Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Als ich vor vielen Jahren an der Potsdam University im ersten Semester war, wohnte ein älterer Typ im Studentenwohnheim, ein Doktorand und zukünftiger Spießer, der vielleicht gerade mal vierundzwanzig war (und auf die achtzig zuging). Er beschwerte sich heftig über alles Mögliche, beschwerte sich ohne Pause, und wir, in all unserer jugendlichen Naivität (wir dachten ja, die Welt wäre im Wesentlichen gut und wir selbst gegen alles gefeit), meinten, das Ganze wäre ein bisschen übertrieben. Wir nannten ihn den Großen Nörgler, kurz G.N. Ich erwähne dies, weil ich in meinen späteren Jahren sein Erbe angetreten habe, indem ich mit den immer schneller verlaufenden Tagen eine Menge Dinge zum Meckern gefunden habe, aber ich muss zugeben, dass es in letzter Zeit nicht mehr soviel gab, über dass man sich beklagen musste. Ich habe neulich die Erfahrung gemacht, innerhalb von vier Tagen von der Bergeinsamkeit bis zur Weite des Pazifik zu kommen und dann nach oben in den noch weiteren Himmel bis nach Manhattan, um dort den zum ersten Mal vergebenen Preis »Mark Twain American Voice in Literature« zu empfangen.
     Aber ich will Euch das ganze Bild malen. Am Mittwoch (dem vierundzwanzigsten) habe ich den Vormittag damit verbracht, mir Notizen für den nächsten Roman zu machen und den Nachmittag mit einer Wanderung zu meinem Lieblingsplatz an einem kristallklaren Bach, und dann habe ich mit Frau Boyle am Dome-Felsen Wein getrunken und beobachtet, wie sich die Schatten über die Berge legten, während eine nette kühle Brise uns daran erinnerte, dass der Herbst sich nähert (siehe das angefügte Foto). Der nächste Tag begann mit Temperaturen knapp unter null Grad Celsius, während ich gemütlich am Kamin saß, und danach machte ich die Hütte winterfest (Entleeren der Wasserleitungen, Frostschutzmittel in die Toiletten spritzen) und fuhr wieder runter nach Santa Barbara. Wo die Abendwinde wehten und die Temperatur bei untypischen dreißig Grad lag. Am nächsten Tag unterhielt ich am Nachmittag einen Reporter und fuhr dann mit dem Kajak hinaus, im Hafen umher, mit einer ungewöhnlich warmen und sehr kräftigen auflandigen Brise. Am Tag darauf war ich unterwegs nach New York.
     Was den Mark-Twain-Preis angeht, so haben die Treuhänder des Twain-Hauses, unter ihnen vor allem David Baldacci, den Preis meines Wissens nach eingerichtet, um eine unverwechselbare amerikanische Stimme in der Literatur zu würdigen (im Gegensatz zum schillernden Mark-Twain-Humor-Preis, der ausschließlich an prominente Comedians geht und überhaupt nichts mit Schreiben zu tun hat). Ich kann mich irren, aber war Mark Twain nicht ein Schriftsteller? Wie dem auch sei, es war eine große Ehre, der erste Preisträger dieser Auszeichnung zu sein (für Hart auf hart). Die Zeremonie war alles andere als routinemäßig abgespult – sie war perfekt getaktet und enthielt eine Menge unverfälschten Spaß, beginnend mit einer kurzen Szene aus einem Stück von Noah Altshuler, dem hauseigenen Dramatiker des Mark-Twain-Hauses, gefolgt von meiner Lesung eines Kapitels des oben erwähnten Romans, und abschließend mit einem übermütigen Set einer wirklich atemberaubenden Bluegrass-Band, Rhonda Vincent and the Rage. Wer beklagt sich hier? Ich kam von einem stillen Tal tief im Sequoia National Monument bis zum Lincoln Center. Mein herzlichster Dank gilt auch David, Cindy Lovell vom Twain House und jedem anderen, der dazu beitrug, dass dieser Abend so viel Freude spendete.
     Als ob das noch nicht genug wäre: Ich freue mich auf die Veröffentlichung von Die Terranauten am 24. Oktober, wenn die Tournee zum Buch in Boston startet (Informationen dazu weiter unten), und ich habe gerade erfahren, dass The New Yorker meine neue Kurzgeschichte Sind wir nicht Menschen? bringen wird. Und das Allerbeste: Ich freue mich darauf, ins Studio zu gehen und diese Geschichte für den The New Yorker-Podcast zu lesen. Ich werde einige Vogelstimmen imitieren, insbesondere die von der neuen transgenen Züchtung namens Krähenpapagei. Ich habe die Geschichte bisher erst einmal laut vorgelesen – nämlich Frau B., Kerrie und Jamieson – doch diese Vogelstimmen rissen sie von ihren Stühlen. Das hat Spaß gemacht!
     Also, ich will kein Nörgler wie G.N. oder Pessimist sein, aber ich fürchte, von hier aus kann es nur bergab gehen, wenn man die Voraussetzungen für menschliches Leben auf diesem Planeten, der durch ein gleichgültiges Weltall saust, bedenkt. Und doch, jetzt im Moment – und was haben wir anderes als den Moment? – fühle ich mich wirklich sehr, sehr gut. G.N., hörst du zu?

Tourneeplan für Die Terranauten

  • 24.10. Boston, 19:00, Brookline Booksmith, 279 Harvard Street, Brookline, Massachussetts
  • 25.10. Washington D.C., 19:00, Politics and Prose, 5015 Connecticut Avenue NW
  • 26.10. New York, 19:00, New York Public Library, 5. und 42.
  • 27.10. Seattle, 19:30 Town Hall Event at Seattle University, Pigott Auditorium
  • 28.10. Portland, 19:30, Powell’s City of Books, 1005 W. Burnside St.
  • 29.10. Sacramento, 17:00, Sacramento Bee, 2100 Q. St.
  • 30.10. San Francisco, 14:00, Sunday at the Chapel. 777 Valencia St.
  • 31.10. 15:00, San Francisco, Jewish Community Center, 3200 California St.
  • 1.11. Los Angeles, Talk Aloud Series, Library Foundation of L.A., 630 W. Fifth St.
  • 2.11. Phoenix, 19:00, Changing Hands Bookstore, 300 W. Camelback Rd.
  • 3.11. St. Louis, 19:00, St. Louis Co. Library, 1640 S. Lindbergh Rd.
  • 5.11. Austin, Texas Book Festival
  • 20.11. Miami, 14:30, Miami Book Fair, Miami Dade College, 300 NE Second Ave.
  • 11.12. Santa Barbara, 14:00, S.B. Museum of Art, 1130 State St.

(Ich bin wie immer erschöpft, nur indem ich das hier aufschreibe. Wie ich das alles überstehen soll, ist mir ein Rätsel. Klar, vielleicht übersteh‘ ich das gar nicht. Was soll ich sagen? Zündet eine Kerze an, Freunde, als Opfer an die Götter der Luftfahrt und auch an die Götter, die sich um saubere Unterwäsche kümmern. Ich hoffe auf pünktliche Flüge, dass es keine Flugausfälle und kein ungünstiges Wetter gibt, und dass ich Euch alle treffe, wie Ihr Euch bei dem einen oder anderen Auftritt in gemütlicher Runde zusammenfindet.)


Im Original erschien der Text am 30. September 2016 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.