Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Beate Walz
Letzte Woche wandelte ich auf nostalgischen Pfaden der Erinnerung durch den Hickory Hill Park in Iowa City, ein Ort dichten Waldes, stehender Bäche und schwindelerregender Höhen. Hierher kam ich während meiner Studentenzeit beim Writers‘ Workshop, um in den wilden Wäldern Erbauung zu finden. Sie erinnern mich an die dichten und ausgedehnteren Wälder meiner Kindheit in Peekskill, New York. An jenem Tag war das Wetter perfekt – Altweibersommer, an die 20° Celsius, nichts trübte die Stimmung – und ich genoss uneingeschränkt meinen kleinen Streifzug, der später am Nachmittag in Iowa City endete, im einladenen Bezirk von George’s Buffet (Bar). Während ich dort draußen in den Wäldern war, hatte ich einen kleinen Annie-Dillardesque-Moment, als ich plötzlich auf eine neugeborene – oder kurz zuvor geborene – hilflos auf dem Rücken liegende Feldmaus stieß. Nun, ich muss zugeben, meine bisherigen Erfahrungen mit Nagetieren waren ausschließlich negativer Art gewesen (Ich frage Euch Rattologen dort draußen, warum Ratten nicht aufhören, jede Nacht Cola-Flaschen durch die Mauerräume dieses alten Hauses zu rollen?), und erst neulich hatte ich die hängende Ratten-Futterstation in meinem Garten in eine Vogelfutterstation zurück verwandelt, indem ich eine umgedrehte Tortenplatte über dem Zuführseil befestigte. Doch hier war nun dieses perfekte Lebewesen, das ich in meiner Hand wärmte, bevor ich es abseits ins Moos setzte, wo es seine Mutter voraussichtlich wiederfinden würde. Ich fühlte mich gut. Weil hier war eine graue Feldmaus, wo sie hingehörte, in einem Feld – und nicht in einer Speisekammer, wo sie zwischen Einmachgläsern nur Unsinn anstellt. Also rezitierte ich einen kleinen »Robbie Burns« (Wee, sleekit, cow’rin, tim’rous beastie,/O, what a panic’s in thy breastie!) und nahm meinen Weg hinunter zu George’s und einem feierlichen Schlückchen Tullamore Dew wieder auf.
Neben diesem Erlebnis verblasst alles andere. Dennoch war ich erfreut, zu sehen, dass in Booch’s in Columbia, M0, die Studenten an die Bar drängelten, um halb zwölf Uhr morgens Bier zu trinken, während die älteren Semester im Hinterzimmer Pool-Billard spielten und an ihren eigenen Bieren nippten. Ich gab Lesungen in beiden Städten, Columbia und Iowa City, genoss die Tour über die ganzen 250 Meilen, die sie trennen. Und dann lieferte ich mich selbst einmal mehr der Hölle der Fluggesellschaften aus. (Ja, der Flug hatte Verspätung ab Cedar Rapids; ja, wir saßen, angekommen in Dallas, für einanderthalb Stunden fest, weil kein Flugsteig frei war; ja, der Flug ab Dallas hatte zwei Stunden Verspätung und beinhaltete vier Flugsteigwechsel, und ja, ja, ja, der Pilot ließ uns wieder aussteigen, weil ein Leck im Tank entdeckt wurde, und ja, wir mussten dort übernachten und die erste Maschine zum Los Angeles Airport nehmen, nur um in Albuquerque notzulanden. Herrgott – das reicht aus, um in mir den Wunsch aufkommen zu lassen, die nächste Tour gänzlich zu Fuß zu erledigen. Eine Lesung in Boston? Kein Problem. Gebt mir ein paar Monate Zeit. Ich laufe.)
So. Zu den Neuigkeiten. The Kenyon Review wird die neue Story Hands On veröffentlichen, und The Paris Review die Geschichte Balto. Talk Talk ist nun in Deutschland, im Hanser Verlag, erschienen, und ich entdeckte ein neues kleines Buch im Stuttgarter Reclam Verlag, After the Plague and other Stories, welche nicht mit unserer amerikanischen Version identisch ist. Es ist stattdessen eine Kollektion von sechs Kurzgeschichten in englischer Sprache (Heart of a Champion, Two Ships, Sinking House, Carnal Knowledge, After the Plague und Peep Hall), mit deutschen Fußnoten und Erklärungen. Wirklich sehr nett. Und noch mehr: Ich habe wie verrückt gearbeitet, habe den ersten von drei Teilen zum neuen Roman fertig, ganze 165 Seiten, und ich freue mich darauf, nach dem New Yorker Festival am kommenden Wochenende damit fortzufahren und Euch endlich über die Handlung aufzuklären.
Bis dahin Hasta Luego. Und wünscht mir sanfte, effiziente und sehr, sehr sichere Flüge.
PS: Vergleicht mein Maus-Erlebnis mit meiner Puma-Begegnung, die Beschreibung dazu ist irgendwo im News-Archiv zu finden. Sommer 2002, glaube ich.
Im Original erschien der Text am 30. September 2006 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Beate Walz.
