Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

ABHÄNGIGKEITSTAG

Wir erwarten von der Politik ja nicht, dass sie so verdammt ironisch ist, oder? Da war natürlich Nixon, der im Weißen Haus zur Unterstützung seiner Kampagne »Krieg gegen die Drogen« einen sichtlich angeschlagenen Elvis Presley empfing, oder George W. Bush, Knecht der Ölindustrie, der wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf den Klimawandel verschleierte, oder Bill Clinton, der bestritt, »diese Frau« zu kennen, trotz der Spermaflecken auf Monika Lewinskys marineblauem Kleid und trotz dessen, was ein DNA-Test über deren Herkunft aussagen würde, aber es gab in den 250 Jahren, seit Amerika seine Unabhängigkeit von England erklärt hatte, noch nie etwas, was auch annähernd so war wie das hier. Ich spreche hier von Amerikas 250-Jahr-Feier, bei der derselbe Mensch den Vorsitz führt, der unsere Demokratie gegen eine Diktatur ausgetauscht hat, die er per Dekret leitet. Da könnten wir genauso gut Putin einfliegen lassen, damit er für uns die Fahne schwenkt.
     Leider, tragischerweise, gibt es an diesem vierten Juli 2026, zu einer Zeit, in der Trump und sein ihm treu ergebener Führungsstab die Verfassung hinfällig werden lassen, herzlich wenig zu feiern. Der Oberste Gerichtshof, aus dem Gleichgewicht gebracht von ultrarechten Ideologen, hat dem Präsidenten uneingeschränkte Immunität gewährt, so dass er während seiner Amtszeit jede Art von Verbrechen verüben kann, so viele, dass man hier noch nicht mal an der Oberfläche kratzen kann. Er manipuliert den Aktienmarkt durch eine flüchtige Andeutung in einem Twitter-Beitrag. Er zwingt uns, die Einwanderungsbehörde I.C.E., seine eigene private Polizeitruppe, zu finanzieren, ganz zu schweigen von seinen Bauprojekten wie dem neuen und prächtigen Ballsaal im Weißen Haus. Er führt Krieg, so wie es ihm allein passt, ungeachtet dessen, dass laut Gesetz der Kongress solchen feindseligen Unternehmungen zustimmen muss, und das, obwohl er doch auf den Friedensnobelpreis aus ist. Er hat den Irankrieg beendet, oder etwa nicht? Vollkommen egal, dass er allein ihn begonnen hat, dass der Hunderte Millionen Dollar an Steuergeldern verschlungen hat, unsere Raketenreserven aufgebraucht, Schäden in unvorstellbarer Milliardenhöhe verursacht und Tausenden das Leben gekostet hat. Das Einzige, was zählt, ist, dass er einen Friedensvertrag ausgehandelt hat – noch aushandelt. Es spielt keine Rolle, dass die Bedingungen nicht besser sind als diejenigen, die Obama unterschrieben hat – unser Mann des Friedens hat den Konflikt beendet. Das behauptet er jedenfalls, jetzt, wenn ich dies schreibe, an diesem Nationalfeiertag, an dem wir die Grundlage dessen feiern, was einst unsere Demokratie war.
     John Adams, einer der Gründerväter und der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, schrieb einst: »Denkt daran, Demokratie währt nie lange. Sie verbraucht sich schnell, erschöpft sich und bringt sich selbst um. Es gab noch nie eine Demokratie, die nicht Selbstmord begangen hat.« Unser Präsident, der Wahlergebnisse leugnet, hatte kein Problem mit der Legitimität der Wahl von 2024, nach der er zum Sieger erklärt wurde, und nun steht er da, überspannt die enge Welt wie ein Koloss (siehe Shakespeare: »Julius Cäsar«), um über unsere Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag zu thronen und nimmt, wenn er schon mal dabei ist, selbstverständlich alles für sich in Anspruch, was einst großartig an diesem Land war. Selbstmord einer Nation? Er hält uns allen gemeinsam das Messer an die Kehle.
     Am 14. Juni, hier ein landesweiter Feiertag (Flag Day), der zufällig mit seinem Geburtstag zusammenfällt, inszenierte er ein Spektakel im Weißen Haus (das heißt, in dem Teil, der noch steht), und zwar nicht zu Ehren Amerikas, sondern für sich selbst, in all seiner Größe und Herrlichkeit. Ist es vorstellbar, dass es bei der 250-Jahr-Feier anders sein wird? Der vierte Juli. Hotdogs, Baseball, Paraden, Coca Cola, Bier, Feuerwerk, gute Laune und Hoffnung für die Zukunft, ein Tag, um zu chillen und unsere gemeinsame Geschichte in ihrer ganzen Pracht zu feiern … aber nicht diesmal, nicht dieses Jahr. Niemand, den ich kenne, ist in der Stimmung, irgendetwas zu feiern.
     Ein dreifaches Hoch, hipp hipp hurra!

T.C. Boyle
Santa Barbara, Kalifornien


Im Original erschien der Text am 04. Juli 2026 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.