Sind wir nicht Menschen – Pressespiegel

Am Montag, den 17. Januar 2020, erschien im Hanser Verlag T.C. Boyles neuer Erzählband Sind wir nicht Menschen. Das Buch enthält alle Geschichten aus dem Originalband The Relive Box sowie die letzten sieben Erzählungen aus dem Sammelband T.C. Boyle Stories II.

Auf dieser Seite sammeln wir wieder die Besprechungen und geben Euch so einen Überblick, wie hierzulande Presse und Buchblogger über Boyles neue Kurzgeschichten-Kollektion denken und urteilen.

 


 

What’s New? 12/09/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Wie Ihr auf dem Foto oben sehen könnt, tragen unsere Bemühungen, die alarmierend schwindende Population an Monarchfaltern erhalten zu helfen, Früchte, oder besser gesagt Larven. Dieses Haus wurde ja ursprünglich nach ihnen benannt (»Butterfly Woods«), gleich nach dem Bau 1909, dem zweifellos eine Menge von ihnen zum Opfer fiel. Wir haben gestern vierundzwanzig Raupen auf unseren Seidenpflanzen (engl. Milkweed, Gattung Asclepias; Anm. des Übersetzers) gezählt. Während sich die erwachsenen Falter von einer Vielzahl von Planzen ernähren, müssen sie ihre Eier auf Seidenpflanzen legen, und die Raupen fressen nur davon. Es war ein schlimmes Jahr in der Monarchwelt, aber zumindest hier haben wir ein bisschen Hoffnung. Ich will heute noch ein paar Pflanzen einsetzen, da die Raupen alles bis auf kleine Stummel abgefressen haben.
     Und nun zu den weniger bedeutenden Neuigkeiten (also die, die die Publikationen betreffen); hier ist folgendes passiert:
     Ich wurde gebeten, einen kleinen Band mit ausgewählten Erzählungen für Ecco zusammenzustellen, als Teil der fortlaufenden Serie. Wie viele von Euch wissen werden, bin ich genauso überzeugt von der Form der Kurzgeschichte wie von der des Romans, und ich habe bisher elf Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, einschließlich der beiden umfangreichen Bände T.C. Boyle Stories (1998) und T.C. Boyle Stories II (2013), und vor zwei Jahren brachte Ecco zwölf Geschichten in The Relive Box and Other Stories heraus. Weiterhin habe ich, bevor ich den Roman angefangen habe, an dem ich gerade schreibe, schon sechs neue Geschichten geschrieben, von den zwölf, die die nächste Kollektion bilden werden – I Walk Between the Raindrops – und ich hoffe, ich kann diese Kollektion in zwei Jahren oder so fertigstellen. Alles zusammen eine Menge Geschichten, 147 um genau zu sein. Aber mein Verleger findet, ein Band mit ausgewählten Erzählungen würde mir neue Leser meiner Erzählungen erschließen, da die dicken Bände (619 beziehungsweise 915 Seiten) doch ein wenig unhandlich für, sagen wir mal, das Lesen am Strand sein könnten. Okay. Prima. Für besagten Band denke ich an Kurzgeschichten von 2001 bis 2013 und nicht an ältere Klassiker wie z. B. Greasy Lake, die anderswo gut repräsentiert werden. Wie es im Moment aussieht, werde ich diesen kleinen Band – nur zehn! – nach der Titelgeschichte benennen, When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone. Was meint ihr?

PS: Dies wird kein »Best-Of«, das würde nämlich, sagen wir, mindestens fünfundzwanzig Geschichten beinhalten, sondern vielmehr das, als was es ausgewiesen ist: eine Auswahl. Die vorläufigen Titel, in der (möglichen) vorgesehenen Reihenfolge:

  • Birnam Wood
  • A Death in Kitchawank (Tod in Kitchwank)
  • Chicxulub (Chicxulub)
  • Sin Dolor (Sin Dolor)
  • The Lie (Die Lüge)
  • Swept Away (Windsbraut)
  • My Widow (Meine Witwe)
  • Tooth and Claw (Zähne und Klauen)
  • The Love of My Life (Die Liebe meines Lebens)
  • When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone (Als ich heute morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte)

 


 

Im Original erschien der Text am 12. September 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 27/04/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Irgendwo da draußen in der Welt und auch innerhalb unseres Körpers lauert eine Staphylokokken-Art, die mich über drei Wochen lang ziemlich elend fühlen ließ. Ich hab das Ganze kommen sehen, als ich unten in Temecula beim Vorbereitungstreffen für meine Lesung am Mount San Jacinto College war, und dann hat es mich mit voller Kraft erwischt, gerade rechtzeitig um an Bord des großen Vogels für den Flug nach New York zu gehen, um dann bei den Feierlichkeiten für Robert Coover in Providence teilzunehmen. Der Bazillus schüttelte die ersten beiden Antibiotika ab, das dritte brachte ihn dann schließlich unter Kontrolle (nachdem er an meinen Kräften gezehrt und mich ausgelaugt zurückgelassen hatte – und, noch schlimmer, unfähig, zur Feier des Tages mein Glas mit dem Saft vergorener Trauben beim Cooverfest an der Brown University zu erheben). Nichtsdestotrotz war es mir eine Ehre, Bob Coover zu ehren, meinen außergewöhnlichen und dauerhaften literarischen Helden, und alte Freunde wie Bill Kennedy wiederzusehen, und auch neue wie Don DeLillo, Paul Auster und Rick Moody. Was Bob betrifft: Als ich ein durch Drogen benebelter, keine spezifischen moralischen Werte mehr akzeptierender junger Mann in New York war (siehe auch das Vorwort zu T.C. Boyle Stories II), hatte ich die verschwommene Idee, Kurzgeschichten zu schreiben, so wie ich es im Jahr davor auf dem College gemacht hatte, aber ich habe nicht viel zustande gebracht, auf Grund der Notwendigkeit das Leben an sich zu meistern, und auch weil ich mit meinem Kopf gegen jede Wand rennen musste, an die ich kam (und in jenen Tagen gab es eine Menge Wände, die um eine solche Behandlung geradezu gebettelt haben). Damals geschah es, dass ich Bobs erstes Buch mit Erzählungen entdeckte, Pricksongs and Descants, (auf Deutsch: Schräge Töne; Anm. des Übersetzers), und es fesselte mich mit seiner Schönheit, Frevelhaftigkeit und mit seiner schieren sprachlichen Brillianz. Das gab mir den Tritt in den Hintern, den ich so dringend brauchte, und mit der Hilfe von Cortázar, Grass, Kafka, Calvino, Beckett, Ionesco, García Márquez, Barthelme und anderen begann ich die Geschichten zu schreiben, aus denen dann schließlich mein erstes Buch mit Kurzgeschichten erwachsen sollte, Tod durch Ertrinken.
     Während ich an der Ostküste weilte, erfreute ich mich an dem ersten Erwachen des Frühlings, erfreute ich mich am kalten Regen und pilgerte sogar zu meinen absoluten Lieblingsgewässern im Fahnestock Park (dem hab ich kürzlich auf Twitter ein Denkmal gesetzt). Ich hab mich zweimal mit meinem Agenten getroffen, mit Freunden gespeist, schon mal ein bisschen an der Idee zur nächsten Kurzgeschichte geschnuppert, die Krankheit bekämpft und fühlte mich schon fast wiederhergestellt, als ich an Bord des Fliegers zurück nach Kalifornien ging. Was mich hier im Land des immerwährenden Frühlings (und des Schlamms, des Feuers und des Todes) erwartete, war die sehr willkommene Neuigkeit, dass die Erzählung, die ich gerade vor meiner Abreise vollendet hatte, im New Yorker veröffentlicht werden wird, höchstwahrscheinlich im Juni. Oder so. Dies ist die zweite von den neuen neuen, I Walk Between the Raindrops. Darüber hinaus gibt es die Nachricht, dass Ecco den neuen Roman, Das Licht, im April nächsten Jahres veröffentlichen wird, während der Hanser Verlag es in der Übersetzung im Januar 2019 herausbringen wird.
     Und die sehr gute Neuigkeit: Dirk van Gunsteren, mein Übersetzer, ist gerade mit dem Übersetzerpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet worden. Glückwunsch, Dirk!
     Was kommt als nächstes? Ich habe nicht die leiseste Idee. Aber ich hoffe, ich kann ein paar Kurzgeschichten erjagen, bevor ich mich, später in diesem Jahr, dem neuen Roman zuwende. Worum wird’s da gehen? Und wieder hab ich nicht die leiseste Idee – aber besteht darin nicht die Schönheit, erdachte Geschichten zu schreiben?
     In der Zwischenzeit, gerade in dieser Minute, hat mein alter Freund Party Shuffle (ein Modus der Auswahl aus einer Liste von Musikstücken; Anm. d. Übers.) einen Blues von ZZ Top gespielt, den ich noch nie gehört habe. Er heißt Mushmouth Shoutin‘ (svw. »Schreien mit Brei im Mund«; Anm. d. Übers.), und er beschreibt ziemlich genau meinen Geisteszustand im Moment.

P.S. Das nebenstehende Foto wurde während des ausgedehnten Sonnenuntergangs in 11000 m Höhe geschossen, am Dienstagabend, nicht lange bevor die Räder des großen Vogels den Boden vom geliebten alten Santa Barbara berührten. Genießt es. Und ich frage Euch: Sind wir nicht Götter?

 


 

Im Original erschien der Text am 27. April 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.