Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Ulrich Tepelmann
Wie viele von Euch durch den begleitenden Twitter-Account wissen werden, bin ich erst kürzlich von meiner ersten Autofahrt quer durch das Land seit mehr als einem Vierteljahrhundert zurückgekehrt. Der Anlass? Ich habe meinen Sohn – und sein Auto, vollgepackt mit seinen Sachen – in seine neue Wohnung in Cleveland gebracht, wo er jetzt mit dem Medizinstudium anfängt. Also eine Vater/Sohn-Reise. Frau B. blieb zurück, genau wie der Hund. Wir haben uns Zeit gelassen, durch die große Weite Amerikas zu rollen, legten so um die 550 km am Tag zurück, und außer einer Panne in Glenwood Springs, Colorado (die von einem Engel namens Charlie behoben wurde, der dort eine Werkstatt für ausländische Autos betreibt) kamen wir ohne Zwischenfälle voran (keine Begegnungen mit Sheriffs oder Autobahnpolizisten, keine Frontalzusammenstöße oder Todesfälle und abgetrennte Gliedmaßen).
Der erste Halt, bei 45 Grad Hitze, war in Las Vegas, wo uns Freunde zum Essen in ein Kasino einluden, das wie eine unendliche borgesianische Bibliothek wirkte, aber mit Geldspielautomaten statt Büchern. Und ich? Ich würde nicht mal ans Spielen denken, es sei denn, mir gehörte das Kasino, aber mir gefiel alles gut, ich schüttete billige Drinks in mich hinein und beobachtete, wie die Besessenen ihre Andachten verrichteten. Am nächsten Abend waren wir in Green River, Utah, wo wir direkt am Fluss übernachteten und es mir gelang, jede Menge Mosquitos zu ernähren. Danach ging es weiter nach Denver, wo eine Stunde vorher ein Gewitter mit Hagel gewütet hatte und die unerträgliche Hitze nachzulassen begann. Danach dann Grand Island, Nebraska, ein größtenteils menschenleeres Städtchen (genau wie Städte meiner Meinung nach sein sollten), wonach wir in Iowa City hineinfuhren, wo ich in den 1970er Jahren fünfeinhalb Jahre gelebt und die Seminare für meine Masterarbeit und meine Promotion besucht hatte. Ich mochte die warmen Sommerabende dort sehr, schlenderte durch die vertrauten Straßen und traf alte Freunde in George’s Bar. Am folgenden Abend machten wir Halt in South Bend, Indiana, wo gerade das Erster-Freitag-im Monat-Stadtfest im Gange war und wir ausgelassen mitfeierten, bevor wir morgens zu unserem Ziel in Ohio weiterfuhren. Alles in allem war es eine herrliche Reise, wobei die Eintönigkeit der Landstraße durch das neueste Hörbuch von Atul Gawande und alle gut zwanzig CDs von Moby Dick gemildert wurde, letzteres von Anthony Heald genial vorgelesen, was für den ganzen Hin- und Rückweg gereicht hätte (tut mir leid, Herman, wir mussten ein bisschen vorspulen, wir hatten genug vom kochenden Walspeck). Und so sahen wir Wüsten, Berge und Ebenen, während wir das wütende Meer und einen noch wütenderen Flossenfüsser heraufbeschwörten.
Jetzt bin ich wieder zu Hause und überarbeite die elfte der neuen Kurzgeschichten, Sind wir nicht Menschen?, die in die nächste Sammlung aufgenommen werden soll (The Relive Box and Other Stories; deutscher Titel Sind wir nicht Menschen), die ich bald meinem Lektor bei Ecco übergeben werde. Diese Geschichte ist ziemlich abgedreht und knüpft an die fantasievollen Geschichten meiner ersten Sammlung, Tod durch Ertrinken, an, aber, wie Ihr sehen werdet, ist sie nicht sehr weit von der Wirklichkeit entfernt, wenn man bedenkt, was wir mit der CRISPR/Cas-9-Technologie in die Welt setzen. Ich werde Euch Bescheid geben, wann und wo sie erscheinen wird, sobald das feststeht. In der Zwischenzeit enthält die Ausgabe des New Yorker vom 4. Juli meine Geschichte Der Flüchtling, die ebenfalls in der neuen Sammlung enthalten ist, und mein Lektor hat mich gebeten, einem kurzen Essay zu schreiben, der sich in der August-Ausgabe des Esquire befindet und der sich mit dem Einfluss von Muhammed Ali auf mein Leben befasst. Der Essay trägt den Titel 10000 Miles From Home. Viel Spaß damit.
Im Moment hoffe ich, abgesehen davon, dass ich wie besessen twittere und alle paar Tage mit meinem Kajak aufs Meer hinausfahre, auf eine weitere Kurzgeschichte, bevor ich mich der Recherche für den nächsten Roman widme, die ich, zumindest vorläufig, in den nächsten zwei Monaten oben in den Bergen durchzuführen hoffe. Und natürlich bereite ich mich schon sowohl auf die amerikanische wie auch auf die deutsche Tournee für Die Terranauten vor, was im Oktober hier und in Deutschland im Januar erscheinen wird. Dafür werde ich sicherlich meine ganze Kraft brauchen.
Und so wünsche ich Euch allen das Allerbeste für die langen und beschwingten Tage des Sommers (das heißt, falls Ihr dies auf der Nordhalbkugel lest) und grüße Euch zum Abschied, von der Reise ermattet, bis zum nächsten Mal ganz lieb.) Ciao.
Im Original erschien der Text am 11. Juli 2016 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.
