What’s New? 12/05/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat drei im Jahr der Seuche)

Natürlich hat die Corona-Krise eine schreckliche Wunde in den Leib der Menschheit geschlagen, aber es sieht so aus, als bekämen all die anderen Geschöpfe auf der Welt ein Stück von dem zurück, was wir ihnen mit unserer fieberhaften und lautstarken Aktivität weggenommen haben. Die Vögel und die Insekten und ein überaus fetter Ochsenfrosch bringen mir morgens und abends ein Ständchen, und ich höre keine Motorräder und PS-starken Sportwagen. Es ist so wunderbar beruhigend. Wie viele von Euch wissen, habe ich vor ein paar Jahren über ein ähnliches Phänomen geschrieben, in meiner Erzählung über die Rückkehr der Natur in der Isolationszone um Tschernobyl (In the Zone), und diese Vorstellung übt eine große Faszination auf mich aus, und vergesst jetzt am besten mal die eingedrungene »Mörderhornisse«, die im pazifischen Nordwesten Amerikas aufgetreten ist. (Eindringlinge! Lest Wenn das Schlachten vorbei ist, um die Auswirkungen zu beurteilen.)
     Auf jeden Fall hat die Ausgangssperre mich nicht vom Wandern abgehalten, allein, und dabei beachte ich eine soziale Distanz von mindestens einer halben Meile, was mir die wilde Natur noch viel eindrücklicher nahegebracht hat als hier bei mir im Garten. Also gut. Vor zwei Wochen sind der Hund und ich zur Paradise Road gegangen, auf der anderen Seite der Santa Ynez Berge, wo wir im Los Padres National Forest umherwandern können. So weit im Landesinneren war es sehr heiß. Die Stechmücken waren begeistert mir zu begegnen, genau wie die Zecken, aber richtiges Herzklopfen bereitete mir das plötzliche Erscheinen einer stattlichen Klapperschlange, die zusammengerollt in ihrem eigenen Schatten nur zwei Fuß vom überwachsenen Pfad lag. Sie kündigte ihre Gegenwart an. Sie war verärgert. Und während ich flugs den Hund an die Leine nahm, damit er nicht zu nahe heran kam, schoss die Schlange hinein ins Gestrüpp wie ein Fleisch gewordener Pfeil. Und dann kam ich gestern nach Hause, nach der Begegnung mit einer (für Mensch und Hund gleichermaßen) harmlosen rotbäuchigen Schlange, die in das Blätterdach einer Eiche schlüpfte, gerade als wir auf einem anderen, belebteren Weg an ihr vorbeikamen, und fand eine zehn Zentimeter lange Stabheuschrecke, die sich an einem der vorderen Fenster häuslich einrichtete. Sie war ein wahres Wunderwerk. Wenn wir jemals Wesen von einem anderen Planeten treffen sollten, könnten sie kaum fremdartiger sein als dieses übernatürliche Insekt – es war eine Begutachtung mit einem Vergrößerungsglas nötig um herauszufinden, wo der Kopf und wo das Hinterteil war, aber dann ergab die Untersuchung, dass sie Augen hatte! Genau wie wir. Ich frage mich immer noch, was das in mir auslöste.


Im Original erschien der Text am 12. Mai 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 22/09/2011

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Eine wundervolle Zeit der Versteinerung. Die ganze Welt um mich herum wird zu Stein, Krähen aus schwarzer Glaslava stürzen vom Himmel und zerschlagen auf dem Fußweg, die Bäume mineralisch zementiert wie die Caliche-Wälder auf San Miguel, mein Gehirn verhärtet zu Granit. Aber bei Gott, es ist wirklich entspannend! Ich sitze hier steinartig, ohne Stress und Ärger, San Miguel ist abgegeben und durchläuft die üblichen Verhandlungen zwischen meinem Agenten und Verleger (darüber das nächste Mal mehr, wenn sich ein Zeitplan für die Veröffentlichung abzeichnet), das Vorwort zu T.C. Boyle Stories II, the Collected Stories of T. Coraghessan Boyle, Volume II, ist fertig und geschliffen, meine Finger verharren über der Tastatur, während ich versuche, mit einigen einsetzenden Ideen für Geschichten wieder aufzutauen. Aber da ist noch nichts. Nur Versuche und Kritzeleien. Wir werden sehen.
     Der Reiseterminkalender ist ausnahmsweise einmal nicht zu anstrengend: Ich habe Ende dieses Monats das New Yorker Festival (und freue mich zudem auf die Glanzstücke der Stadt, auf zwei Tage auf dem Fluss mit dem Kanu in der Gegend der Bear Mountain Bridge, und zu Fuß durch die Wälder meiner Vorfahren streifend), wonach ich hoffentlich ein bisschen Zeit auf dem Berg im Sequoia National Monument verbringen und dabei zuschauen kann, wie die Espen die Farbe von grün zu gelb wechseln und ich hoffentlich nicht von Jägern erschossen werde. Natürlich werde ich vorm Holzofen lesen und ausgestreckt auf den verwitterten Gesteinsblöcken neben meinem Lieblingswasserfall. Während es Herbst wird. Halloween.
     Was neue Veröffentlichungen anbelangt, ist In der Zone endlich in der aktuellen Ausgabe der Kenyon Review erschienen, wie unsere melodischen Beiträger sofort gemeldet haben (Mimi, die unerschrockenste eines unerschrockenen Haufens, hat einen Link ins Forum gestellt). Ich fürchte, das war für eine gewisse Zeit die letzte Veröffentlichung, da es normalerweise zwischen einem und eineinhalb Jahren dauert, bis meine Bücher erscheinen, und ich (versteinert) die neuen Geschichten noch nicht magma-artig zum Fließen gebracht habe, aber wenn es soweit ist, werde ich es Euch ganz sicher wissen lassen.
     Ciao.

P.S. Das Bild des Monats, das Chris Santiago letzten Montag in meinem Büro an der University of Southern California gemacht hat, zeigt James, mich und James‘ edlen und weitgehend unnahbaren Königspudel, UC.


Im Original erschien der Text am 22. September 2011 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: Chris Santiago.


 

What’s New? 25/05/2011

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Die Neuigkeiten dieses Monats sind hauptsächlich meteorologischer und ökologischer Art. Nach den strahlenden Freuden der L.A. Buchmesse und der langen Tournee für Wenn das Schlachten vorbei ist hatte ich die Gelegenheit, auf meinen Berg zu fliehen, und zwar alleine. Ja, ich ging in die Wildnis ohne Hund, Frau oder Kinder, ohne Handy, Internetzugang oder Fernsehen, und kam deshalb als ein besserer Mensch zurück. Glaube ich. Auf jeden Fall war ich in demselben Haus, das ich schon die letzten drei Jahre gemietet hatte, und wurde von den ansässigen Kreaturen herzlich begrüßt, die mich wegen der winterlichen Verhältnisse dringend brauchten – oder vielmehr die Nahrung, die ich mitbrachte. Es gab drei Schneestürme in den zwei Wochen, die ich dort war, nicht mehr als dreißig Zentimeter oder so blieben liegen, aber das taten sie auf den übriggebliebenen Verwehungen, so dass ich, als ich letzte Woche herunterkam, eine Dezember-Winter-Festung zurückließ, überall Schnee, bis in die obersten Äste der Kiefern. Espen? Vergesst es! Sie hatten gerade erst ihre Knospen ausgefahren und sahen mächtig entmutigt aus. Die Tiere, die mir durch ihre Dienste an dem Brett, das an das Geländer vor dem Küchenfenster angenagelt ist (es dient als Vogel- und Alles-Futter-Stelle), Gesellschaft leisteten, kamen in regelmäßigen Schichten von frühmorgens bis spätabends. Es fing wie immer mit den brillanten Eichelhähern an, gefolgt von dem einheimischen braunen Eichhörnchen, einem Paar fetter Ringeltauben, einer Schar kleiner schwarzer Vögel, die ich nicht so einfach einordnen konnte, einem großen und sehr misstrauischen Raben, und dann, nach Einbruch der Dunkelheit, dem fliegenden Eichhörnchen und der Waschbärin, die mich seit drei Jahren besucht (genau die, die einen Gastauftritt in Wenn das Schlachten vorbei ist hatte). Das war meine ganze Gesellschaft, abgesehen von den drei oder vier depressiven Menschen, die sich an der Bar in der Hütte versammelten, während sie dabei zusahen, wie der Schnee den achten Wintermonat in Folge alles mit einem Schleier überzog. Kurz gesagt: was für eine Freude!
     Natürlich habe ich auch geschrieben und gelesen und nicht nur im Schnee gestöbert und die Waldbewohner ernährt. Der neue Roman, San Miguel, schreitet fort, und ich hoffe, dass ich ihn fertig – oder fast fertig – habe, wenn ich im August in den großen glänzenden Flieger steige und meinen Auftritt auf den Festivals in Killarney und Edinburgh habe. Und die letzte von dem neuesten Bündel Geschichten – In der Zone, die in Tschernobyl spielt, drei Jahre nach dem Reaktorunglück, und letztes Jahr im April fertig geworden ist – ist für die April-Ausgabe der Kenyon Review geplant, die Korrekturabzüge dafür gehen heute per Post raus. Ich hoffe, dass ich zu der Zeit, wenn sie gedruckt wird, an neuen Kurzgeschichten schreibe, um die nächste Sammlung zu vervollständigen, die entweder als eigenständiger Band erscheinen wird – Tod in Kitchawank und andere Geschichten oder – und das wird immer wahrscheinlicher – in T.C. Boyle Stories II integriert wird, den zweiten dicken, reichhaltigen und saftigen Band mit gesammelten Kurzgeschichten. Wenn das der Fall sein sollte, werden wir diesen Wälzer vielleicht in zwei Jahren in den Händen halten, nachdem San Miguel eine Chance hatte, in den Bücherregalen aufzutauchen und in dem winzigen, komplexen Irrgarten auf Silikonbasis in den Eingeweiden von Kindle. Jedenfalls: plant voraus, das ist mein Motto. Das gibt einem etwas, das man anstreben kann.
     Am Ende, denke ich, sollte ich Euch mehr Gerüchte aus dem Literaturbetrieb anbieten und zum Beispiel die schlüpfrigen Details der Kokain-, Alkohol- und Sexparties festhalten, an denen ich regelmäßig zusammen mit anderen gediegenen Berühmtheiten teilnehme, oder verraten, dass ich heimlich (und in Bigamie) mit der Königin von Burundi verheiratet bin oder dass ich sechsundneunzig Kilo zugenommen habe und kaum noch in meine Badehose passe, aber ich überlasse das der Boulevard-Presse und zukünftigen Biografen, während ich mich hier auf die erbaulicheren Neuigkeiten beschränke.
     Und in diesem Sinne, auf Wiedersehen. Ich werde bald auf den Berg zurückkehren, wo mir die große Ehre zuteil werden wird, einer der Richter beim jährlichen Chili-Koch-Festival zu sein (das ist bei Gott wirklich die Gelegenheit, sich in Glanz und Gerüchten zu suhlen).


Im Original erschien der Text am 25. Mai 2011 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.


 

What’s New? 11/04/2011

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Ich bin jetzt wieder zu Hause nach dem letzten Sturm der Tournee mit Wenn das Schlachten vorbei ist, der die Spreu vom Weizen trennte. Das war letzten Donnerstagabend vor einem kleinem, aber zähen Publikum im Bootleg Theater in L.A., ein Auftritt, der für den Fernsehsender arte Frankreich von einer Kamera-Crew aufgenommen wurde, die aus einem einzigen brillanten Kerl namens Olivier bestand. Jetzt ist bei mir wieder ein Anschein von Normalität eingekehrt und ich schreibe fleißig am zweiten Kapitel des dritten und letzten Teils von San Miguel, den ich hoffentlich Ende diesen Sommer fertig haben werde. Da wir hier natürlich von den Launen der künstlerischen Inspiration reden, weiß man nie. Vielleicht kommt es nicht dazu. Vielleicht brauche ich so viele Monate, Jahre und Jahrzehnte, um ihn zu Ende zu schreiben, dass ich in einer Irrenanstalt lande, wo ich – wahrlich, das denke ich – hingehöre. Aber kein Grund zur Sorge. Alles, was ich tun muss, ist, weiter diese Tasten zu drücken und der Roman wird sich selbst aus dem Ärmel schütteln.
     So. Was für zwei verrückte, mit Abenteuern vollgepackte Monate waren das. Hier ist einer der Höhepunkte der letzten Wochen, seit ich das letzte Mal auf diesen Seiten bloggifizierte: die einfallsreiche, witzige Inszenierung von My Pain is Worse Than Your Pain von dem einzigartigen und ganz und gar urkomischen Jeff Goldblum in der MBar in Hollywood für das WordTheatre. Er stellte den Erzähler als einen Betrunkenen dar, was er wirklich ist, und erntete stürmischen Beifall. Wie gesagt, was für ein Kick, wenn man erlebt, wie ein guter Schauspieler einem sein Werk darstellt, ganz zu schweigen wie reinigend eine gute Dreiviertelstunde ungetrübten Lachens sein kann. Dazu kommt, dass ich am Wochenende darauf im Getty Theater noch eine Dosis bekam, als Isaiah Sheffer Rapture of the Deep in dem fast überfüllten Theater spielte – auf brillante, schöne Weise: Er war Cousteaus vielgeplagter Koch. Mein Gott. Die Leute haben geheult vor Lachen. Die Show musste echt kurz unterbrochen werden, als eine Gruppe fassungsloser Frauen links von der Bühne erschrocken aufschrie, als Bernard (der besagte Koch) die Expedition sabotierte, indem er den mit knapp 2000 Litern Rohwein gefüllten Tank der Calypso ins Meer laufen ließ (das weindunkle Meer, heißt das).
     Und ich? Ich trottete von einem der unzähligen Auftrittsorte zum nächsten und gab einen Ausschnitt vom neuen Buch und meiner alten Kurzgeschichte zum selben Thema zum Besten: Ende der Nahrungskette. Es war leicht, die Leute zum Lachen zu bringen. Und ihnen Schrecken wie den oben genannten einzujagen. Außerdem bekam ich mitten unter alldem die aktuelle Ausgabe von Storie, der italienischen Zeitschrift, die zum zweiten Mal ein Werk von mir als Titelthema brachte. Ich danke Barbara Pezzopane für die Zusammenstellung des Hefts und Carlo Mello für seine Übersetzung. Selvaggio (Wild Child) liegt uns damit komplett vor, sowohl auf Italienisch als auch auf Englisch, sowie ein Interview mit dem Autor und ein kurzer lyrischer Auszug aus Die Frauen, der aus dem Original gestrichen worden war. Sehr schön. Und das Titelbild zeigt ein altes Blatt Papier mit handgeschriebenen Notizen in dem fast unlesbaren Geschmier, das ich verwende, um den C.I.A. und jede andere Agentur zu täuschen, sterblich oder unsterblich, die vielleicht wirklich herausfinden will, was es mit mir auf sich hat. Diese Notizen, soweit ich das feststellen kann, gehören zu Ein Freund der Erde aus dem Jahr 2000.
     Und hier habt ihr es, meine Freunde. Nachdem ich so viel über die Natur und mein Bedürfnis, in der Wildnis allein zu sein (während ich in verschiedenen Hotelzimmern wohnte) geredet habe, habe ich jetzt endlich eine Gelegenheit, in die Berge abzuhauen, in denen ich schon viel zu lange nicht mehr war. Wie viele von Euch wissen, konnte ich über die Weihnachtsfeiertage nicht in die Wälder des Sequoia Nationalparks gehen, weil ich mich immer noch von dem Beinbruch erholte, den ich Ende letzten Sommer hatte (warum, ach, warum nur habe ich das Schicksal herausgefordert, indem ich My Pain is Worse Than Your Pain schrieb, in dem der Erzähler sein Bein nicht nur einmal, sondern zweimal bricht?), und ich freue mich darauf, mich mit dem Wald und seinen Bewohnern wieder bekannt zu machen. Alles in Ordnung. Echt unüberwindlich. Aber ich habe noch einen Termin, und zwar meinen jährlichen Solo-Auftritt bei der L.A. Times Buchmesse, wo ich am 30. April um 11 Uhr 30 vormittags im Bing Theater auf dem Campus der University of Southern California erscheinen werde, die der anderen Uni in der Stadt – wie hieß die noch mal? – ihre Pflichten als Gastgeber abgenommen hat.
     Und was jetzt anbelangt, just diesen Augenblick? Eine erfrischende Tasse von meinem Lieblingstee und in meiner Vorstellung kehre ich zurück zu der kältesten, windigsten und abgelegensten aller Kanalinseln, San Miguel.

P.S.: Aber halt, wartet. Ich muss meine deutschen Leser darauf aufmerksam machen, dass meine neueste Geschichte, die ich letztes Frühjahr um diese Zeit geschrieben habe, am Osterwochenende in der Süddeutschen Zeitung erscheint, in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren. Dabei handelt es sich um meine Tschernobyl-Geschichte In der Zone, die hierzulande für die nächste Ausgabe der Kenyon Review geplant ist. Wegen der traurigen Ereignisse in Fukushima hat die Geschichte eine direkte Relevanz, vor allem in Deutschland, wo Proteste die Atomkraftwerke geschlossen haben.

P.P.S. Okay, jetzt. Tschüss.


Im Original erschien der Text am 11. April 2011 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.


 

What’s New? 28/08/2010

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Ja, ich weiß, in meiner letzten Meldung habe ich versprochen, Euch etwas Neues von meinen Veröffentlichungen zu berichten, und das habe ich auch vor, aber zuerst gibt es etwas eher Enttäuschendes aus dem persönlichen Bereich zu berichten: Ich bin die nächsten acht bis zehn Wochen außer Gefecht, mindestens, und musste meine Auftritte beim Cork Literaturfestival und bei der Purdue Universität im September absagen. Warum? Weil das Schicksal, oder wie immer wir die willkürlichen Kräfte nennen wollen, die unser erbärmliches, kleines Leben manipulieren, mir einen Streich gespielt haben. Und zwar folgenden:
     An einem Dienstag, als ich mein tägliches Pensum an meinem neuen Roman, San Miguel, abgeschlossen hatte, nutzte ich den Nachmittag für eine Wanderung in der Red Rock Gegend des Santa Ynez Flusses. Es war 42 Grad heiß und ich wusste, dass bei der Hitze niemand weiter als bis zum ersten Teich wandern würde – niemand außer mir, heißt das. Und so hatte ich große Freude daran, etwas über zwei Meilen weit über ziemlich rauen Boden zu wandern – über vom Wasser schlüpfrige Steine und Felsbrocken, die einem im Handumdrehen den Knöchel oder das Bein brechen konnten, wenn man einen falschen Tritt machte. Ich war schwimmen und tollte im Wasser umher und wanderte zurück und alles war wunderbar. Dann ging ich ins Haus, stolperte über den Wohnzimmertisch und brach mir ein Bein.
     Ja, ich weiß, genau so passieren solche Sachen. Aber wie langweilig. Am schlimmsten finde ich, dass ich still sitzen und mich entspannen soll (kann man »hyperaktiv« sagen?), und genau das muss ich tun – und mich strikt daran halten – oder riskieren, dass der Bruch nicht zusammenwächst, was bedeutet, dass ich eine Operation bräuchte, um die Stelle mit Metallplatten und Schrauben zu fixieren – eine Prozedur, der ich auf jeden Fall entgehen will. Ich bin bereits auf niederschmetternde Weise gelangweilt und frustriert, aber natürlich kann ich immer noch schreiben, und ich hoffe, dass diese unfreiwillige Periode der sitzenden Lebensweise es mir ermöglichen wird, schneller mit dem Roman voranzukommen. Entweder das, oder ich bringe mich um. Bleibt am Ball.
     Was die Veröffentlichungen angeht: Viking bringt den neuen Roman, Wenn das Schlachten vorbei ist, im Februar heraus, und ich rechne fest damit, dass ich mich bis zu der Tour, die mit der Veröffentlichung einhergehen wird, erholt haben werde. Zur gleichen Zeit wird Penguin die Taschenbuchausgabe von Wild Child herausbringen sowie (im Januar) eine neu aufgemachte Sonderausgabe von América mit einigen erstaunlichen Kunstwerken von einem Tätowierungskünstler. Ein Auszug von Wenn das Schlachten vorbei ist erscheint in der September/Oktober-Ausgabe von Orion (Scorpion Ranch), zusätzlich zu dem, der vor kurzem in McSweeney’s abgedruckt war. Ein letzter Auszug wird in der Zeitschrift meiner Alma Mater veröffentlicht, The Iowa Review, für die ich in den 70ern als Assistent von Robert Coover, dem Herausgeber für den Belletristikteil, gearbeitet habe, und dann, für ein Jahr, selbst Herausgeber für den Belletristikteil war. Neue Geschichten erscheinen in drei Zeitschriften. What Separates Us From the Animals ist für die Oktober-Ausgabe von Harper geplant und Good Home und In the Zone werden jeweils in zukünftigen Ausgaben des Playboy und der Kenyon Review erscheinen. Und eine Geschichte aus meiner ersten Sammlung, We Are Norseman, wurde gerade in einer neuen Anthologie abgedruckt, herausgegeben von Peter S. Beagle mit dem Titel The Secret History of Fantasy. Die Idee, die dahinter steckt, ist, dass Autoren von Literatur manchmal etwas erschaffen, das man Fantasy nennen könnte, während Fantasy-Autoren oft literarische Werke schreiben. Alles eine Sache der Definition, nehme ich an.
     Aber, ach, mein armer schmerzender Körper. Und nein, ich nehme keine Schmerztabletten oder schütte Alkohol in mich hinein – noch nicht jedenfalls. Ich will einen klaren Kopf behalten, um an dem neuen Roman weiterzuarbeiten, und vielleicht sogar langsamer tun und das gemütliche und zurückgezogene Leben genießen (ertragen?). Gestern erst, als ich auf der Terrasse in der Sonne las, hörte ich die Vögel alle zwitschern und die Eichhörnchen das Ihre tun. Das nennt man Erfahrung. Oder vielleicht Entropie. Und als ich ins Bett ging, die Beine ganz steif, wurde ich unaufhörlich von diesen perfekten Turnern und Akrobaten unterhalten, den Ratten, als sie an den Wänden und der Decke zeigten, was sie draufhatten. Bei ihnen gab es keine gebrochenen Beine, den kleinen Mistviechern.
     Ciao.


Im Original erschien der Text am 28. August 2010 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.