Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Ulrich Tepelmann

Feliz Navidad, Joyeux Noel, Happy Holidays und Frohe Weihnachten für alle. Heute ist ein wunderschön trüber und verregneter Feiertag (und was machte es da schon aus, dass der Keller unter Wasser stand und ich eine Stunde lang mit Wischmopp und Eimer da unten zubrachte?). So sollte die Weihnachtszeit sein – mal ehrlich, wer braucht an Weihnachten schon Sonne, die auf Palmen scheint? Ich jedenfalls nicht. Gemäß dem Brauch in der Familie meiner Frau wurden die Geschenke gestern Abend überreicht und Pakete aufgerissen und wir feierten, auch wenn ich Zeit fand, meine erneute Lektüre der »Weihnachtsgeschichte« von Charles Dickens fortzusetzen, nachdem ich mir vor zwei Tagen die minderwertige Filmversion von 1938, die mit Reginald Owen, angesehen hatte (die Version von 1951 mit Alastair Sim ist viel besser). Da ich nicht religiös bin, hat Weihnachten für mich wenig zu tun mit Geistern und Göttern, dafür aber mehr mit Nostalgie und Erinnerungen an vergangene Weihnachten, ja genau, sogar die allerersten, an die ich mich erinnern kann. (Und nein, ich habe noch keine eigene Wiedererleben-Kiste, aber ich hätte gern eine.) Ich höre Weihnachtslieder, Bach und Händel, liege am Kamin, lese und spüre eine tiefe innere Ruhe, trotz der Intrigen in der Welt da draußen und der Unmenschlichkeit unserer Anführer, für die »Empathie« ein Schimpfwort ist. Als Scrooge geläutert war, verstand er die Freude, die in der Anerkennung und Fürsorge für Andere liegt, aber so etwas wird man nie über den bösartigen Charakter sagen, der derzeit das Weiße Haus befallen hat.
Wie dem auch sei, ich wünsche Euch nichtsdestotrotz viel Freude an den Feiertagen. Ihr könnt Euch auf No Way Home in diesem Frühjahr freuen, und auf The End Is Only A Beginning im Jahr darauf. In der Zwischenzeit, ob Weihnachten ist oder nicht, arbeite ich am nächsten Roman, bin jetzt bei Seite zwanzig angelangt und versuche, weiterzukommen. Zumindest heute gehe ich nirgendwohin (außer natürlich in die Küche, um meine Pflichten als Küchenmagd zu erfüllen). Jeder verkrustete, fettverschmierte Teller und jede verklumpte Gabel erinnert mich daran, wieviel Glück ich habe. Und noch besser, der Geschirrspüler scheint problemlos zu laufen, was nicht immer der Fall ist. Da wir über Frieden sprachen – das Brummen jener Maschine beruhigt absolut meine Seele.
Genießt, meine Freunde. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Im Original erschien der Text am 25. Dezember 2025 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.
