Über Musik (für den Jungen mit dem großen Herzen)

 

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Gut, über Musik zu sprechen, die mir tief aus der Seele spricht, ist immer ein Vergnügen für mich, und ganz besonders jetzt, da ja mein neuer Roman, The Harder They Come (dt.: Hart auf Hart), denselben Titel hat wie der Jimmy-Cliff-Song und der Film. In diesem aktuellen Roman spielen spezielle Songs keine Rolle, außer The Harder They Come und ein, zwei andere, nicht so wie in vielen meiner anderen Bücher und Erzählungen, wie zum Beispiel in Greasy Lake oder Drop City oder Budding Prospects (dt.: Grün ist die Hoffnung), aber Reggae, Country Musik und Thrash Metal spielen eine ganz bestimmte Rolle im Leben meiner Figuren. Adam, der fünfundzwanzigjährige schizophrene Protagonist (und Schütze) liebt Thrash Metal, aber als er auf der Highschool war, ging er durch seine Reggae-Phase, während der er sich Dreadlocks zulegte und in der Schule Burning-Spear-T-Shirts trug.

Vielleicht aus genau diesem Grund hasst sein Vater Sten, 70, Reggae. Sten erinnert sich gut an einen Abend in den späten Sechzigern, als er jung war, und sehr betrunken mit seinem Auto herumkurvte und Magic Carpet Ride hörte, kurz bevor er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet wurde, aber das das ist es auch schon in punkto Musik: Oldies. Und schließlich Sara. Adams Freundin, ein Mädchen vom Lande – eine Hufschmiedin, um genau zu sein – hört ausschließlich Country Musik.

Alle drei hören Musik, weil sie Figuren in einem Roman sind und durch ihre Musik definiert werden. Aber welche Musik definiert mich? Jetzt, genauer gesagt? Jetzt, wo ich damit durch bin, jeden Tag den ganzen Tag Mozarts Requiem in Dauerschleife zu hören? Hier ist eine Auswahl:

    Slow Day von Kristin Asbjornson. Dies war der Schlüsselsong in dem Soundtrack von Factotum, dem Film von 2005, der auf dem Roman von Charles Bukowski basiert. Er hat einen schleppenden, eigentlich viel zu langsamen Walzerrythmus, der mir schier das Herz zerreißt. Ihr wollt ein trauriges Lied? Hier habt Ihr eins. Und ich liebe traurige Lieder, nur traurige Lieder, je trauriger und elender, je besser. Und deshalb liebe ich auch besonders:

    Das Album von Bebo y Cigala: Lagrimas Negras. Die Stücke, die mich aus diesem Album so richtig erwischen, sind Corazón Loco und Veinte Años (was Buena Vista Social Club auch gecovert haben). Cigalas hohe und heisere Stimme verleihen diesen zwei Liedern, die von Liebe und ihrem eng verbundenen Zwilling, dem Herzeleid, handeln, wahrhaftiges Pathos. Hört Euch an, wie die Stimme in der Zeile Y muestra loco hinaufsteigt, und dann sagt mir, dass Ihr nicht ein paar Tränen in Euren Habana Club vergießt!

    Nina Simone: Don’t Let Me Be Misunderstood. (Oder, noch besser, geht auf YouTube und hört Euch das Konzert in Paris 1963 an, wo sie Dylans The Ballad Of Hollis Brown covert, und seht Euch an, wie sie, paff! wie durch Zauberei ihren Körper verlässt, und das verleiht der Seele Flügel.) Aber dies ist durch und durch traurig, und ihre Version des Hits der Animals, langsamer gesungen, geflüstert, macht aus dem Song weniger eine Klage als vielmehr einen Grabgesang. Wunderschön. Hiermit fordere ich Euch auf: Hört es Euch unbedingt einmal an.

    Van Morrison: Carrick Fergus. Das traurigste Lied aller Zeiten. Diesen Song singt Anises Mutter für ihre tote Tochter am Schluss von When The Killing‘s Done, sie erinnert sich daran, als Anise ein kleines Mädchen war und sie nach dem Text gefragt hat. »Tragt mich hinüber wohin, Mama?« Wie oft hab‘ ich wohl (meistens betrunken) meinen Kopf zurückgeworfen und den Text mitgegrölt. I’m drunk today/And I’m rarely sober/A handsome rover/From town to town (»Heute bin ich betrunken/Und ich bin selten nüchtern/Ein cooler Tramp/Der von Stadt zu Stadt zieht.«) Millionen Mal. Hunderte Millionen Mal. Mehr Millionen mal als die Staatsverschuldung. Oder vielmehr Milliarden. Oder, wartet mal, Trillionen.

    Fleet Foxes: Oliver James. Doch nun genug von dieser Scheiße, von Elend und Kummer. Hier kommt ein Song, mit dem Ihr Eure Lungen trainieren könnt, einer, der Euch hoch und höher trägt. Ich liebe den makellosen mehrstimmigen Gesang dieser Band und die herrlich muntere Melodie in diesem Stück. Und wieder die Herausforderung: Wie kann man bei dem Refrain nicht mitsingen, oder vielmehr mitgrölen, Oliver James washed in the rain/No longer? (und ich singe mit, ich singe die ganze Zeit mit und auch dagegen. Hört Euch meinen Gesang an bei I Put A Spell On You mit den Ventilators, auf www.tcboyle.com).

    Taj Mahal, John the Revelator. Ich hatte alles über Taj Mahal wieder vergessen, vergebt mir, aber mein wichtigster Musikfreund zur Zeit (sein Vorname ist Party und sein Nachname Shuffle) hat dieses Stück vor einigen Monaten gespielt. Taj singt hier ein Spiritual mit einer Stimme, die beängstigend gut ist, außerdem ist das die Sorte Song, die einen drängt, sich aus dem Sessel zu erheben, mit den Armen zu wedeln und um Erlösung zu bitten. Zieht Euch das rein.

    Tom Waits, Chicago und Face to the Highway. Während wir tanzen, natürlich. Chicago ist so treibend wie kaum ein anderer Song. Ich will einfach nur … aufstehen… und schon geht’s los, schon geht’s los … shake it out. Danke, Tom. Und natürlich kommt meine Liebe zu Face to the Highway daher, dass es wieder ein Mitgröler ist. Ob betrunken oder nicht (und ob Frau Boyle schläft oder nicht), ich kann einfach nicht anders als den Refrain herauszubrüllen, I’m going away/I’m going away/I’m going away. Frau Boyles Antwort: »Dann geh‘ doch endlich.«

    Alt J, Fitzpleasure. Wow. Es gibt nichts dergleichen. Als ich den Song vorletztes Jahr zum ersten Mal gehört habe, wusste ich nicht mal, in welcher Sprache die singen. Die Wechsel hier hauen mich um. Besonders wenn das tiefe Bass-Dröhnen einsetzt. Da fühl ich mich, als würde ich Tiere abhäuten, mir mit dem Blut die Brust beschmieren und in meinem Viertel Amok laufen. Ja, so gut ist das.

    Amy Winehouse, Rehab. Das wirkliche Leben. Das ist in ihrer Stimme, weise, weise, weise. Und die Worte: They tried to get me into rehab/But I said no, no, no … I ain’t got the time. («Sie wollten mich in die Suchtklinik einweisen/Aber ich sagte nein, nein, nein … Ich hab‘ einfach keine Zeit.«) Wer wollte nicht ein Genie sein und in jungen Jahren ausbrennen? Äh, ich nicht, glaub ich. Obwohl, Gott weiß, dass ich‘s versucht hab‘.

    The Mars Volta, The Widow. Und wieder einmal muss ich zugeben, dass ich machtvollen Stimmen gegenüber sklavisch ergeben bin, jedoch nicht nur wegen der Stärke an sich, sondern auch wegen der nackten Emotion. Auch dieses Stück hält Frau Boyle nachts wach, ob sie nun allein schläft oder nicht. Selbstverständlich ist sie keine Witwe. Noch nicht.

    The Kinks, Milk Cow Blues. Noch so ein Superding, auf das Party Shuffle mich gebracht hat. Die frühen Kinks, Vorläufer der Punks, live im Studio, wie sie einen Killer-Blues abliefern, nachdem eine ahnungslose Drohne von der BBC sie angekündigt hat. Wie einfach das doch ist. Rock and Roll, entblößt auf das Wesentliche. Oh, und dieser rohe Gesang von Ray Davis. Meine Stimme ist jetzt gerade ganz heiser vom Mitkreischen, Oh, please, don’t that sun look good goin‘ down. (»Oh bitte, sieht die Sonne nicht toll aus, wie sie untergeht.«)

    Marianne Faithful, Why D’ya Do It. Dies ist das andere Ende des Kummers, das wütende Ende, direkt an der Kante des Piers. Und da steht er, der Drecksack, stoß‘ ihn einfach runter. Ihr fieser, schneidender Gesang bohrt ein Messer in dich hinein, und der Text, oh yeah: Why d’ya do it, she said/… every time, I see your dick/I see her cunt in my bed (»Warum hast du das gemacht, sagte sie, jedes Mal, wenn ich deinen Schwanz sehe, sehe ich ihre Möse in meinem Bett.«) So wütend, so unerbittlich, so auf Rache aus, es ist umwerfend. Ich kann von Glück sagen, dass Marianne nicht meine Freundin war, und ich nicht derjenige, der sie betrogen hat. Autsch!

    Jennifer Warnes, Famous Blue Raincoat. Dies rührt einen zu Tränen. Wenn Ihr Herzenskummer wollt, hier habt Ihr ihn. Warner macht aus dem Song von Leonard Cohen ihren eigenen, und das Saxophon passt auch. Wenn sie singt And if you ever come by here/Be it for Jane/Or for me/I want you to know your enemy is sleeping/I want you to know your woman is free (»Und wenn du jemals hier vorbeikommst/Sei es wegen Jane/Oder wegen mir/Dann sollst du wissen, dass dein Feind schläft/dann sollst du wissen, deine Frau ist frei«), dann spüre ich den Schmerz in jeder Zelle und jeder Faser. Wenn man mal vergleicht, dann hat der Song denselben Langsamen-Walzer-Takt wie der Asbjornson-Song weiter oben, weshalb ich vielleicht Slow Day so liebe. Aber Moment, wartet mal, sorry, einen noch:

    Jet, Are You Gonna Be My Girl? Von der Basslinie am Anfang bis zu den ersten hämmernden Gitarren-Akkorden ist dies die Quintessenz von saustarkem Rock and Roll. Perfekt. Makellos. Nichts als reine Energie. Los jetzt, bringt Eure Ohren zum Glühen.

Danke, Leute. Ich könnte noch die ganze Nacht so weitermachen, aber ich fürchte, mehr Platz haben wir hier nicht.

 


 

© T. Coraghessan Boyle. Verwendung des Textes bei www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto-Collage: Holger Reichard

 

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