Sind wir nicht Menschen – Pressespiegel

Am Montag, den 17. Januar 2020, erschien im Hanser Verlag T.C. Boyles neuer Erzählband Sind wir nicht Menschen. Das Buch enthält alle Geschichten aus dem Originalband The Relive Box sowie die letzten sieben Erzählungen aus dem Sammelband T.C. Boyle Stories II.

Auf dieser Seite sammeln wir wieder die Besprechungen und geben Euch so einen Überblick, wie hierzulande Presse und Buchblogger über Boyles neue Kurzgeschichten-Kollektion denken und urteilen.

 


 

What’s New? 20/01/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Ein Jubeltag für Euren ach so armen und bescheidenen Autor: Heute habe ich letzte Hand angelegt an zwei Bücher und sie an meinen Agenten geschickt, der sie dann wiederum an meinen Verleger schickt. Das erste ist der neue Roman, von dem ich Euch hier im Lauf des letzten Jahres berichtet habe und welchen ich am 12. Januar vollendet und nun fertig durchgesehen habe. Er heißt The Familiar und taucht ein in das Reich des tierischen Bewusstseins, nachdem Das Licht das menschliche Bewusstsein erforscht hat. Er bringt es auf schlanke 255 Seiten, was in dem Eineinhalb-Zeilen-Abstand, in dem ich schreibe, ungefähr dieselbe Anzahl an gedruckten Seiten ausmacht.
     Das zweite Buch ist eine Sammlung von Geschichten, die ich für meinen Verleger Ecco zusammengestellt habe, als Teil seiner Serie mit Kurzgeschichten-Bänden. Sie heißt When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone. Apropos schlank: Nach den zwei dicken Kurzgeschichten-Bänden und den neuen Erzählungen in The Relive Box von 2017 (erscheint auf Deutsch am 17. Februar unter dem Titel Sind wir nicht Menschen) enthält dieser Auswahlband lediglich zwölf Geschichten, ausgesucht aus meinen Sammlungen seit 2000. Ist das ein »Das Beste aus…«? Nicht unbedingt. Ein Best-of wäre mindestens zweimal so umfangreich, aber keine Angst, ich habe ein paar meiner Lieblinge hierfür ausgesucht. Was den Roman angeht, so kann ich nicht viel mehr verraten, als ich an dieser Stelle schon getan habe, aber bleibt dran, je mehr das Jahr fortschreitet, desto mehr Neues werdet Ihr über dieses und jenes erfahren.
     Wann soll er erscheinen? Das hängt ganz von meinem Verleger ab. Wir könnten es im Herbst machen, oder eher nächstes Jahr um diese Zeit. Ich hoffe, es wird wenigstens einen Auszug geben, je näher der Termin rückt, und dazu ein paar Kurzgeschichten, weil ich gerade dabei bin, die nächste Sammlung von neuen Geschichten fertigzustellen, benannt nach der Geschichte, die im New Yorker erschienen ist: I Walk Between The Raindrops.
     So. Was mache ich jetzt? Ich werde alle, die mir nahe sind, lieben, und dazu eine Menge Leute, die mir nicht nahe sind, Frau Boyle und meine Kinder umarmen (und meine Tiere), lange Spaziergänge unternehmen, ein paar Bar-Tresen mit meinen Ellenbogen polieren und … wenn die Zeit dafür gekommen ist, schreiben, schreiben, schreiben.

P.S. Der Jubel kommt, der Jubel geht: Ich glaube, ich war ein bisschen vorschnell: mein Agent teilt mir gerade mit, dass es Probleme mit der Sammlung von Geschichten gibt. Wir müssen das wohl fürs Erste zurückstellen. Bleibt dran, bis ich Neues verkünden kann.

 


 

Im Original erschien der Text am 20. Januar 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 12/09/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Wie Ihr auf dem Foto oben sehen könnt, tragen unsere Bemühungen, die alarmierend schwindende Population an Monarchfaltern erhalten zu helfen, Früchte, oder besser gesagt Larven. Dieses Haus wurde ja ursprünglich nach ihnen benannt (»Butterfly Woods«), gleich nach dem Bau 1909, dem zweifellos eine Menge von ihnen zum Opfer fiel. Wir haben gestern vierundzwanzig Raupen auf unseren Seidenpflanzen (engl. Milkweed, Gattung Asclepias; Anm. des Übersetzers) gezählt. Während sich die erwachsenen Falter von einer Vielzahl von Planzen ernähren, müssen sie ihre Eier auf Seidenpflanzen legen, und die Raupen fressen nur davon. Es war ein schlimmes Jahr in der Monarchwelt, aber zumindest hier haben wir ein bisschen Hoffnung. Ich will heute noch ein paar Pflanzen einsetzen, da die Raupen alles bis auf kleine Stummel abgefressen haben.
     Und nun zu den weniger bedeutenden Neuigkeiten (also die, die die Publikationen betreffen); hier ist folgendes passiert:
     Ich wurde gebeten, einen kleinen Band mit ausgewählten Erzählungen für Ecco zusammenzustellen, als Teil der fortlaufenden Serie. Wie viele von Euch wissen werden, bin ich genauso überzeugt von der Form der Kurzgeschichte wie von der des Romans, und ich habe bisher elf Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, einschließlich der beiden umfangreichen Bände T.C. Boyle Stories (1998) und T.C. Boyle Stories II (2013), und vor zwei Jahren brachte Ecco zwölf Geschichten in The Relive Box and Other Stories heraus. Weiterhin habe ich, bevor ich den Roman angefangen habe, an dem ich gerade schreibe, schon sechs neue Geschichten geschrieben, von den zwölf, die die nächste Kollektion bilden werden – I Walk Between the Raindrops – und ich hoffe, ich kann diese Kollektion in zwei Jahren oder so fertigstellen. Alles zusammen eine Menge Geschichten, 147 um genau zu sein. Aber mein Verleger findet, ein Band mit ausgewählten Erzählungen würde mir neue Leser meiner Erzählungen erschließen, da die dicken Bände (619 beziehungsweise 915 Seiten) doch ein wenig unhandlich für, sagen wir mal, das Lesen am Strand sein könnten. Okay. Prima. Für besagten Band denke ich an Kurzgeschichten von 2001 bis 2013 und nicht an ältere Klassiker wie z. B. Greasy Lake, die anderswo gut repräsentiert werden. Wie es im Moment aussieht, werde ich diesen kleinen Band – nur zehn! – nach der Titelgeschichte benennen, When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone. Was meint ihr?

PS: Dies wird kein »Best-Of«, das würde nämlich, sagen wir, mindestens fünfundzwanzig Geschichten beinhalten, sondern vielmehr das, als was es ausgewiesen ist: eine Auswahl. Die vorläufigen Titel, in der (möglichen) vorgesehenen Reihenfolge:

  • Birnam Wood
  • A Death in Kitchawank (Tod in Kitchwank)
  • Chicxulub (Chicxulub)
  • Sin Dolor (Sin Dolor)
  • The Lie (Die Lüge)
  • Swept Away (Windsbraut)
  • My Widow (Meine Witwe)
  • Tooth and Claw (Zähne und Klauen)
  • The Love of My Life (Die Liebe meines Lebens)
  • When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone (Als ich heute morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte)

 


 

Im Original erschien der Text am 12. September 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 28/02/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Okay, nach Deutschland zu kommen war vielleicht ein bisschen schwierig für mich, aber es hat sich gelohnt, wie Ihr auf dem Foto hier sehen könnt. Warum war das schwierig? Weil hier ein Sturm wütete und schon wieder für einen Erdrutsch sorgte, der die Weiterfahrt auf der einzigen Straße nach Süden verhinderte, dem Freeway 101 (und der auch die Eisenbahn blockierte), so dass ich nicht nach LA zum Flughafen konnte, um meinen Swiss Air-Flug nach Berlin zu erreichen. Nachdem die Polizei uns zum Umkehren gezwungen hatte, fuhren wir nach Norden zum Santa Barbara Airport, von wo es nur noch einen Flug nach LA gab, und der war natürlich ausgebucht. Dann haben wir einen Hubschrauber gemietet, doch zehn Minuten später rief der Pliot an und sagte ab; er gab an, es sei zu gefährlich durch den Sturm zu fliegen. Dann sind wir neunzig Meilen nordwärts bei Regen und Wind nach San Luis Obispo gefahren, wo wir einen United Airlines-Flug gebucht haben, der uns nach LA bringen sollte, wo wir zwei Stunden vor Abflug unseres Swiss Air-Fluges ankommen würden. Ja, schön. Klar doch. Nur war es leider so, dass der Flug nach LA vier Stunden Verspätung hatte, so dass wir dann die Nacht in einem Flughafenhotel in LA verbringen mussten, um dann am nächsten Morgen mit Lufthansa zu fliegen, was bedeutete, dass ich die Live-Radio-Show in Berlin am Nachmittag verpasste und sturmgeschockt und mit Jetlag auf die Bühne musste, vor 1.200 enthusiastischen Fans. Eine Woche später präsentierte mir mein Verleger im Hanser-Verlagshaus in München diese bedeutungsvolle Torte: #1-Bestseller auf der Liste des SPIEGEL. Die Götter haben’s genommen, die Götter haben’s gegeben.
     Inzwischen haben wir die zweite Woche zu Hause, nach der Tour, und es ist fast wieder alles normal. Die Termine für die Amerika-Tour purzeln auf ihre Plätze, und ich werde den Plan hier für Euch posten, wenn er endgültig feststeht. The New Yorker hat Asleep At The Wheel in der Ausgabe vom 11. Februar veröffentlicht, und Esquire bringt What’s Love Got To Do Wih It in der aktuellen (März-)Ausgabe, während ein Auszug aus Das Licht jetzt in Narrative online verfügbar ist.
     Ich habe grad erfahren, dass die Verhandlungen für eine Fernsehserie von América abgeschlossen sind und dass MGM in Kürze eine Pressemitteilung mit Details bringen wird, während ein paar andere Film-Projekte sich schon ankündigen, darunter eine Serie nach der Kurzgeschichte On For The Long Haul und Filme von The Relive Box, Are We Not Men und Wassermusik. Was alles andere angeht, so lese ich, schreibe ich, ruhe mich am Kaminfeuer aus mit Hund, Katze und Frau B. und lausche dem Regen – gesegnet, höflich und in keiner Weise störend – während er beruhigend von den breiten Kupfer-Dachrinnen heruntertröpfelt und seine eigene honigsüße Wassermusik spielt.

 


 

Im Original erschien der Text am 28. Februar 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

Esslingen 2017

Von Fabian Neidhardt

 

T.C. Boyle wird dieses Jahr 69 und ich habe ihn zwar schon im Februar in Stuttgart gesehen, aber wer weiß, wie lange er noch Lesungen machen wird? Also bin ich gestern nach Esslingen auf die LesART, einem eigentlich eher kleinerem Literaturfestival, welches durch glückliche Umstände dazu kommt, Boyle zu Besuch zu haben. Zusammen mit knapp 1000 weiteren komme ich also ins NeckarForum, einer riesigen bestuhlten Halle. Ich komme kurz vor Veranstaltungsbeginn und bin so frech, mir den letzten freien Platz in der dritten Reihe zu nehmen. Zwischen der Sanitäterin und dem einen, der aussieht, als ob er beschlossen hat, heute Abend keinen Spaß zu haben. Diese Leute finde ich auf jeder Veranstaltung.

Aber wir reden von T.C. Boyle, der tatsächlich auch diesen Mann zum Lachen bringt. Boyle macht sein Ding. Vor vielen Jahren sagte er mal, dass Lesungen wie Konzerte sein sollten, sie müssen unterhalten und Spaß machen. Genau das macht er bei seinen Lesungen. Natürlich wieder in roten Chucks und schwarzem Anzug und geilen Antworten auf jede Frage unterhält er viel zu kurze 90 Minuten. Was mir besonders auffällt, er war wieder mit Die Terranauten da, aber er macht ein anderes Programm, liest eine andere Stelle, erzählt ein paar andere Geschichten, beispielsweise von seinem Kurzgeschichtenband The Relive Box, der gerade in den Staaten veröffentlicht wurde und von seinem Roman über Albert Hofmann und LSD, den er bereits bei seinen Auftritten im Februar erwähnte und mittlerweile beendet hat. Also keine reine Wiederholung dessen, was ich schon kenne. Guter Mann. Krasser Kopf, der extrem fit ist und sehr viele Details zur Sprache bringt, was mich immer wieder überrascht und jedes Mal eine Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Kurz, Boyle war geil. Aber:

Die Lesung auf Deutsch übernimmt Lea Ruckpaul, Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater mit einer eindrücklichen kratzigen Stimme. Sie liest den Text fehlerfrei vor. Aber sie kommt nicht in die Haltungen. Wie jemand, der gerade schalten lernt, ruckelten wir durch den Text, mal zu schnell, mal irritierend langsam. Verständlich, ja, aber nicht so, dass sie es dem Zuhörer leicht gemacht hat, mitzukommen.

Und moderiert wurde der Abend von Günter Keil, der geübt darin ist, Lesungen zu moderieren und fürs Publikum aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich kenne ihn bisher nicht, aber er scheint ein netter Kerl zu sein, der sich von Boyle nicht einschüchtern lässt. Aber Boyle ist auch nicht der Typ, der einschüchtert. Gerade mit dem Wissen um Keils Erfahrungen und Referenzen bin ich erschüttert von der Moderation und den Übersetzungen. Die Aufgabe des Moderators ist, durch den Abend zu leiten, bei einer Fremdsprache dafür zu sorgen, dass sich niemand zurückgelassen fühlt und im Auftrag des Publikums alle Fragen zu stellen, die sich das Publikum stellen könnte.

Gestern aber schafft Keil eben das nicht. Viel zu oft greift Boyle ein und lenkt das Gespräch selbst in die Richtung, in die es gehen sollte. So erzählt er beispielsweise, wie er kurz vor dem Abflug auf die Lesereise den neuen Roman beendet hat, Keil übersetzt und stellt eine vollkommen andere Frage. Woraufhin Boyle sagt: »Das Publikum fragt sich wahrscheinlich, worum geht’s im neuen Buch.« Alle applaudieren und Boyle erzählt also von LSD und Hofmann. Solche Korrekturen passieren ein paar Mal. Ich glaube nicht, dass T.C. Boyle irgendjemanden auflaufen lassen will, aber es gab ein paar Situationen, in denen er Keil auflaufen lassen musste, weil wichtige Dinge sonst nicht zur Sprache gekommen wären. Weiterhin hat Keil frappierende Übersetzungsfehler gemacht.

Es ist keine leichte Aufgabe, ausschweifende Antworten und Pointen so ins Deutsche zu übertragen, dass sie funktionieren und nicht für den Großteil des Publikums redundant sind. Ich verstehe, dass man als jemand, der kein Englisch spricht, leider nicht viel mitbekommt und es auch leider nicht wirklich anders geht. Zumindest nicht ohne größeren Aufwand. Aber Keil hat gestern regelmäßig falsch übersetzt. Er spricht ihn ganz am Anfang auf die roten Chucks an und Boyle antwortet: »Frau Boyle told me to wear them, so I do, for 20 years now.« (»Frau Boyle, hat mir gesagt, ich soll sie anziehen, also tue ich das. Mittlerweile seit 20 Jahren.«) Keil übersetzt: »Er hat sich die Sachen in einem Laden ausgeliehen und trägt sie deshalb.«

Wie gesagt, der Job des Moderators ist kein leichter und ich verstehe auch, dass man nicht immer alles so schnell verstehen und übersetzen kann, wie man sollte. Aber das blieb kein Einzelfall, sondern zog sich durch den gesamten Abend. All das wäre sogar noch okay gewesen, wenn nur mir es mit geschultem Ohr aufgefallen wäre. Aber wenn selbst die Sanitäterin, die nur halb zuhört, weil sie berufsmäßig da ist, von der Moderation und den (Fehl-)Übersetzungen irritiert ist, dann – so leid es mir tut – ist das ein Problem.

Schade. Aber dennoch, T.C. Boyle zu sehen, lohnt sich jedes Mal. Und ich hoffe auch noch viele weitere Male.

 


 

Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von Fabian Neidhardt, mokita.de. Foto: T.C. Boyle, via Twitter @tcboyle.