Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Ulrich Tepelmann
Gestern Abend zurück aus New York, wo ich meinen Lektor bei Ecco getroffen und mit einer Gruppe Medienexperten zu Abend gegessen habe, um den Ball ins Rollen zu bringen (was den Hype um Die Terranauten betrifft), mit meinem Agenten zu Mittag gegessen (und Pläne geschmiedet), meinen Lektor in den neuen Büros des New Yorker im One World Trade Center besucht und mir ein bisschen Zeit genommen habe, um im Staat New York etwas Spaß zu haben. New York, ein erstaunlicher Ort, die Heimat meiner Vorfahren. In weniger als zwei Stunden gelangte ich vom 38. Stock des Trade Centers (mit Aufzug, Taxi, Zug und Privatwagen) zu einem stillen Teich im Fahnestock Park, vierzig Meilen flussaufwärts am Hudson, wo ich an einem ruhigen Nachmittag ganz allein in der Natur war; anschließend besuchte ich meinen Freund Alan in seinem ganz im Grünen gelegenen Bürogebäude in Fishkill, wo ich das Rehkitz auf dem beigefügten Foto bemerkte, das sich keine fünf Meter von der Bürotür entfernt im Gras versteckt hielt. Nun habe ich ja viel Zeit im Wald verbracht, habe unzählige Male Rehe gesehen, auch Elche, Wapitis, Rotluchse, Füchse und Wölfe, und hatte in den wilden Bergen der Sierra Nevada hautnahe Begegnungen mit Pumas und Bären, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Hier war ein sehr junges Reh, versteckt an der Wurzel eines Baumes und sich (leider wohl nur unzureichend) auf seine Tarnung verlassend, die es vor den Augen von Raubtieren verbergen sollte, keine sechs Meter von einer vielbefahrenen Autobahn entfernt und, wie erwähnt, direkt vor einer Bürotür. Okay, zugegeben, es gibt zu viele Rehe in den Counties Westchester, Putnam und Duchess, aber trotzdem, seht es doch nur an – wer würde ihm nicht eine Chance gönnen wollen, sein Leben zu leben? Alan und ich nahmen an, dass das Muttertier auf der Autobahn überfahren worden war, und ich suchte sogar in den Büschen nach dem Kadaver, doch die Tierrettung und ein Tierarzt bestätigten mir am Telefon, dass Ricken ihre Kitze zu 75 % der Zeit unbeaufsichtigt lassen und dass dieses hier nichts weiter brauchte als ein wenig Ruhe und einen kleinen Schonraum.
An einem anderen Tag, nachdem ich in Alans Jugendzimmer in der Siedlung, in der auch ich aufgewachsen bin, erwacht war (siehe die Bilder auf Twitter von meinem eigenen Elternhaus, eine Straße von Alans entfernt), fuhr ich hinauf nach Cold Spring und fand mich allein in einem Kanu auf einem Bergsee wieder, während dichte Regenwolken an dem Berg, der hinter mir aufragte, klebten und sich Wasservögel, Fische und Amphibien vergnügten. Und noch erstaunlicher: Die Insekten hielten Abstand. Keine Zecke näherte sich, keine Mücke schwebte herbei, um Blut zu schmecken, meine Lungen, die ruhig vor sich hin arbeiteten, saugten keine Schnaken ein. Kurz; das Paradies. Und das so dicht an der Stadt, die einst die größte auf Erden war (siehe Ein Freund der Erde).
Etwas handfestes Neues zu anstehenden Veröffentlichungen? Nicht viel. Noch nicht. Aber bleibt dran. Ich habe den Vertrag mit Grasset et Fasquelle für die französische Übersetzung von Die Terranauten unterzeichnet und auch den Vertrag für eine geplante Serie fürs Kabelfernsehen, basierend auf meinem zweiten Roman, Budding Prospects, auf die ich aufkeimende Hoffnungen setze (schließlich lautet der deutsche Titel des Romans, der gerade erst in einer neuen gebundenen Ausgabe erschienen ist, Grün ist die Hoffnung). So. Das läuft alles gut. Jetzt bin ich also zurück und muss die Würfel rollen lassen und hoffen, dass mir noch zwei weitere Kurzgeschichten einfallen, die die nächste Sammlung, The Relive Box and Other Stories, vervollständigen sollen, worauf ich mich hoffentlich dem nächsten Roman zuwenden kann. Seit dem letzten Blogeintrag (30. April) konnte ich eine zusätzliche Geschichte fertigstellen, »Bombig«, aber natürlich wurde der Mai sowohl durch meine Forschungsreise in die San Francisco Bay Area in der dritten Woche des Monats als auch durch die bereits erwähnte New York-Reise letzte Woche verkürzt. Wir werden sehen, was als Nächstes kommt, wenn überhaupt.
Bis es soweit ist (oder auch nicht), lasse ich Euch in Ruhe und wünsche Euch von ganzem Herzen Gesundheit und Wohlstand, während ich den Unrat beseitige, der sich hier in meiner Abwesenheit angesammelt hat, und mich darauf vorbereite, die Scheuklappen anzulegen und mich gegen die Zugriemen zu stemmen. Wünscht mir Glück.
Im Original erschien der Text am 05. Juni 2016 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann.
