Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat zwei im Jahr der Seuche)

Meine Ehefrau, die Furcht einflößende Frau B., hat sich in diesem Monat so gut wie gar nicht bewegt. In ihren Kniekehlen und in den feuchten Gärten unter ihren Armen beginnt sich Moos auszubreiten. Und ich? Ich langweile mich so, dass meine Mandeln schon wieder nachwachsen. Und wir gehören noch zu den Glücklichen, weil wir das Haus verlassen können (und auch dürfen), um am Strand oder auf einem Wanderweg spazierenzugehen (kein Herumlungern erlaubt und auch keine Gruppenbildung). Ich weiß, dass Andere nicht die Möglichkeit dazu haben. (Übrigens, wenn ich hier »wir« sage, meine ich unser Viertel im Allgemeinen und meinen Haushalt im Besonderen – traurigerweise geht der Teil der Gleichung mit dem »Spazierengehen« für die oben erwähnte Frau B. nicht auf, da sie sich standhaft geweigert hat, das Haus zu verlassen, nicht mal um einmal um den Block zu gehen oder die hundert Schritte zum Haus meiner Tochter gleich nebenan zurückzulegen. Und dies im Gegensatz zu der Notlage nach dem 11. September 2001, als der Präsident die Leute dazu gedrängt hat einkaufen zu gehen, um die Wirtschaft anzukurbeln, was sie unermüdlich getan hat. Klar war sie damals jünger, und Shopping ist eine Sache, einfach so Herumlaufen eine ganz andere.)
     Außerdem haben wir es gut, weil einer unserer Söhne, der zukünftige Dr. Boyle der Jüngere, hier bei uns zu Hause weilt, nachdem sein Praktikum in Los Angeles bei dem Gesundheitsunternehmen Kaiser Permanente verkürzt worden ist, als Folge des plötzlichen Auftretens der Seuche. Er fängt zum Ende des nächsten Monats an einem anderen Krankenhaus in L.A. an, aber bis dahin haben wir die ganze Zeit unseren persönlichen Arzt hier. Und das ist keine Kleinigkeit. Er riskiert sein Leben, um unseres zu erhalten, indem er Lebensmittel einkauft, zu dem einen oder dem anderen geschlossenen Restaurant düst, um Essen zum Mitnehmen zu besorgen (Chinesisch steht ganz oben auf der Liste). Er ist auch dabei, Holz zu hacken, um das Kaminfeuer am Brennen zu halten, und bereitet sich auf die zu erwartenden Kämpfe im Krankenhaus vor, indem er zwischen Anfällen von Videospielsucht fleißg studiert. Und ich? Seitdem ich vor zwei Monaten den letzten Roman, Talk To Me, abgeliefert habe, schreibe ich neue Kurzgeschichten. Ob mit Ausgangssperre oder ohne, dies ist das, was ich sowieso gemacht hätte, was ich mein ganzes Erwachsenenleben hindurch gemacht habe, und diese alltägliche Beschäftigung lenkt mich ab von dem Elend, das die menschlichen Seele niederdrückt, die Tag für Tag dieses grausame und sinnlose Leben, das dieser Planet uns auferlegt, bewältigen muss. Kurz gesagt, ich führe ein großartiges Leben, und wenn nicht der Faktor Langeweile wäre, gäbe es wenig, über das ich mich beschweren könnte.
     Nachdem das gesagt ist, möchte ich mein Mitgefühl all denen aussprechen, die ihre Arbeit verloren haben und ihre Rechnungen nicht bezahlen können, denen, die wirklich ans Haus gefesselt sind ohne die Möglichkeit frische Luft zu atmen oder andere Menschen zu treffen, und jenen, die ihre Liebsten verloren haben. Unsere Vorräte gehen zur Neige. Die Nähe wird bedrückend. Wir haben Musik, wir haben Bücher, aber wir müssen soviel anderes entbehren, und Unsicherheit und Furcht nagen an uns als andauernde Bedrohung. Das macht absolut keinen Spaß.
     Ich wünsche Euch bessere Zeiten. Ciao.

 


 

Im Original erschien der Text am 14. April 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.