What’s New? 10/08/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

In der Titelgeschichte meiner Sammlung von 2001, Nach der Pest, in der eine globale Pandemie 99,9999% der Menschheit vom Antlitz der Erde fegt, gibt es ein witziges Detail, nämlich dass es in unmittelbarer Zukunft nicht möglich sein wird, gepflegt auswärts zu essen. Und in meinem Roman Ein Freund der Erde aus dem Jahr 2000 sorgt eine Pandemie namens Mucosa dafür, dass alle zu Hause hocken, während die Stürme des Klimawandels über sie hinwegbrausen und sie sich darüber ereifern, dass sie Gesichtsmasken tragen sollen. Das war damals alles ziemlich lustig und der Autor, dieser Klugscheißer, hätte nie gedacht, dass wir das schon so bald real erleben sollten, aber jetzt ist es soweit.
     Als um den Memorial Day herum hier in Kalifornien alles wieder öffnete, schickte ein Freund Bilder von sich und noch zwei anderen herum, in unserer Lieblingsbar, ohne Masken, wie sie auf die neue Freiheit tranken. Ich beschloss, mich ihnen nicht anzuschließen. Und jetzt, na klar, befinden wir uns am Rande einer neuen Ausgangssperre, und die Gesundheitsbehörden erzählen uns, dass Bars die gefährlichsten Orte sind bezüglich der Übertragung des Virus. Ich trinke zu Hause, im Garten, mit Frau B., meiner Tochter, ihrem Mann und deren einjährigen Sohn (wir erlauben ihm mit Rücksicht auf sein Alter nicht mehr als drei Bier, aber hier will keiner einen Ausweis sehen). Doch dies ist kein Nachtclub und auch kein CBGB, und mein Körper wird zu Stein vor lauter Langeweile, von den Zehennägeln bis hinauf zu meinen Gehirngängen, aber so bleibe ich der Nachwelt wenigstens als Fossil erhalten.
     Ich liebe Partys (vor allem wenn ich Gast und nicht Gastgeber bin), aber wir werden hier wohl in voraussehbarer Zukunft keine veranstalten, wenn wir nicht wollen, dass der Rote Tod plötzlich mittendrin auftaucht. Und wir verzichten auf Tourneen. Ich habe gerade mit meinem deutschen Verlag (Hanser) besprochen, dass wir keine Tournee mit Sprich mit mir veranstalten, wenn der Roman im Januar in deutscher Übersetzung erscheint (ich werde im Jahr darauf mit gleich zwei Büchern kommen, wenn die neue Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht wird), außerdem hoffe ich ja, dass wir im Mai einen Impfstoff haben und ich dann in den USA mit diesem wunderbaren Roman herumreisen kann.
     So sieht’s aus. Doch lasst mich zum Schluss noch sagen, mit den Worten von 2001:

Nach der Pest – eigentlich war es eine Mutation des Ebola-Virus, von Hand zu Hand und von Nase zu Nase übertragen wie eine banale Erkältung – war das Leben anders. Entspannter und überschwänglicher, einfach natürlicher. Die Hektik war vorbei, die Autobahnen waren frei von Staus bis rauf nach Sacramento, und unser armer schrumpfender, ausgeplünderter Planet war auf einmal wieder groß und geheimnisvoll.

Ja, klar. Und hier sind wir nun und hängen am seidenen Faden. Weh uns!


Im Original erschien der Text am 10. August 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 14/04/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat zwei im Jahr der Seuche)

Meine Ehefrau, die Furcht einflößende Frau B., hat sich in diesem Monat so gut wie gar nicht bewegt. In ihren Kniekehlen und in den feuchten Gärten unter ihren Armen beginnt sich Moos auszubreiten. Und ich? Ich langweile mich so, dass meine Mandeln schon wieder nachwachsen. Und wir gehören noch zu den Glücklichen, weil wir das Haus verlassen können (und auch dürfen), um am Strand oder auf einem Wanderweg spazierenzugehen (kein Herumlungern erlaubt und auch keine Gruppenbildung). Ich weiß, dass Andere nicht die Möglichkeit dazu haben. (Übrigens, wenn ich hier »wir« sage, meine ich unser Viertel im Allgemeinen und meinen Haushalt im Besonderen – traurigerweise geht der Teil der Gleichung mit dem »Spazierengehen« für die oben erwähnte Frau B. nicht auf, da sie sich standhaft geweigert hat, das Haus zu verlassen, nicht mal um einmal um den Block zu gehen oder die hundert Schritte zum Haus meiner Tochter gleich nebenan zurückzulegen. Und dies im Gegensatz zu der Notlage nach dem 11. September 2001, als der Präsident die Leute dazu gedrängt hat einkaufen zu gehen, um die Wirtschaft anzukurbeln, was sie unermüdlich getan hat. Klar war sie damals jünger, und Shopping ist eine Sache, einfach so Herumlaufen eine ganz andere.)
     Außerdem haben wir es gut, weil einer unserer Söhne, der zukünftige Dr. Boyle der Jüngere, hier bei uns zu Hause weilt, nachdem sein Praktikum in Los Angeles bei dem Gesundheitsunternehmen Kaiser Permanente verkürzt worden ist, als Folge des plötzlichen Auftretens der Seuche. Er fängt zum Ende des nächsten Monats an einem anderen Krankenhaus in L.A. an, aber bis dahin haben wir die ganze Zeit unseren persönlichen Arzt hier. Und das ist keine Kleinigkeit. Er riskiert sein Leben, um unseres zu erhalten, indem er Lebensmittel einkauft, zu dem einen oder dem anderen geschlossenen Restaurant düst, um Essen zum Mitnehmen zu besorgen (Chinesisch steht ganz oben auf der Liste). Er ist auch dabei, Holz zu hacken, um das Kaminfeuer am Brennen zu halten, und bereitet sich auf die zu erwartenden Kämpfe im Krankenhaus vor, indem er zwischen Anfällen von Videospielsucht fleißg studiert. Und ich? Seitdem ich vor zwei Monaten den letzten Roman, Talk To Me, abgeliefert habe, schreibe ich neue Kurzgeschichten. Ob mit Ausgangssperre oder ohne, dies ist das, was ich sowieso gemacht hätte, was ich mein ganzes Erwachsenenleben hindurch gemacht habe, und diese alltägliche Beschäftigung lenkt mich ab von dem Elend, das die menschlichen Seele niederdrückt, die Tag für Tag dieses grausame und sinnlose Leben, das dieser Planet uns auferlegt, bewältigen muss. Kurz gesagt, ich führe ein großartiges Leben, und wenn nicht der Faktor Langeweile wäre, gäbe es wenig, über das ich mich beschweren könnte.
     Nachdem das gesagt ist, möchte ich mein Mitgefühl all denen aussprechen, die ihre Arbeit verloren haben und ihre Rechnungen nicht bezahlen können, denen, die wirklich ans Haus gefesselt sind ohne die Möglichkeit frische Luft zu atmen oder andere Menschen zu treffen, und jenen, die ihre Liebsten verloren haben. Unsere Vorräte gehen zur Neige. Die Nähe wird bedrückend. Wir haben Musik, wir haben Bücher, aber wir müssen soviel anderes entbehren, und Unsicherheit und Furcht nagen an uns als andauernde Bedrohung. Das macht absolut keinen Spaß.
     Ich wünsche Euch bessere Zeiten. Ciao.


Im Original erschien der Text am 14. April 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 20/01/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Ein Jubeltag für Euren ach so armen und bescheidenen Autor: Heute habe ich letzte Hand angelegt an zwei Bücher und sie an meinen Agenten geschickt, der sie dann wiederum an meinen Verleger schickt. Das erste ist der neue Roman, von dem ich Euch hier im Lauf des letzten Jahres berichtet habe und welchen ich am 12. Januar vollendet und nun fertig durchgesehen habe. Er heißt The Familiar und taucht ein in das Reich des tierischen Bewusstseins, nachdem Das Licht das menschliche Bewusstsein erforscht hat. Er bringt es auf schlanke 255 Seiten, was in dem Eineinhalb-Zeilen-Abstand, in dem ich schreibe, ungefähr dieselbe Anzahl an gedruckten Seiten ausmacht.
     Das zweite Buch ist eine Sammlung von Geschichten, die ich für meinen Verleger Ecco zusammengestellt habe, als Teil seiner Serie mit Kurzgeschichten-Bänden. Sie heißt When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone. Apropos schlank: Nach den zwei dicken Kurzgeschichten-Bänden und den neuen Erzählungen in The Relive Box von 2017 (erscheint auf Deutsch am 17. Februar unter dem Titel Sind wir nicht Menschen) enthält dieser Auswahlband lediglich zwölf Geschichten, ausgesucht aus meinen Sammlungen seit 2000. Ist das ein »Das Beste aus…«? Nicht unbedingt. Ein Best-of wäre mindestens zweimal so umfangreich, aber keine Angst, ich habe ein paar meiner Lieblinge hierfür ausgesucht. Was den Roman angeht, so kann ich nicht viel mehr verraten, als ich an dieser Stelle schon getan habe, aber bleibt dran, je mehr das Jahr fortschreitet, desto mehr Neues werdet Ihr über dieses und jenes erfahren.
     Wann soll er erscheinen? Das hängt ganz von meinem Verleger ab. Wir könnten es im Herbst machen, oder eher nächstes Jahr um diese Zeit. Ich hoffe, es wird wenigstens einen Auszug geben, je näher der Termin rückt, und dazu ein paar Kurzgeschichten, weil ich gerade dabei bin, die nächste Sammlung von neuen Geschichten fertigzustellen, benannt nach der Geschichte, die im New Yorker erschienen ist: I Walk Between The Raindrops.
     So. Was mache ich jetzt? Ich werde alle, die mir nahe sind, lieben, und dazu eine Menge Leute, die mir nicht nahe sind, Frau Boyle und meine Kinder umarmen (und meine Tiere), lange Spaziergänge unternehmen, ein paar Bar-Tresen mit meinen Ellenbogen polieren und … wenn die Zeit dafür gekommen ist, schreiben, schreiben, schreiben.

P.S. Der Jubel kommt, der Jubel geht: Ich glaube, ich war ein bisschen vorschnell: mein Agent teilt mir gerade mit, dass es Probleme mit der Sammlung von Geschichten gibt. Wir müssen das wohl fürs Erste zurückstellen. Bleibt dran, bis ich Neues verkünden kann.


Im Original erschien der Text am 20. Januar 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 31/10/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Happy Halloween zusammen! Diesen Feiertag liebe ich wirklich, nicht so sehr wegen der Gelegenheit die Toten zu ehren oder um das schreckliche Geheimnis unseres Lebens als lebendige, atmende, denkende Wesen in einem unergründlichen Universum zu feiern, sondern um des reinen, befreienden Vergnügens willen. Heute abend, in Gesellschaft unserer tollen und wunderschönen Freunde, die aus dem County Cork zu Besuch sind, werden Frau B. und ich uns auf den Weg zum Lower Vilage machen, um mit Horden zuckerfreudiger, verkleideter Kindern zu feiern, die wie wahnsinnig die Straßen rauf und runter flitzen. Das alles macht großen Spaß, ist aber ein bisschen zahm verglichen mit dem Süßes-sonst-gibt’s-Saures, das wir als Kinder damals im Staat New York veranstaltet hatten, als wir das Neubaugebiet unsicher machten, ohne elterliche Supervision, wodurch alles so viel aufregender war. Ah, nun ja. Wenn die Weltbevölkerung sich seitdem verdoppelt hat, dann ja wohl auch die Anzahl der Massenmörder, der Pädophilen und derjenigen, die kleine Nadeln in Äpfeln verstecken (oder diese Populationen sind wohl eher exponentiell gewachsen). Jedenfalls hoffe ich, dem Geist dieser Veranstaltung treu zu bleiben, so kindgerecht ich es vermag, ohne Rücksicht auf das Elend dieser Welt. Wünscht mir Glück. (Übrigens, Wein hilft dabei.)
     Nächste Woche fliege ich nach New York um den Kenyon-Review-Preis in Empfang zu nehmen, eine Ehre, die ich erfreut und dankbar annehme. Wie ich zuvor schon an dieser Stelle gesagt habe, arbeiten wir Romanciers und Dichter innerhalb der dunklen Grenzen unseres Verstandes ohne Input von der äußeren Welt, und deshalb ist es besonders befriedigend zu wissen, dass unsere Arbeit Auswirkungen auf diese Welt hat. Nach New York fliege ich nach Ohio, um am Kenyon College zu lesen, von wo ich dann wieder für etwa eine Woche nach New York zurückkehre. Am Ende des Monats fliege ich noch einmal nach Osten zur Buchmesse in Miami (24. November), was bedeutet, dass der neue Roman eine kleine Pause aushalten muss, wenigstens solange diese nicht unerfreulichen Unterbrechungen andauern. The Familiar ist jetzt zu zwei Dritteln fertig. Ich hoffe, den Roman bis zum Frühjahr zu beenden, durchzusehen und abzuliefern, und dann habe ich vor, die neuen Kurzgeschichten zu schreiben, die die nächste Sammlung I Walk Between the Raindrops komplettieren sollen. Und danach? Ich plane mich anzuschnallen und das weite Erdenrund zu umkreisen in der Hoffnung, dass eines Tages der nächste Roman aus dem Nebel auftauchen wird. Was für ein Leben!


Im Original erschien der Text am 31. Oktober 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

Über Musik (für den Jungen mit dem großen Herzen)

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Gut, über Musik zu sprechen, die mir tief aus der Seele spricht, ist immer ein Vergnügen für mich, und ganz besonders jetzt, da ja mein neuer Roman, The Harder They Come (dt.: Hart auf Hart), denselben Titel hat wie der Jimmy-Cliff-Song und der Film. In diesem aktuellen Roman spielen spezielle Songs keine Rolle, außer The Harder They Come und ein, zwei andere, nicht so wie in vielen meiner anderen Bücher und Erzählungen, wie zum Beispiel in Greasy Lake oder Drop City oder Budding Prospects (dt.: Grün ist die Hoffnung), aber Reggae, Country Musik und Thrash Metal spielen eine ganz bestimmte Rolle im Leben meiner Figuren. Adam, der fünfundzwanzigjährige schizophrene Protagonist (und Schütze) liebt Thrash Metal, aber als er auf der Highschool war, ging er durch seine Reggae-Phase, während der er sich Dreadlocks zulegte und in der Schule Burning-Spear-T-Shirts trug.
     Vielleicht aus genau diesem Grund hasst sein Vater Sten, 70, Reggae. Sten erinnert sich gut an einen Abend in den späten Sechzigern, als er jung war, und sehr betrunken mit seinem Auto herumkurvte und Magic Carpet Ride hörte, kurz bevor er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet wurde, aber das das ist es auch schon in punkto Musik: Oldies. Und schließlich Sara. Adams Freundin, ein Mädchen vom Lande – eine Hufschmiedin, um genau zu sein – hört ausschließlich Country Musik.
     Alle drei hören Musik, weil sie Figuren in einem Roman sind und durch ihre Musik definiert werden. Aber welche Musik definiert mich? Jetzt, genauer gesagt? Jetzt, wo ich damit durch bin, jeden Tag den ganzen Tag Mozarts Requiem in Dauerschleife zu hören? Hier ist eine Auswahl:

    Slow Day von Kristin Asbjornson. Dies war der Schlüsselsong in dem Soundtrack von Factotum, dem Film von 2005, der auf dem Roman von Charles Bukowski basiert. Er hat einen schleppenden, eigentlich viel zu langsamen Walzerrythmus, der mir schier das Herz zerreißt. Ihr wollt ein trauriges Lied? Hier habt Ihr eins. Und ich liebe traurige Lieder, nur traurige Lieder, je trauriger und elender, je besser. Und deshalb liebe ich auch besonders:

    Das Album von Bebo y Cigala: Lagrimas Negras. Die Stücke, die mich aus diesem Album so richtig erwischen, sind Corazón Loco und Veinte Años (was Buena Vista Social Club auch gecovert haben). Cigalas hohe und heisere Stimme verleihen diesen zwei Liedern, die von Liebe und ihrem eng verbundenen Zwilling, dem Herzeleid, handeln, wahrhaftiges Pathos. Hört Euch an, wie die Stimme in der Zeile Y muestra loco hinaufsteigt, und dann sagt mir, dass Ihr nicht ein paar Tränen in Euren Habana Club vergießt!

    Nina Simone: Don’t Let Me Be Misunderstood. (Oder, noch besser, geht auf YouTube und hört Euch das Konzert in Paris 1963 an, wo sie Dylans The Ballad Of Hollis Brown covert, und seht Euch an, wie sie, paff! wie durch Zauberei ihren Körper verlässt, und das verleiht der Seele Flügel.) Aber dies ist durch und durch traurig, und ihre Version des Hits der Animals, langsamer gesungen, geflüstert, macht aus dem Song weniger eine Klage als vielmehr einen Grabgesang. Wunderschön. Hiermit fordere ich Euch auf: Hört es Euch unbedingt einmal an.

    Van Morrison: Carrick Fergus. Das traurigste Lied aller Zeiten. Diesen Song singt Anises Mutter für ihre tote Tochter am Schluss von When The Killing‘s Done, sie erinnert sich daran, als Anise ein kleines Mädchen war und sie nach dem Text gefragt hat. »Tragt mich hinüber wohin, Mama?« Wie oft hab‘ ich wohl (meistens betrunken) meinen Kopf zurückgeworfen und den Text mitgegrölt. I’m drunk today/And I’m rarely sober/A handsome rover/From town to town (»Heute bin ich betrunken/Und ich bin selten nüchtern/Ein cooler Tramp/Der von Stadt zu Stadt zieht.«) Millionen Mal. Hunderte Millionen Mal. Mehr Millionen mal als die Staatsverschuldung. Oder vielmehr Milliarden. Oder, wartet mal, Trillionen.

    Fleet Foxes: Oliver James. Doch nun genug von dieser Scheiße, von Elend und Kummer. Hier kommt ein Song, mit dem Ihr Eure Lungen trainieren könnt, einer, der Euch hoch und höher trägt. Ich liebe den makellosen mehrstimmigen Gesang dieser Band und die herrlich muntere Melodie in diesem Stück. Und wieder die Herausforderung: Wie kann man bei dem Refrain nicht mitsingen, oder vielmehr mitgrölen, Oliver James washed in the rain/No longer? (und ich singe mit, ich singe die ganze Zeit mit und auch dagegen. Hört Euch meinen Gesang an bei I Put A Spell On You mit den Ventilators, auf www.tcboyle.com).

    Taj Mahal, John the Revelator. Ich hatte alles über Taj Mahal wieder vergessen, vergebt mir, aber mein wichtigster Musikfreund zur Zeit (sein Vorname ist Party und sein Nachname Shuffle) hat dieses Stück vor einigen Monaten gespielt. Taj singt hier ein Spiritual mit einer Stimme, die beängstigend gut ist, außerdem ist das die Sorte Song, die einen drängt, sich aus dem Sessel zu erheben, mit den Armen zu wedeln und um Erlösung zu bitten. Zieht Euch das rein.

    Tom Waits, Chicago und Face to the Highway. Während wir tanzen, natürlich. Chicago ist so treibend wie kaum ein anderer Song. Ich will einfach nur … aufstehen… und schon geht’s los, schon geht’s los … shake it out. Danke, Tom. Und natürlich kommt meine Liebe zu Face to the Highway daher, dass es wieder ein Mitgröler ist. Ob betrunken oder nicht (und ob Frau Boyle schläft oder nicht), ich kann einfach nicht anders als den Refrain herauszubrüllen, I’m going away/I’m going away/I’m going away. Frau Boyles Antwort: »Dann geh‘ doch endlich.«

    Alt J, Fitzpleasure. Wow. Es gibt nichts dergleichen. Als ich den Song vorletztes Jahr zum ersten Mal gehört habe, wusste ich nicht mal, in welcher Sprache die singen. Die Wechsel hier hauen mich um. Besonders wenn das tiefe Bass-Dröhnen einsetzt. Da fühl ich mich, als würde ich Tiere abhäuten, mir mit dem Blut die Brust beschmieren und in meinem Viertel Amok laufen. Ja, so gut ist das.

    Amy Winehouse, Rehab. Das wirkliche Leben. Das ist in ihrer Stimme, weise, weise, weise. Und die Worte: They tried to get me into rehab/But I said no, no, no … I ain’t got the time. («Sie wollten mich in die Suchtklinik einweisen/Aber ich sagte nein, nein, nein … Ich hab‘ einfach keine Zeit.«) Wer wollte nicht ein Genie sein und in jungen Jahren ausbrennen? Äh, ich nicht, glaub ich. Obwohl, Gott weiß, dass ich‘s versucht hab‘.

    The Mars Volta, The Widow. Und wieder einmal muss ich zugeben, dass ich machtvollen Stimmen gegenüber sklavisch ergeben bin, jedoch nicht nur wegen der Stärke an sich, sondern auch wegen der nackten Emotion. Auch dieses Stück hält Frau Boyle nachts wach, ob sie nun allein schläft oder nicht. Selbstverständlich ist sie keine Witwe. Noch nicht.

    The Kinks, Milk Cow Blues. Noch so ein Superding, auf das Party Shuffle mich gebracht hat. Die frühen Kinks, Vorläufer der Punks, live im Studio, wie sie einen Killer-Blues abliefern, nachdem eine ahnungslose Drohne von der BBC sie angekündigt hat. Wie einfach das doch ist. Rock and Roll, entblößt auf das Wesentliche. Oh, und dieser rohe Gesang von Ray Davis. Meine Stimme ist jetzt gerade ganz heiser vom Mitkreischen, Oh, please, don’t that sun look good goin‘ down. (»Oh bitte, sieht die Sonne nicht toll aus, wie sie untergeht.«)

    Marianne Faithful, Why D’ya Do It. Dies ist das andere Ende des Kummers, das wütende Ende, direkt an der Kante des Piers. Und da steht er, der Drecksack, stoß‘ ihn einfach runter. Ihr fieser, schneidender Gesang bohrt ein Messer in dich hinein, und der Text, oh yeah: Why d’ya do it, she said/… every time, I see your dick/I see her cunt in my bed (»Warum hast du das gemacht, sagte sie, jedes Mal, wenn ich deinen Schwanz sehe, sehe ich ihre Möse in meinem Bett.«) So wütend, so unerbittlich, so auf Rache aus, es ist umwerfend. Ich kann von Glück sagen, dass Marianne nicht meine Freundin war, und ich nicht derjenige, der sie betrogen hat. Autsch!

    Jennifer Warnes, Famous Blue Raincoat. Dies rührt einen zu Tränen. Wenn Ihr Herzenskummer wollt, hier habt Ihr ihn. Warner macht aus dem Song von Leonard Cohen ihren eigenen, und das Saxophon passt auch. Wenn sie singt And if you ever come by here/Be it for Jane/Or for me/I want you to know your enemy is sleeping/I want you to know your woman is free (»Und wenn du jemals hier vorbeikommst/Sei es wegen Jane/Oder wegen mir/Dann sollst du wissen, dass dein Feind schläft/dann sollst du wissen, deine Frau ist frei«), dann spüre ich den Schmerz in jeder Zelle und jeder Faser. Wenn man mal vergleicht, dann hat der Song denselben Langsamen-Walzer-Takt wie der Asbjornson-Song weiter oben, weshalb ich vielleicht Slow Day so liebe. Aber Moment, wartet mal, sorry, einen noch:

    Jet, Are You Gonna Be My Girl? Von der Basslinie am Anfang bis zu den ersten hämmernden Gitarren-Akkorden ist dies die Quintessenz von saustarkem Rock and Roll. Perfekt. Makellos. Nichts als reine Energie. Los jetzt, bringt Eure Ohren zum Glühen.

Danke, Leute. Ich könnte noch die ganze Nacht so weitermachen, aber ich fürchte, mehr Platz haben wir hier nicht.


© T. Coraghessan Boyle. Verwendung des Textes bei www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T. Coraghessan Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto-Collage: Holger Reichard