What’s New? 09/09/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Beängstigende Zeiten, und sie werden immer beängstigender. Kalifornien brennt – schon wieder, eigentlich immer – das Virus beherrscht uns, überall Proteste und die schreckliche Aussicht auf noch mehr, wenn Trump sich weigert, seine Niederlage bei der Wahl im November einzugestehen. Hinzu kommt, dass ich den Fehler gemacht habe, mich in eine Reihe von Büchern zu vertiefen, die sich mit dem Zustand der Umwelt beschäftigen und damit, was wir uns in dieser Hinsicht erhoffen können (denkt nicht einmal daran, Die unbewohnbare Erde von David Wallace-Wells zu lesen, wenn Ihr nicht Selbstmord begehen wollt). Ich fühle mich von allen Seiten bedroht, wenn ich jeden Morgen unruhig aufwache und das Licht einer von Rauch verhüllten Sonne traurig und siech durch das Fenster sickert. Okay. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals schlimmer als jetzt war. Und dennoch, und dennoch …
     Wie ich das letzte Mal erwähnt habe, kann man eine Menge über diese Phase der erzwungenen Isolation sagen. Positiv fällt ins Gewicht, dass ich seit letzten Herbst in kein Flugzeug steigen musste, was schon für sich genommen den Druckregler um sechs Millionen Einheiten runterfährt, und ich hänge hier seit sechs Monaten nur geringfügig gestresst herum. Und das muss wohl sowas wie ein Rekord sein. Die Feuer bedrohen uns dieses Mal nicht unmittelbar, und die beispiellose Hitzewelle hat vorletzte Nacht etwas nachgelassen, als Nebel sich heranschlich und die Küste gestern den ganzen Tag und den größten Teil des heutigen Vormittags überzog. Nachdem ich die nächsten beiden Bücher – Sprich mit mir, einen Roman, und I Walk Between the Raindrops, Erzählungen – abgeliefert habe, befinde ich mich jetzt in einer Phase, in der ich lese, mir Notizen mache und nachdenke, was, obwohl es mich in den Fingern juckt zu schreiben, doch entspannend ist (Langeweile ist ein sehr wirksames Beruhigungsmittel).
     Ich will mal was Schönes hören, Ihr nicht auch? Okay, gut. Für mich persönlich lief es hervorragend, was Publikationen betrifft. América kam am 1. September in einer Neuausgabe zum fünfundzwanzigsten Jahrestag heraus, Impedimenta hat eine hübsche spanische Übersetzung von Die Terranauten herausgebracht, der erhabene und wie kein Zweiter schwer arbeitende Dirk van Gunsteren ist dabei, Sprich mit mir für die deutsche Ausgabe (im Januar im Hanser Verlag) zu übersetzen, und ich habe erfahren, dass eine meiner neuen Kurzgeschichten diesen Herbst im New Yorker erscheinen wird, und dass eine weitere im diesjährigen Band von The Best American Short Stories veröffentlicht wird, was nicht nur eine große Ehre ist, für die ich sehr dankbar bin, die Geschichte wird auch einem noch größeren Publikum nahe gebracht. Welche es ist? Das darf ich noch nicht verraten, da der Herausgeber gerne die Leser im Ungewissen lässt. Bald, meine Freunde, wird alles aufgedeckt werden.
     Achtet in der Zwischenzeit darauf, dass Eure Masken stramm sitzen. Man sagt, dass es vor Ende dieses Jahres einen wirksamen Impfstoff geben wird, den die Schwächsten zuerst bekommen sollen, und dass wir alle Mitte des nächsten Jahres geschützt sein werden. Bis dahin haben wir einen neuen Präsidenten, einen wirklichen Präsidenten, und wir können in den langwierigen Prozess der Regulierung des Schadens eintreten, der der Umwelt und der Verfassung durch die jetzige Regierung zugefügt wurde.
     Ciao.

 


 

Im Original erschien der Text am 09. September 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 10/08/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

In der Titelgeschichte meiner Sammlung von 2001, Nach der Pest, in der eine globale Pandemie 99,9999% der Menschheit vom Antlitz der Erde fegt, gibt es ein witziges Detail, nämlich dass es in unmittelbarer Zukunft nicht möglich sein wird, gepflegt auswärts zu essen. Und in meinem Roman Ein Freund der Erde aus dem Jahr 2000 sorgt eine Pandemie namens Mucosa dafür, dass alle zu Hause hocken, während die Stürme des Klimawandels über sie hinwegbrausen und sie sich darüber ereifern, dass sie Gesichtsmasken tragen sollen. Das war damals alles ziemlich lustig und der Autor, dieser Klugscheißer, hätte nie gedacht, dass wir das schon so bald real erleben sollten, aber jetzt ist es soweit.
     Als um den Memorial Day herum hier in Kalifornien alles wieder öffnete, schickte ein Freund Bilder von sich und noch zwei anderen herum, in unserer Lieblingsbar, ohne Masken, wie sie auf die neue Freiheit tranken. Ich beschloss, mich ihnen nicht anzuschließen. Und jetzt, na klar, befinden wir uns am Rande einer neuen Ausgangssperre, und die Gesundheitsbehörden erzählen uns, dass Bars die gefährlichsten Orte sind bezüglich der Übertragung des Virus. Ich trinke zu Hause, im Garten, mit Frau B., meiner Tochter, ihrem Mann und deren einjährigen Sohn (wir erlauben ihm mit Rücksicht auf sein Alter nicht mehr als drei Bier, aber hier will keiner einen Ausweis sehen). Doch dies ist kein Nachtclub und auch kein CBGB, und mein Körper wird zu Stein vor lauter Langeweile, von den Zehennägeln bis hinauf zu meinen Gehirngängen, aber so bleibe ich der Nachwelt wenigstens als Fossil erhalten.
     Ich liebe Partys (vor allem wenn ich Gast und nicht Gastgeber bin), aber wir werden hier wohl in voraussehbarer Zukunft keine veranstalten, wenn wir nicht wollen, dass der Rote Tod plötzlich mittendrin auftaucht. Und wir verzichten auf Tourneen. Ich habe gerade mit meinem deutschen Verlag (Hanser) besprochen, dass wir keine Tournee mit Sprich mit mir veranstalten, wenn der Roman im Januar in deutscher Übersetzung erscheint (ich werde im Jahr darauf mit gleich zwei Büchern kommen, wenn die neue Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht wird), außerdem hoffe ich ja, dass wir im Mai einen Impfstoff haben und ich dann in den USA mit diesem wunderbaren Roman herumreisen kann.
     So sieht’s aus. Doch lasst mich zum Schluss noch sagen, mit den Worten von 2001:

Nach der Pest – eigentlich war es eine Mutation des Ebola-Virus, von Hand zu Hand und von Nase zu Nase übertragen wie eine banale Erkältung – war das Leben anders. Entspannter und überschwänglicher, einfach natürlicher. Die Hektik war vorbei, die Autobahnen waren frei von Staus bis rauf nach Sacramento, und unser armer schrumpfender, ausgeplünderter Planet war auf einmal wieder groß und geheimnisvoll.

Ja, klar. Und hier sind wir nun und hängen am seidenen Faden. Weh uns!

 


 

Im Original erschien der Text am 10. August 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.