Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Ulrich Tepelmann
Wie diejenigen von Euch, die meinem Twitter-Feed folgen, wissen werden, bin ich gerade von einem Aufenthalt in der Wüste zurückgekehrt. Dort konnte ich über die kargen und verdorrten Geheimnisse des Lebens nachdenken und gleichzeitig eine Übung in Askese vollziehen, nämlich in der Wüste auf Dessert zu verzichten, obwohl Dessert nicht zu den Dingen gehört, vor denen ich desertiere. Allerdings bemerkte einer meiner Freunde gegenüber K., die es dann mir gegenüber erwähnte, dass ich so glücklich wirke wie schon lange nicht mehr. Das überraschte mich, aber ich schätze, wir müssen dies meinen immer ausgefeilteren schauspielerischen Fähigkeiten zuschreiben. Während ich nach außen die Rolle eines dynamischen und fröhlichen Menschen spiele, fürchte ich, dass ich innerlich verdorrt bin, emotional und intellektuell erschöpft von der Absurdität und der Heuchelei in unserem Alltag, in dem wir so leben, als würde der Tod uns niemals ereilen (»Du kannst mich die ganze Zeit von oben herab behandeln/Und du kommst vielleicht auch nie zu mir/MutterErde wartet auf dich/Es gibt eine Schuld, die du begleichen musst/Egal, wie reicht du bist/Egal, was du wert bist/Im Endeffekt musst du zurück zu Mutter Erde«). Doch wenn ich Tracy Nelson diese Zeilen singen hören, reißt mich das sofort aus diesen Gedanken. Sing den Blues. Lebe den Blues. Nimm den Blues geradewegs mit ins Grab.
Tatsächlich habe ich vor einigen Tagen eine gute Freundin verloren. Ariane Fasquelle war im vergangenen Vierteljahrhundert meine Lektorin bei Éditions Grasset, und sie war eine Frau voller Anmut, Schönheit und Talent, die die Stadt der Lichter bei jedem meiner Besuche noch strahlender machte, und die Sonne heller scheinen ließ, wenn sie mich hier in Kalifornien besuchte. Ich werde sie vermissen. Und ich schätze die Stunde sehr, die wir letzten Monat in Paris miteinander verbracht haben. Wir schwelgten in Erinnerungen. Wir tranken Wein. Und wir nahmen Abschied voneinander. So sind die Tage und die Stunden und die Minuten unseres Lebens.
Für mich und für diejenigen unter Euch, die mit meinen monatlichen Ergüssen vertraut sind, geht das Leben weiter, zumindest vorerst. Deshalb werde ich die Stimmung hier etwas aufhellen, indem ich Euch erzähle, wie das von der Dürre heimgesuchte Kalifornien mir nach Arizona wie der Amazonas vorkam, und wie ich dadurch neu belebt wurde und mich wieder dem Schreiben von Kurzgeschichten gewidmet habe, und ich versuche, die fünfte in der Reihe der neuen Geschichten zu finden. Bisher gibt es zusätzlich zu den fünf Erzählungen, die ich vor Beginn von Die Terranauten fertiggestellt habe, vier neue, die seit Januar entstanden sind: Ein Tod weniger, Surtsey, Jesus der Krieger und Der Flüchtling. Es hat mir Freude bereitet sie zu schreiben. Und ich hoffe, dass sie zu gegebener Zeit an verschiedene Zeitschriften gehen und dass Ihr sie dann gedruckt sehen werdet und Ihr Freude daran habt, sie zu lesen. So wie es jetzt aussieht, hätte ich es gern, dass noch zwei oder drei weitere auftauchen, bevor ich mich irgendwann im Laufe dieses Jahres dem nächsten Roman zuwende. Wir werden sehen.
Inzwischen habe ich die Vorabexemplare von Die Terranauten erhalten, und das ist für mich ziemlich aufregend (siehe den Twitter-Eintrag vom 26. April, der diese Aufregung illustriert). Es sind noch sechs Monate bis zur Veröffentlichung, aber sowohl mein Lektor als auch der Pressesprecher bei Ecco sind der Meinung, dass die frühzeitige Herausgabe der Vorabexemplare ihre Begeisterung für das Buch ausdrückt, und so hoffen sie, dass diese Begeisterung an einen größeren, wenn auch ausgewählten Kreis einflussreicher Leser weitergegeben wird. Was öffentliche Auftritte angeht, so danke ich all jenen unter Euch, die Anfang dieses Monats meine Veranstaltung beim L.A Times Book Festival besucht haben, bei der ich nach einer lebhaften Einführung durch Tom Curwen aus Wiedererleben vorgelesen habe. Der einzige Auftritt, der noch ansteht, wird am Montag, dem 2. Mai im Newman Center for the Performing Arts in Denver sein, das 900 Plätze bietet. Ich weiß nicht, ob es noch Karten gibt, aber ihr könnt ganz sicher sein, dass zumindest ich Zutritt haben werde (das heißt, wenn die Piloten, das Flugzeug, das Wetter und das Schicksal es erlauben).
Zum Schluss möchte ich Euch über die aktuelle Ratten-Situation hier auf dem Laufenden halten, da das Einzige, was wirklich zählt, das ist, was wir der Zukunft hinterlassen (siehe meinen Brief an die Ratten der Zukunft auf der Website »Letters to the Future«), und so präsentiere ich Euch dieses beeindruckende Porträt von Ratte Nr. 104, kurz vor ihrer Freilassung in den Santa Ynez Bergen. Alle einhundertundvier wurden in den letzten zweieinhalb Jahren hier auf meinem Grundstück lebend gefangen. Wie Dave LaJoy lehne ich Gift ab, das nicht nur grausam zu den betroffenen Tieren ist, sondern auch in verheerender Weise die Nahrungskette hinaufsteigt (so wurde Beispiel der in den Santa Monica Bergen lebende Berglöwe bereits zweimal betäubt und entgiftet). Jedenfalls ist Schönheit immer dort, wo du sie findest. Viel Spaß.
Im Original erschien der Text am 30. April 2016 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.
