Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Ulrich Tepelmann
Und wieder bricht ein Monat von meinem Leben ab und stürzt brüllend in die eisigen Fluten. Die Gletscher schmelzen. Die Bösartigkeit in Person da in Washington dreht die Heizung auf und und macht so den Autor von Ein Freund der Erde zum Propheten. Es war und ist, typisch für die Jahreszeit, trocken hier und, untypisch für die Jahrezeit, heiß, und es ist keine Linderung in Sicht. Wie die Familie in Blue Skies haben wir keine Klimaanlage und brauchten bisher auch keine, aber die extreme (und ungewöhnliche) Luftfeuchtigkeit auf Grund des übernormal warmen Ozeans, in Verbindung mit den Hurricans in Mexiko, haben dazu geführt, dass die Temperaturen nachts nicht so stark abgefallen sind wie sie eigentlich sollten. Was mache ich dagegen? Schwitzen. Im selbigen Ozean schwimmen. Mehr Zeit im Gartenteich einplanen, um den Grund von Schlamm und Dreck zu befreien. Ich sehne kühlere Temperaturen herbei, den Regen und den Zerfall, die Zerrüttung und die Zerstörung von Trump. Der Herbst ist jetzt offiziell da – so möge also all das beginnen!
Inzwischen schreibe ich am nächsten Roman (Arbeitstitel: Mercy), und habe ihn vielleicht zur Hälfte fertig. Das ist immer schwer zu sagen, denn Geschichten entstehen aus Geschichten und folgen ihren eigenen Gesetzen, also schauen wir mal. Was kann ich darüber erzählen, ohne mich in den Wüstensand unter eine gnadenlose Sonne zu legen? Spielt in der heutigen Zeit. Zwei Schwestern. Probleme mit Buchverboten, Zensur, Glaube, und die Verwendung des Namens Jesu als neunschwänzige Peitsche. Es ist, wie einige meiner letzten Arbeiten, eine grimmige (schwarze) Komödie, durchdrungen von der Freude an Sprache und Hoffnung auf das Schöne. Bleibt dran.
Außerdem ist, wie Ihr vielleicht bereits wisst, für März der neue Kurzgeschichtenband, Das Ende ist nur ein Anfang, geplant. Zwölf Erzählungen, darunter meine Politsatire 2036, die bald, wie ich gerade erfahren habe, im neu gestalteten Playboy erscheinen wird, also in einem Magazin, das meine Geschichten seit den Zeiten der verstorbenen großartigen Alice K. Turner veröffentlicht hat. Der Inhalt in absteigender Reihenfolge: Prinzessin, Kalter Sommer, Schutzgebiet, Das Ende ist nur ein Anfang, Ich rate zu Kunstfaser, Der Menschenfresser, Was die Fotos nicht zeigten, Das nichtexistente Kind, Der Elgar, 2036, In Vino Veritas, Der Pool. Das hängt natürlich alles davon ab, ob es uns im Frühjahr noch gibt, bedenkt man die neuesten Warnungen über die Machenschaften der KI (siehe das brilliante Titelbild des New Yorker (9. Sept.) und die siegreiche Rolle unseres früheren Gouverneurs in Der Terminator).
Ich schließe mit einem Zitat aus John Keats‘ An die Herbstzeit:
Du Zeit der Nebel und der reifen Fruchtbarkeit / Der späten Sonne wie ein Herzensfreund verbunden / Die, mit der Zeit dazu verschworen, zu segnen alle Reben / Die ums Strohdach ranken, und sie mit Frucht zu füllen. (Deutsch von Gisela Etzel, 1910)
Keats wusste nichts von KI und er starb mit fünfundzwanzig an TBC, aber er kannte die Jahreszeiten und er kannte die Erde und die sinnliche Freude, am Leben zu sein auf diesem doch so grauenvollen Planeten. Die Gletscher kalben, die Blätter fallen, und trotz all der Mächte, die sich gegen uns verschworen haben, sind wir noch da, und das ist doch ein Grund zum Feiern, oder?
Im Original erschien der Text am 30. September 2026 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.
