What’s New? 10/08/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

In der Titelgeschichte meiner Sammlung von 2001, Nach der Pest, in der eine globale Pandemie 99,9999% der Menschheit vom Antlitz der Erde fegt, gibt es ein witziges Detail, nämlich dass es in unmittelbarer Zukunft nicht möglich sein wird, gepflegt auswärts zu essen. Und in meinem Roman Ein Freund der Erde aus dem Jahr 2000 sorgt eine Pandemie namens Mucosa dafür, dass alle zu Hause hocken, während die Stürme des Klimawandels über sie hinwegbrausen und sie sich darüber ereifern, dass sie Gesichtsmasken tragen sollen. Das war damals alles ziemlich lustig und der Autor, dieser Klugscheißer, hätte nie gedacht, dass wir das schon so bald real erleben sollten, aber jetzt ist es soweit.
     Als um den Memorial Day herum hier in Kalifornien alles wieder öffnete, schickte ein Freund Bilder von sich und noch zwei anderen herum, in unserer Lieblingsbar, ohne Masken, wie sie auf die neue Freiheit tranken. Ich beschloss, mich ihnen nicht anzuschließen. Und jetzt, na klar, befinden wir uns am Rande einer neuen Ausgangssperre, und die Gesundheitsbehörden erzählen uns, dass Bars die gefährlichsten Orte sind bezüglich der Übertragung des Virus. Ich trinke zu Hause, im Garten, mit Frau B., meiner Tochter, ihrem Mann und deren einjährigen Sohn (wir erlauben ihm mit Rücksicht auf sein Alter nicht mehr als drei Bier, aber hier will keiner einen Ausweis sehen). Doch dies ist kein Nachtclub und auch kein CBGB, und mein Körper wird zu Stein vor lauter Langeweile, von den Zehennägeln bis hinauf zu meinen Gehirngängen, aber so bleibe ich der Nachwelt wenigstens als Fossil erhalten.
     Ich liebe Partys (vor allem wenn ich Gast und nicht Gastgeber bin), aber wir werden hier wohl in voraussehbarer Zukunft keine veranstalten, wenn wir nicht wollen, dass der Rote Tod plötzlich mittendrin auftaucht. Und wir verzichten auf Tourneen. Ich habe gerade mit meinem deutschen Verlag (Hanser) besprochen, dass wir keine Tournee mit Sprich mit mir veranstalten, wenn der Roman im Januar in deutscher Übersetzung erscheint (ich werde im Jahr darauf mit gleich zwei Büchern kommen, wenn die neue Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht wird), außerdem hoffe ich ja, dass wir im Mai einen Impfstoff haben und ich dann in den USA mit diesem wunderbaren Roman herumreisen kann.
     So sieht’s aus. Doch lasst mich zum Schluss noch sagen, mit den Worten von 2001:

Nach der Pest – eigentlich war es eine Mutation des Ebola-Virus, von Hand zu Hand und von Nase zu Nase übertragen wie eine banale Erkältung – war das Leben anders. Entspannter und überschwänglicher, einfach natürlicher. Die Hektik war vorbei, die Autobahnen waren frei von Staus bis rauf nach Sacramento, und unser armer schrumpfender, ausgeplünderter Planet war auf einmal wieder groß und geheimnisvoll.

Ja, klar. Und hier sind wir nun und hängen am seidenen Faden. Weh uns!

 


 

Im Original erschien der Text am 10. August 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 13/06/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Mein Motor läuft auf Autopilot und richtet sich behaglich in der Gleichförmigkeit ein, so dass ich meine Fantasie schweifen lassen kann. Für gewöhnlich stehe ich um sechs Uhr morgens auf, woraufhin der besagte Autopilot startet, und zwar in dieser Reihenfolge: zuerst Gassigehen mit dem Hund, dann hinter Frau Boyle aufräumen, Frühstück, die Zeitung, an die Arbeit. Je näher die Sommersonnenwende rückt, desto eher wird es morgens hell, und manchmal – zum Beispiel heute – stehe ich auch eher auf, um halb sechs. Das ist alles in Ordnung, kein Problem – als ein Lebewesen unter anderen Lebewesen auf dem einzigen Planeten, den wir genauer kennen, bin ich daran gewöhnt, obwohl die Krähen mich von ganzem Herzen beschimpfen und ich nicht weiß, wie ich jemals noch einen weiteren Tag überstehen soll.
     Endlich wurde die Ausgangssperre hier in Santa Barbara gelockert – meine vier Lieblingsbars sind wieder geöffnet – aber aus Angst davor, in einem Krankenhausbett mit einem Beatmungsschlauch im Hals zu sterben, sehe ich mich genötigt, Abstand zu halten. Was bedeutet: immer das gleiche Programm, und wieder das gleiche, ohne Pause, so dass alles unter Kontrolle bleibt. Beklage ich mich? Teufel auch, ja, ich bin soweit auszubrechen, womit mein Problem mit den ewig langen Stunden ins Spiel kommt – ich hab‘ zwar meine Arbeit und mein Leben mit der Natur, meine Spaziergänge am Strand und hinauf in die Berge und meine Familie um mich herum, weiß aber jeden Tag aufs Neue nicht, womit ich die elendig langen Stunden ausfüllen soll. Aber ich schaffe das. Und tatsächlich muss ich mich schließlich zwingen, um elf Uhr das Buch, das ich gerade lese, wegzulegen, ohne Ausnahme, damit ich im Zeitplan bleibe und am nächsten Tag pünktlich aufstehen kann, nur um dann wiederum die Stunden herunterzuzählen.
     Nachdem das gesagt ist: hat irgendjemand bemerkt, wie überaus schnell – wie ein Komet! – die Tage seit dem Beginn der Ausgangssperre vergangen sind? Mein vorheriges Leben unter Leuten – auf der Bühne, in meinem Dorf, Menschen treffen und mit ihnen klönen, und immerzu überallhin reisen – erscheint mir wie ein Traum aus ferner Zeit, die ich nie gekannt oder selbst erlebt habe. Ich kann das zum Teil kompensieren, wie ich in meinem letzten Blog-Beitrag beschrieben habe – die besinnlichen Stunden, die Bücher und die Tastatur, die Musik, die mich umgibt und die mich stets aufrecht erhält, die Stille der Nacht – und die Tatsache, dass ich meine Gedanken ohne Einschränkungen zum Leben erwecken kann. Genau. Das ist großartig. Unübertrefflich. Und ich verliere ganz langsam den Verstand.

 


 

Im Original erschien der Text am 13. Juni 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.