What’s New? 12/07/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat fünf im Jahr der Seuche)

Auf der Ratgeberseite der Zeitung hat sich neulich ein Ehemann über die Bekleidungsgewohnheiten seiner Frau während der COVID-19-Ausgangssperre beschwert – sie hatte drei Tage lang die gleiche Jeans getragen. Ha! Hier sind’s eher drei Monate. Was hat man davon, sich schick anzuziehen, wenn man nirgends hin kann? Frau B. und ich könnten genauso gut nackt herumlaufen und Strom und Wasser für die Waschmaschine sparen. Obwohl ich ja ein modebewusster Mann bin, der sich gern gut kleidet (wenn auch nur in schwarz), fällt es mir schwer, irgendetwas anderes zu tragen als dieselbe ölverschmierte, mit Mulch überzogene und am Hosenboden durchgescheuerte Jeans, die ich jetzt schon so lange trage, dass ich mich schon an nichts anderes mehr erinnern kann (es ist ja nicht so, dass ich einfach in einen Laden spazieren und eine neue Jeans kaufen kann – das heißt, ohne das Risiko, eines langsamen Todes zu sterben). Und meine T-Shirts? Fragt am besten nicht. Wenn dies alles erst einmal vorbei ist, wird es schwer sein, mich aufzuraffen und als T.C. Boyle auf die Bühne zu treten, weil ich in diesen Tagen total glücklich damit bin, in Lumpen herumzulaufen; aber dann wiederum trug sogar Adam Stensen (alias Colter) eine strapazierfähige Tarnhose, als er seiner nostalgischen Leidenschaft für Matsch frönte.
     Ja, durch meine Arbeit konnte ich meiner Kunst Ausdruck verleihen, und das hat mich aufrecht erhalten, mit vor Dreck starrenden Jeans oder ohne – was habt Ihr anderes erwartet? Ich habe den nächsten Roman, Talk to Me, vor ein paar Monaten abgeliefert (Veröffentlichung im nächsten Frühjahr), und habe danach die Erzählungen für die nächste Kollektion fertiggestellt, I Walk Between the Raindrops, die 2022 herauskommen soll. Und jetzt taste ich mich heran an den ersten schwachen Schimmer des nächsten Romans. Alles ist gut. Alles prima. Wer braucht schon die anderen?
     Wie auch immer, ich zähle die Tage, bis das Virus seinen Griff lockert und der sanfte Herbstregen vom Meer zu uns kommt und wir einen neuen Bewohner des Weißen Hauses begrüßen können. Bleibt gesund, meine Freunde, lest intensiv, wascht Eure Bluejeans (und Eure schwarzen auch) und trinkt nicht zuviel aus bloßer, unbezwingbarer Langeweile.


Im Original erschien der Text am 12. Juli 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 14/04/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat zwei im Jahr der Seuche)

Meine Ehefrau, die Furcht einflößende Frau B., hat sich in diesem Monat so gut wie gar nicht bewegt. In ihren Kniekehlen und in den feuchten Gärten unter ihren Armen beginnt sich Moos auszubreiten. Und ich? Ich langweile mich so, dass meine Mandeln schon wieder nachwachsen. Und wir gehören noch zu den Glücklichen, weil wir das Haus verlassen können (und auch dürfen), um am Strand oder auf einem Wanderweg spazierenzugehen (kein Herumlungern erlaubt und auch keine Gruppenbildung). Ich weiß, dass Andere nicht die Möglichkeit dazu haben. (Übrigens, wenn ich hier »wir« sage, meine ich unser Viertel im Allgemeinen und meinen Haushalt im Besonderen – traurigerweise geht der Teil der Gleichung mit dem »Spazierengehen« für die oben erwähnte Frau B. nicht auf, da sie sich standhaft geweigert hat, das Haus zu verlassen, nicht mal um einmal um den Block zu gehen oder die hundert Schritte zum Haus meiner Tochter gleich nebenan zurückzulegen. Und dies im Gegensatz zu der Notlage nach dem 11. September 2001, als der Präsident die Leute dazu gedrängt hat einkaufen zu gehen, um die Wirtschaft anzukurbeln, was sie unermüdlich getan hat. Klar war sie damals jünger, und Shopping ist eine Sache, einfach so Herumlaufen eine ganz andere.)
     Außerdem haben wir es gut, weil einer unserer Söhne, der zukünftige Dr. Boyle der Jüngere, hier bei uns zu Hause weilt, nachdem sein Praktikum in Los Angeles bei dem Gesundheitsunternehmen Kaiser Permanente verkürzt worden ist, als Folge des plötzlichen Auftretens der Seuche. Er fängt zum Ende des nächsten Monats an einem anderen Krankenhaus in L.A. an, aber bis dahin haben wir die ganze Zeit unseren persönlichen Arzt hier. Und das ist keine Kleinigkeit. Er riskiert sein Leben, um unseres zu erhalten, indem er Lebensmittel einkauft, zu dem einen oder dem anderen geschlossenen Restaurant düst, um Essen zum Mitnehmen zu besorgen (Chinesisch steht ganz oben auf der Liste). Er ist auch dabei, Holz zu hacken, um das Kaminfeuer am Brennen zu halten, und bereitet sich auf die zu erwartenden Kämpfe im Krankenhaus vor, indem er zwischen Anfällen von Videospielsucht fleißg studiert. Und ich? Seitdem ich vor zwei Monaten den letzten Roman, Talk To Me, abgeliefert habe, schreibe ich neue Kurzgeschichten. Ob mit Ausgangssperre oder ohne, dies ist das, was ich sowieso gemacht hätte, was ich mein ganzes Erwachsenenleben hindurch gemacht habe, und diese alltägliche Beschäftigung lenkt mich ab von dem Elend, das die menschlichen Seele niederdrückt, die Tag für Tag dieses grausame und sinnlose Leben, das dieser Planet uns auferlegt, bewältigen muss. Kurz gesagt, ich führe ein großartiges Leben, und wenn nicht der Faktor Langeweile wäre, gäbe es wenig, über das ich mich beschweren könnte.
     Nachdem das gesagt ist, möchte ich mein Mitgefühl all denen aussprechen, die ihre Arbeit verloren haben und ihre Rechnungen nicht bezahlen können, denen, die wirklich ans Haus gefesselt sind ohne die Möglichkeit frische Luft zu atmen oder andere Menschen zu treffen, und jenen, die ihre Liebsten verloren haben. Unsere Vorräte gehen zur Neige. Die Nähe wird bedrückend. Wir haben Musik, wir haben Bücher, aber wir müssen soviel anderes entbehren, und Unsicherheit und Furcht nagen an uns als andauernde Bedrohung. Das macht absolut keinen Spaß.
     Ich wünsche Euch bessere Zeiten. Ciao.


Im Original erschien der Text am 14. April 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.