Von T. Coraghessan Boyle
Deutsch von Beate Walz
Ja, der Horror ist wieder über uns gekommen, daher die Abbildung unseres alten Freundes, der blutsaugenden Zecke (siehe unten, archivierte News vom 15. Mai 2003). Nach dem New Yorker Festival gönnte ich mir einen kleinen Abstecher durch die Bundesstaaten New York und New England, welchen ich selbstverständlich auch nutzte, um tief in den Wäldern zu wandern. Der erste mit Lyme infizierte Holzbock erwischte mich am Fünfzehnten in New Hampshire, der zweite nistete sich drei Tage später ein, in den satten Wäldern Garrisons (New York County), knapp außerhalb des Pförtnerhauses von Osborne Castle, meiner letzten Residenz in New York vor vielen Jahren, bevor ich mich nach Iowa aufmachte. Nun, diese kleinen Kerle wollten gefüttert werden, das sehe ich ja ein, doch wäre ich ein Anhänger des Jainismus, hätte ich sie genährt. Tatsächlich habe ich beide mit meinen Fingernägeln in ihre Einzelteile zerlegt. Oh, erwähnte ich den Gift-Sumach? Und die Stechmücken? Ihr seht, ich hatte eine großartige Zeit. Doch Spaß beiseite.
Ich fand den Elefantenfriedhof. Er geht vom Mohonk Mountain House (atemberaubende Szenerie, hier wurde der größte Teil von Willkommen in Wellville gefilmt) durch Vermont und New Hampshire nach Camden in Maine. Die jüngste Person, die ich auf meiner Wanderschaft sah, war meine Frau, und sie ist auch nicht mehr die Jüngste, keine Frage. Aber alle Rentner dieser Welt sind dort versammelt, knabbern kleine Gaumenfreuden, schlucken gewaltige Ozeane von erlesenen Weinen, und für einige Tage gesellte ich mich zu ihnen. Es war … zeitweilig befremdlich. Denn ich bin kein Rentner, ich arbeite. Ich bin ein junger Bursche, der noch Jahrhunderte an Arbeitsjahren vor sich hat.
Ich war danach für ein paar Tage daheim, brütete über den Teilen zwei und drei des neuen Romans, dessen Thema ich Euch in Kürze enthüllen werde, und dann war es Zeit für die Tomales Bay Workshops an der kalifornischen Küste, wo ich eine Vorstellung in einem schlichten Außengebäude gab, im Pinienwald des Marconi Conference Center, einem wahrlich magischen Ort. Es hat alles in allem großen Spaß gemacht, ich traf viele alte Freunde in der Gegend, bekam ganze Horden von Truthähnen vorgeführt, und die Hasen schienen ihnen zu folgen und sich einschmeicheln zu wollen. Mein Weg führte mich auch an die Gestade von Pt. Reyes, einem alten, oft besuchten Lieblingsplatz von mir. Dort konstatierte ich eine hohe Sterblichkeitsrate bei den Hirschen, einfach von den Autos überrollt. Es ist Hochsaison für Geier. Meine Güte, sind die wohlgenährt und mollig um die Hüften!
In Bezug auf Arbeit – richtige Arbeit, und damit meine ich Schreiben – bin ich schon wieder fleißig dabei, obwohl ich mich morgen bei UCSB zu einer Videokonferenz mit Leuten in Marquette, Michigan treffe, die sich América für ihre Gruppenlesung ausgesucht haben. Und den darauffolgenden Tag mache ich mich auf zur USC, habe dort wegen Talk Talk eine Veranstaltung. Zudem werde ich Anfang nächster Woche in New York sein, um Robert Coover den Clifton-Fadiman-Preis zu überreichen. Und dann? Dann sind meine Reisen erledigt – bis Januar, wenn ich erneut aufbreche, um ins Hinterland zu der Silicon-Valley-Lesung zu fahren.
Bis dahin schon mal das Neueste von den Veröffentlichungen und Verfilmungen: The Paris Review hat die Kurzgeschichte Balto angenommen und die Kenyon Review wird Hände drucken. Debra Winger und ihr Co-Autor haben das Drehbuch für Drop City beendet, und Josh Oreck bekam die Optionen für vier Storys aus Zähne und Klauen – für einen Episodenfilm à la Short Cuts oder Jesus‘ Son, so vermute ich. Zu den ausgewählten Storys gehören Zähne und Klauen, Jubilation, Hundologie und Der freundliche Mörder. Stone Soup Productions erwarb für einen Spielfilm die Rechte an Bienenkönig, und es gibt noch einige Vorhaben, bei denen die Rechnung am Ende hoffentlich aufgeht.
Und schließlich und endlich ist wieder Halloween. Ich werde mein Bestes geben, die Blutsauger abzuwehren und mich köstlich zu amüsieren. Meine Verkleidung? Nun, ich schwelge in Erinnerung an das letzte Jahr, als ich mich als Bachforelle verkleidet hatte, doch weil die Zeit knapp ist – ich kam erst gestern zurück – komme ich wohl auf mein altes Kostüm des schluderigen Essers zurück (Puppenarm an die Stirn geklebt), oder ich werde als Hippie gehen. Allerdings wäre das wohl zu weit hergeholt, oder etwa nicht?
Im Original erschien der Text am 31. Oktober 2006 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Beate Walz.
