Letzt die Disziplin haben werden, die Anforderungen für den Doktor-Grad zu erfüllen, und lassen Sie mich eines sagen, nicht alle haben das.«)<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vance jedoch. Vance war ein Wunder. Er war ein Fels, ruhig und gefasst, und seine Anwesenheit auf der anderen Seite des Raumes, wenn er eine Pause machte, um sich eine Zigarette zu drehen oder eine lakonische Bemerkung zu machen, war überaus tröstlich. Sein Seminar war das erste, zu dem ich ging im Rahmen des Workshops, und es war rein männlich besetzt. Ich nehme an, da waren vielleicht fünfzehn oder sechzehn Studenten versammelt, die meisten älter als ich, und alle außer dreien (mich eingeschlossen) schrieben über ihre Erfahrungen in Vietnam.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Meine Geschichte kam in der ersten Woche dran. Sie war nicht über Vietnam. Sie war darüber, ein Hippie in einem bestimmten Hippiemilieu zu sein, einer, der Rauschgift spritzte, und ich benutzte ein paar sich wiederholende Bilder, um den Effekt zu erzielen. Vance mochte die Geschichte. Meine Mitstudenten, etwas reservierter, mochten sie. Es war nicht unbedingt die Art von Erfahrung, die ich in Krishnas Seminar machte, aber ich war jetzt in einer viel größeren Arena, und die Erfahrung gab mir Aufschwung (genauso wie Vance&#8217;s Fürsprache, etwas später im Semester, meiner Allegorie <em>Blutregen</em>).<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Es war so: Die drei Autoren, bei denen ich das Glück hatte, in Iowa zu studieren &#8211; Vance, John Cheever und John Irving, einer von Vance&#8217;s ehemaligen Studenten &#8211; waren alle außergewöhnlich großzügig und unterstützen mich sehr. Und das braucht ein junger Autor, um seine Sucht zu füttern &#8211; diese Art Lob und sanfter Kritik, die zu breiterer Bestätigung führt. Man fängt an zu denken: Ja, ich bin im Grunde doch ein Schriftsteller. Nicht nur in der kleinen Welt, aus der ich komme, sondern auch in der großen Welt.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;John Cheever war wie ein Wind, der aus einer entlegenen Ecke blies. Er zog sich sehr korrekt an, mit Anzug und Fliege, und er sprach mit einem Akzent, der aus einer Zeit zu kommen schien, die keiner von uns je gekannt hatte oder sich überhaupt vorstellen konnte. Wir müssen ihm ebenso geheimnisvoll vorgekommen sein, mit unseren zerstrubbelten Haaren und Bärten und mit Kleidern, die die Wohlfahrt noch nicht einmal genommen hätte. Er schien keine große Ahnung davon zu haben, was man als Lehrer tun muss, und dies wurde noch komplizierter dadurch, dass er meistens betrunken war, und trotzdem las er unsere Geschichten sorgfältig und lobte sie, wenn sie des Lobes wert waren. Ich tönte immerzu herum von wegen »experimentellem Schreiben« und pries Leute wie Coover, Pynchon, Barthelme und John Barth, aber Cheever wollte davon nichts hören. Er konnte nichts mit <em>The Sot Weed Factor</em> anfangen und sah auch nicht ein, wieso er sich die Mühe machen sollte, es zu versuchen. Außerdem bestand er darauf, dass seine Arbeit auch experimentell war, aber ich verstand nicht ganz, was er meinte, bis er fünf Jahre später seine gesammelten Geschichten veröffentlichte und ich Sachen wie <em>The Death of Justina</em> noch einmal las, eine Geschichte, die so dunkel und beunruhigend war wie kaum etwas anderes, das ich gelesen hatte. Jede gute Fiktion ist experimentell, sagte er mir, und lassen Sie sich nicht von Moden verführen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Während der nächsten drei Jahre war ich am meisten mit dem Schreiben für meine Promotion beschäftigt, eine fünfzigseitige Analyse über Tennyson, Keats und Matthew Arnold und ihresgleichen, aber ich hatte zunehmend das Gefühl, ich bräuchte die Jagd nach der Meisterschaft, und dieses Gefühl konnte mir nur das Schreiben von Fiktion geben, und so schrieb ich Geschichten, wann immer ich konnte. <em>Abstammung des Menschen</em>, <em>Der Champion</em>, <em>Wir sind Nordländer</em> und <em>Ein Frauenrestaurant</em> stammen aus dieser Zeit, und diese Geschichten &#8211; verrückt, absurd, übertreibend, aber mein Eigentum, alles meins &#8211; erschienen nicht nur in den kleineren Zeitschriften, sondern auch in <em>Esquire</em>, <em>The Paris Review</em> und <em>The Atlantic Monthly</em>. Ich war ein Autor. Klar war ich einer &#8211; und da war der Beweis. Aber als ich in Iowa 1977 meinen Abschluss machte, wurde mir klar, dass ich noch einen Schritt vor mir hatte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ray Carver hatte ein paar Jahre vorher in der Stadt gelebt, in den Tagen von Cheever (sie tranken zusammen in <em>The Mill</em>, und ich werde nie verstehen, warum die Gesellschaft für die Geschichte des Ortes nicht kleine Metallplatten auf die Barhocker geschraubt hat, auf denen sie gesessen haben, während der langen, schweren Stunden, in denen sie Gläser leerten und sich Zigaretten anzündeten), und nun war er zurückgekommen, um im Workshop zu unterrichten. <em>Will you please be quiet please</em> war in dem Jahr herausgekommen und bestätigte, was wir Studenten schon lange gewusst hatten: dass Ray der beste Autor von Kurzgeschichten seiner Zeit war. Er erstaunte und inspirierte mich. Wir sprachen darüber, Geschichten an kleine Zeitschriften zu verkaufen &#8211; verkaufen, das heißt, wenn sie erstmal aus dem Nichts erschaffen und in Form gebracht waren &#8211; aber wir sprachen nicht viel über das Handwerk des Schreibens. Tatsächlich war es so, dass ich mich nicht erinnern kann, damals mit überhaupt jemandem über das Handwerk gesprochen zu haben &#8211; es war wie selbstverständlich, wie ein Weg, den man einschlug, weil man ein Schriftsteller war, jemand, der in der Lage war, alle Geschichten, die es gab, zu assimilieren, und etwas völlig Anderes aus ihnen zu machen, aus ihnen und aus dem Unbehagen und den vergänglichen Freuden des eigenen begrenzten Lebens. Jedenfalls, ich vergötterte Ray, weil er das verkörperte, was ich werden wollte &#8211; und einmal sagte ich das zu John Irving &#8211; das heißt, ich sagte: »Ich will keine Romane, nur Geschichten schreiben, wie Ray« &#8211; und John meinte, ich würde vielleicht eines Tages meine Meinung ändern.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er hatte Recht. Ich änderte meine Meinung. Und wie. Ich fing an mit <a href="https://www.tcboyle.de/romane/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a>, während ich meine Prüfungen machte und saß die nächsten drei Jahre daran, alle einhundertundvier Kapitel. Ich fing damals damit an, vormittags zu schreiben, sieben Tage in der Woche, die Sucht hatte mich endlich voll erwischt und war nun im Endstadium, und ich arbeite seitdem nach diesem Fahrplan. Als ich <em>Wassermusik</em> anfing, hatte ich auch nicht mehr Ahnung davon, wie man einen Roman schreibt, als davon, wie man ein Stück schreibt, als Krishna Vaid mich zehn Jahre zuvor aufforderte, etwas für seinen Workshop zu schreiben. Ich lernte es jedenfalls, Minute für Minute, Tag für Tag, und ich blieb hartnäckig trotz der Bedenken sowohl meines Agenten als auch meines Verlegers, die nicht daran glauben mochten, wie die Geschichte von Mungo Park, Afrikaforscher, und die von Ned Rise, Schlingel, jemals zu einem wenigstens einigermaßen befriedigendem Ende kommen sollten. Glaubt an mich, sagte ich ihnen, und arbeitete weiter, obwohl mein Verleger mich warnte, ich sollte es in weniger als fünfhundert Seiten schaffen (Ich schaffte es, in vierhundertsechsundneunzig, aber ich mogelte, indem ich jede Seite bis zum toten weißen Rand ausnutzte.)<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dann begannen die anderen Bücher mir zuzuwachsen, und ich fing an, Aufmerksamkeit zu erregen und Interviews zu geben und zu artikulieren, was ich in meiner Fiktion zu tun versuche &#8211; oder eher, was ich versucht hatte. Ich sehe, wie meine Bücher und Geschichten unentwirrbar verknotet sind, wie die Themen und Ideen &#8211; die Suche nach dem Vater, Rassismus, Klasse und Gesellschaft, Vorbestimmheit versus freier Wille, Kulturimperialismus, sexueller Krieg und sexueller Waffenstillstand &#8211; sich immer wiederholen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich kann dies sehen, aber nur im Rückblick. Das ist das Schöne an dieser Sucht &#8211; man muss weitermachen, kein Ruhestand, blicke voraus, obwohl du nicht sehen kannst, wo du hingehst. Zuerst hast du gar nichts, und dann, erstaunlicherweise, nachdem du dir dein Hirn und dein Herz herausgerissen hast und deine Freunde und Ex-Geliebten betrogen hast und wie ein Zombie geträumt hast wegen einer Seite, bis du weder sehen noch hören noch riechen oder schmecken kannst, dann hast du etwas. Etwas Neues. Etwas Wertvolles. Etwas, was man hochhalten und bewundern kann. Und dann? Nun, du hast Blut geleckt, nicht wahr? Und du fängst wieder von vorn an, mit gar nichts.</p>
<hr />
<p><span class="note">Aus: <em>The Eleventh Draft</em>, herausgegeben von Frank Conroy, HarperCollins, New York 1999. © T. Coraghessan Boyle. Verwendung des Textes bei www.tcboyle.de seit 2012 mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto von Rob Jordan, Garrison NY, 1973. Von links nach rechts: Davey McGahee, Garrett McCarey, T.C. Boyle, John Cutten. Verwendung des Fotos mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle.</span></p>
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		<title>What&#8217;s New? 28/08/2010</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 08:24:40 +0000</pubDate>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-28-08-2010/">What&#8217;s New? 28/08/2010</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Sabine Anders</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2020/08/news_135i1.jpg" alt="" width="169" height="300" class="alignleft size-full wp-image-3416" />Ja, ich weiß, in meiner letzten Meldung habe ich versprochen, Euch etwas Neues von meinen Veröffentlichungen zu berichten, und das habe ich auch vor, aber zuerst gibt es etwas eher Enttäuschendes aus dem persönlichen Bereich zu berichten: Ich bin die nächsten acht bis zehn Wochen außer Gefecht, mindestens, und musste meine Auftritte beim Cork Literaturfestival und bei der Purdue Universität im September absagen. Warum? Weil das Schicksal, oder wie immer wir die willkürlichen Kräfte nennen wollen, die unser erbärmliches, kleines Leben manipulieren, mir einen Streich gespielt haben. Und zwar folgenden:<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;An einem Dienstag, als ich mein tägliches Pensum an meinem neuen Roman, <a href="https://www.tcboyle.de/romane/san-miguel/"><em>San Miguel</em></a>, abgeschlossen hatte, nutzte ich den Nachmittag für eine Wanderung in der Red Rock Gegend des Santa Ynez Flusses. Es war 42 Grad heiß und ich wusste, dass bei der Hitze niemand weiter als bis zum ersten Teich wandern würde &#8211; niemand außer mir, heißt das. Und so hatte ich große Freude daran, etwas über zwei Meilen weit über ziemlich rauen Boden zu wandern &#8211; über vom Wasser schlüpfrige Steine und Felsbrocken, die einem im Handumdrehen den Knöchel oder das Bein brechen konnten, wenn man einen falschen Tritt machte. Ich war schwimmen und tollte im Wasser umher und wanderte zurück und alles war wunderbar. Dann ging ich ins Haus, stolperte über den Wohnzimmertisch und brach mir ein Bein.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ja, ich weiß, genau so passieren solche Sachen. Aber wie langweilig. Am schlimmsten finde ich, dass ich still sitzen und mich entspannen soll (kann man »hyperaktiv« sagen?), und genau das muss ich tun – und mich strikt daran halten – oder riskieren, dass der Bruch nicht zusammenwächst, was bedeutet, dass ich eine Operation bräuchte, um die Stelle mit Metallplatten und Schrauben zu fixieren – eine Prozedur, der ich auf jeden Fall entgehen will. Ich bin bereits auf niederschmetternde Weise gelangweilt und frustriert, aber natürlich kann ich immer noch schreiben, und ich hoffe, dass diese unfreiwillige Periode der sitzenden Lebensweise es mir ermöglichen wird, schneller mit dem Roman voranzukommen. Entweder das, oder ich bringe mich um. Bleibt am Ball.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was die Veröffentlichungen angeht: Viking bringt den neuen Roman, <a href="https://www.tcboyle.de/romane/wenn-das-schlachten-vorbei-ist/"><em>Wenn das Schlachten vorbei ist</em></a>, im Februar heraus, und ich rechne fest damit, dass ich mich bis zu der Tour, die mit der Veröffentlichung einhergehen wird, erholt haben werde. Zur gleichen Zeit wird Penguin die Taschenbuchausgabe von <a href="https://www.tcboyle.de/kurzgeschichten/wild-child/"><em>Wild Child</em></a> herausbringen sowie (im Januar) eine neu aufgemachte Sonderausgabe von <a href="https://www.tcboyle.de/romane/america/"><em>América</em></a> mit einigen erstaunlichen Kunstwerken von einem Tätowierungskünstler. Ein Auszug von <em>Wenn das Schlachten vorbei ist</em> erscheint in der September/Oktober-Ausgabe von Orion (<em>Scorpion Ranch</em>), zusätzlich zu dem, der vor kurzem in McSweeney’s abgedruckt war. Ein letzter Auszug wird in der Zeitschrift meiner Alma Mater veröffentlicht, The Iowa Review, für die ich in den 70ern als Assistent von Robert Coover, dem Herausgeber für den Belletristikteil, gearbeitet habe, und dann, für ein Jahr, selbst Herausgeber für den Belletristikteil war. Neue Geschichten erscheinen in drei Zeitschriften. <em>What Separates Us From the Animals</em> ist für die Oktober-Ausgabe von Harper geplant und <em>Good Home</em> und <em>In the Zone</em> werden jeweils in zukünftigen Ausgaben des Playboy und der Kenyon Review erscheinen. Und eine Geschichte aus meiner ersten Sammlung, <em>We Are Norseman</em>, wurde gerade in einer neuen Anthologie abgedruckt, herausgegeben von Peter S. Beagle mit dem Titel <a href="https://www.goodreads.com/book/show/7850063-the-secret-history-of-fantasy" rel="noopener noreferrer" target="_blank"><em>The Secret History of Fantasy</em></a>. Die Idee, die dahinter steckt, ist, dass Autoren von Literatur manchmal etwas erschaffen, das man Fantasy nennen könnte, während Fantasy-Autoren oft literarische Werke schreiben. Alles eine Sache der Definition, nehme ich an.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aber, ach, mein armer schmerzender Körper. Und nein, ich nehme keine Schmerztabletten oder schütte Alkohol in mich hinein – noch nicht jedenfalls. Ich will einen klaren Kopf behalten, um an dem neuen Roman weiterzuarbeiten, und vielleicht sogar langsamer tun und das gemütliche und zurückgezogene Leben genießen (ertragen?). Gestern erst, als ich auf der Terrasse in der Sonne las, hörte ich die Vögel alle zwitschern und die Eichhörnchen das Ihre tun. Das nennt man Erfahrung. Oder vielleicht Entropie. Und als ich ins Bett ging, die Beine ganz steif, wurde ich unaufhörlich von diesen perfekten Turnern und Akrobaten unterhalten, den Ratten, als sie an den Wänden und der Decke zeigten, was sie draufhatten. Bei ihnen gab es keine gebrochenen Beine, den kleinen Mistviechern.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ciao.</p>
<hr />
<p><span class="note">Im Original erschien der Text am 28. August 2010 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.</span></p>
<hr/>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-28-08-2010/">What&#8217;s New? 28/08/2010</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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		<title>What&#8217;s New? 07/09/2005</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/whats-new-07-09-2005/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[T.C. Boyle]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Sep 2005 21:13:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Für diejenigen unter Euch, die schon sehnsüchtig auf Neuigkeiten von der Veröffentlichung von <em>Zähne und Klauen</em> und der kommenden Lesetour gewartet haben, hier sind sie: Viking wird den Sammelband am 12. September herausbringen, zeitgleich mit Penguins Veröffentlichung ...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-07-09-2005/">What&#8217;s New? 07/09/2005</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h5 style="text-align: center;">Von T. Coraghessan Boyle</h5>
<p style="text-align: center;"><em>Deutsch von Beate Walz</em></p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2025/09/news_78i1.jpg" alt="" width="300" height="300" class="alignleft size-full wp-image-8319" srcset="https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2025/09/news_78i1.jpg 300w, https://www.tcboyle.de/wp-content/uploads/2025/09/news_78i1-150x150.jpg 150w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Für diejenigen unter Euch, die schon sehnsüchtig auf Neuigkeiten von der Veröffentlichung von <a href="https://www.tcboyle.de/werke/zaehne-und-klauen/"><em>Zähne und Klauen</em></a> und der kommenden Lesetour gewartet haben, hier sind sie: Viking wird den Sammelband am 12. September herausbringen, zeitgleich mit Penguins Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe von <a href="https://www.tcboyle.de/werke/dr-sex/"><em>Dr. Sex</em></a> (für welche mit einer ganzseitigen Anzeige in der kommenden Sonntagsausgabe der <em>New York Times Book Review</em> geworben wird, wie man mir sagte). Obwohl ich bis jetzt noch keine Abzüge meiner Kurzgeschichten aus der Penguin/Speaks Young Adult Anthologie <a href="https://www.tcboyle.de/werke/der-fliegenmensch/"><em>Der Fliegenmensch</em></a> zu sehen bekam, erwarte ich, dass sie doch baldigst in den Regalen stehen wird. Ist alles sehr aufregend. Und diese hektischen Aktivitäten, mit denen der Oktober beginnt, könnten in eine nette ruhevolle Phase auspendeln und mich in einen tiefen Winterschlaf lullen bis zur Unbill der Tour für <a href="https://www.tcboyle.de/werke/talk-talk/"><em>Talk Talk</em></a> im nächsten Juli. In der Zwischenzeit fahre ich fort, neue Kurzgeschichten zu schreiben. Gerade habe ich eine vollendet, in der ich den letzten harten Winter hier thematisiere (nichts im Vergleich zu dem, was an der Golfküste passiert, mehr darüber weiter unten), und ich hoffe, an neuen Storys bis über das Jahresende hinaus zu arbeiten. Danach, wenn alles gut läuft, möchte ich noch vor der Tour zu <a href="https://www.tcboyle.de/werke/talk-talk/"><em>Talk Talk</em></a> mit dem nächsten Roman beginnen. Wir werden sehen, wie sich das alles entwickelt. Nun zu den Tourdaten: </p>
<ul style="padding-left: 30px;">
<li>9/14, 6:30: <strong>San Francisco</strong> &#8211; The Commonwealth Club, 509 Market St.</li>
<li>9/15, 7:00: <strong>Los Angeles</strong> &#8211; Beverly Hills Public Library, 440 N. Rexford Drive</li>
<li>9/21, 7:00: <strong>New York</strong> &#8211; Barnes &#038; Noble, Lincoln Center</li>
<li>9/22, 6:00: <strong>Boston</strong> &#8211; Brattle Theater, Harvard Square, Cambridge</li>
<li>9/23, 7:00: <strong>New York</strong> &#8211; New Yorker Festival, The Newspace, 530 W. 21st St.</li>
<li>9/24, 12:00 &#8211; 1:00: <strong>New York</strong> &#8211; Barnes &#038; Noble, Union Square, Signing only</li>
<li>9/25, 3:00: <strong>Baltimore</strong> &#8211; Baltimore Book Festival, 600 Block North Charles St.</li>
<li>9/26, 7:00: <strong>Arlington</strong> &#8211; D.C. Olssons Courthouse Store, 2111 Wilson Blvd.</li>
<li>9/27, 8:00: <strong>Miami</strong> &#8211; Books &#038; Books, 265 Aragon Ave., Coral Gables</li>
<li>9/28, 7:00: <strong>St. Louis</strong> &#8211; Left Bank Books, Offsite</li>
<li>10/6, 1:00: <strong>Los Angeles</strong> &#8211; USC, Doheny Library</li>
<li>10/20: <strong>Sierra Madre</strong> &#8211; One Book/One Community, The Tortilla Curtain, Details to come</li>
<li>11/16, 7:30: <strong>Sacramento</strong> &#8211; CA Lectures,Crest Theater, 1013 K St.</li>
</ul>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das wäre es bis jetzt, obschon auch Radio- und Zeitungsinterviews und vielleicht TV in dieser oder jener Stadt dazukommen. Allein das Abtippen der Liste macht mich schwach und atemlos, obwohl sie nichts ist im Vergleich zu den letzten Lesereisen &#8211; und oh Gott oh Gott, die Tour zu <a href="https://www.tcboyle.de/werke/talk-talk/"><em>Talk Talk</em></a> wird diese wie ein Nickerchen aussehen lassen. Es ist immer noch eine Menge an Reisezielen übrig und das ist recht besorgniserregend, aber ich werde mein Bestes geben, um jeden Abend frisch und geistreich zu sein und versuche, meine Reserven mit der superben Bordküche aufzutanken, um für Euch in Form zu bleiben.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nun zu einem ernsteren Thema: Ich möchte meine Anteilnahme all jenen vom Hurrikan Katrina Betroffenen aussprechen. Die Verwüstungen sind wahrlich unfassbar, selbst für die sensibelsten Gemüter, und wir hier in Kalifornien beginnen gerade zu begreifen, was ihr durchmacht. Meine Schwägerin lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe von Lafayette, und sie und ihre Familie haben in ihr von größeren Schäden verschont gebliebenes Haus eine vierköpfige Familie aufgenommen, völlig Fremde, die es geschafft haben, der Überschwemmung zu entkommen, nach Nächten in einem verlassenen Haus, und denen nichts geblieben ist, außer ihrem Leben. Ohne Ausweis, ohne Geld, ohne Scheckbuch, ohne Kreditkarten. Und der einzige Lebensmittelladen am Ort, ein Walmart, wurde komplett ausgeräumt. Ich fühle mich an Faulkners Story des dürren Gefangenen und dem über die Ufer getretenen Mississippi (<em>Old Man</em>?) erinnert, und ich weiß, alles wird besser; ich denke dabei ebenso an Robert Coovers <em>In Bed One Night</em>, wo eigene Betten zu einem Luxus werden, den sich die Welt nicht mehr leisten kann, und ich weiß, alles wird schlimmer. Materieller Komfort, Privatsphäre, das Recht des Individuums, sich die Welt zu Nutzen zu machen, all dies ist im Strudel untergegangen. Einer unserer Messagistas, Gary76, meinte, die Naturgewalt des Hurrikans erinnere ihn an meinen Roman <a href="https://www.tcboyle.de/werke/ein-freund-der-erde/"><em>Ein Freund der Erde</em></a>, doch für mich kommt es eher einer meiner jüngsten Short Storys, <em>Chicxulub</em>, nahe, wo uns das Universum sein gleichgültiges Gesicht zuwendet.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<em>Bon santé</em> Euch allen. </p>
<hr />
<p><span class="note">Im Original erschien der Text am 07. September 2005 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Beate Walz.</p>
<hr/>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new-07-09-2005/">What&#8217;s New? 07/09/2005</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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			</item>
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