Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Mein Motor läuft auf Autopilot und richtet sich behaglich in der Gleichförmigkeit ein, so dass ich meine Fantasie schweifen lassen kann. Für gewöhnlich stehe ich um sechs Uhr morgens auf, woraufhin der besagte Autopilot startet, und zwar in dieser Reihenfolge: zuerst Gassigehen mit dem Hund, dann hinter Frau Boyle aufräumen, Frühstück, die Zeitung, an die Arbeit. Je näher die Sommersonnenwende rückt, desto eher wird es morgens hell, und manchmal – zum Beispiel heute – stehe ich auch eher auf, um halb sechs. Das ist alles in Ordnung, kein Problem – als ein Lebewesen unter anderen Lebewesen auf dem einzigen Planeten, den wir genauer kennen, bin ich daran gewöhnt, obwohl die Krähen mich von ganzem Herzen beschimpfen und ich nicht weiß, wie ich jemals noch einen weiteren Tag überstehen soll.
     Endlich wurde die Ausgangssperre hier in Santa Barbara gelockert – meine vier Lieblingsbars sind wieder geöffnet – aber aus Angst davor, in einem Krankenhausbett mit einem Beatmungsschlauch im Hals zu sterben, sehe ich mich genötigt, Abstand zu halten. Was bedeutet: immer das gleiche Programm, und wieder das gleiche, ohne Pause, so dass alles unter Kontrolle bleibt. Beklage ich mich? Teufel auch, ja, ich bin soweit auszubrechen, womit mein Problem mit den ewig langen Stunden ins Spiel kommt – ich hab‘ zwar meine Arbeit und mein Leben mit der Natur, meine Spaziergänge am Strand und hinauf in die Berge und meine Familie um mich herum, weiß aber jeden Tag aufs Neue nicht, womit ich die elendig langen Stunden ausfüllen soll. Aber ich schaffe das. Und tatsächlich muss ich mich schließlich zwingen, um elf Uhr das Buch, das ich gerade lese, wegzulegen, ohne Ausnahme, damit ich im Zeitplan bleibe und am nächsten Tag pünktlich aufstehen kann, nur um dann wiederum die Stunden herunterzuzählen.
     Nachdem das gesagt ist: hat irgendjemand bemerkt, wie überaus schnell – wie ein Komet! – die Tage seit dem Beginn der Ausgangssperre vergangen sind? Mein vorheriges Leben unter Leuten – auf der Bühne, in meinem Dorf, Menschen treffen und mit ihnen klönen, und immerzu überallhin reisen – erscheint mir wie ein Traum aus ferner Zeit, die ich nie gekannt oder selbst erlebt habe. Ich kann das zum Teil kompensieren, wie ich in meinem letzten Blog-Beitrag beschrieben habe – die besinnlichen Stunden, die Bücher und die Tastatur, die Musik, die mich umgibt und die mich stets aufrecht erhält, die Stille der Nacht – und die Tatsache, dass ich meine Gedanken ohne Einschränkungen zum Leben erwecken kann. Genau. Das ist großartig. Unübertrefflich. Und ich verliere ganz langsam den Verstand.

 


 

Im Original erschien der Text am 13. Juni 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.