What’s New? 21/01/2010

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

An dem Datum oben sehe ich, dass wir ein neues Jahr haben. Natürlich wusste ich theoretisch schon davon und ich erinnere mich auch vage daran, dass ich vor drei Wochen zu einer sehr späten Stunde ein Glas (oder zwei) von dem einen oder anderen Getränk in meiner Hand hielt und auf die weiterhin bestehende Existenz von uns allen angestoßen habe, da wir eine neue Runde um die Sonne drehen werden, aber diese Jahreszahl 2010, wow. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass ich in einem von diesen Science-Fiction-Filmen aus den 70ern lebe – das heißt, in einem schlechten Science-Fiction-Film. Können wir hier bitte alles einfach etwas langsamer angehen? (Wie viele von Euch wissen, versuche ich wirklich, abzuschalten und mein Leben zu entschleunigen, wenn ich in den Bergen bin, und ich bin erst letzten Mittwoch von meiner letzten Wanderung zu dem Ort mit den großen Bäumen zurückgekehrt, wo My Pain Is Worse Than Your Pain spielt. Es lag ungefähr ein Meter Schnee, aber das Wetter hat gehalten – strahlendblauer Himmel, Tagestemperaturen um die minus zehn Grad – bis zu dem Augenblick, als ich mich auf den Weg machen wollte. Tja, und dann fielen die Temperaturen. Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen. Und wenn ich diese Woche da oben gewesen wäre, bei der Serie von Stürmen, die wir gerade haben, hätte ich die anstehende Lese-Tour für Wild Child und die Taschenbuchausgabe von Die Frauen auf jeden Fall absagen müssen. Verdammt, ich hätte wahrscheinlich einen Maultierhirsch schlachten müssen, um überleben zu können.)
     Was mich zum wichtigsten Punkt der Nachrichten heute bringt. Beginnend in der Viktoria Hall hier in Santa Barbara werde ich mich ab Montag draußen tummeln, in einem heldenhaften Kampf mit dem Wetter und unserer unzulänglichen und schrecklichen Luftfahrtindustrie, um über eine ganze Reihe von Bühnen zu stolzieren und Euch die Freuden der Kurzgeschichte nahezubringen. Für diejenigen unter Euch, die vorhaben, einer meiner Vorführungen beizuwohnen (nein, ich werde sie nicht Lesungen nennen, weil man mit dem Begriff »Lesung« einschläfernde Langeweile und das leise Summen einer Heizung hinten an der Wand eines schlaftrunkenen Klassenzimmers assoziiert), denkt bitte daran, dass diese Veranstaltungen meistens ziemlich schnell ausverkauft sind; richtet also Eure Terminplanung danach.
     Was meine Veröffentlichungen angeht, so hat mein holländischer Verlag Anthos soeben De Vrouwen herausgebracht, und Grasset, mein langjähriger französischer Verlag, bringt im Februar Les Femmes heraus, während der Hanser Verlag, der bodenständigste und beste aller deutschen Verlage, in Kürze die Geschichte Wild Child als eigenständiges Buch veröffentlicht (Das wilde Kind) und die restlichen dreizehn Geschichten für einen anderen Band aufhebt. Als ich in den Bergen war, habe ich die vierte Geschichte der neuen Sammlung zu Ende geschrieben, aber es ist noch ein ziemlich grober Entwurf, und ich werde wahrscheinlich nicht dazu kommen, sie noch einmal aufzupolieren, bevor ich von meiner Tour zurückkomme – wenn ich jemals zurückkomme. Wie angekündigt erscheint in der Zwischenzeit A Death in Kitchawank in der aktuellen Ausgabe des New Yorker (18. Januar), und ich weiß die ganze Aufmerksamkeit zu schätzen, die die Diskussionsteilnehmer hier und andere da draußen in der weiten Welt dieser Geschichte geschenkt haben. Der allgemeine Konsens scheint zu sein, dass diese besondere Geschichte die Menschen tief in ihrem Innern berührt. Das freut mich sehr. Schließlich ist es so, dass jeder von uns, der sich hinsetzt und eine Geschichte schreibt, es in der Hoffnung tut, etwas zu schaffen, dass unsere lesenden Mitmenschen anspricht, obwohl wir nie wissen, ob uns das wirklich gelingt. Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, erleben wir unsere persönliche Verklärung.
     Und damit verabschiede ich mich für heute. Ich hoffe, dass die Götter des Himmels mir gewogen sind und dass ich Euch alle sehr bald bei einer Veranstaltung in der Nähe Eurer Heimat sehe.

 


 

Im Original erschien der Text am 21. Januar 2010 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.

 

What’s New? 14/12/2009

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Letzte Woche habe ich an meinem Kaminfeuer verbracht, und während ich mich über die lang ersehnte Rückkehr der Regenfälle freute, habe ich die neue Raymond Carver Biographie von Carol Sklenicka gelesen und zwischendurch wieder einmal in ein paar von Rays Geschichten geblättert. Es war mir nicht klar, wie viele seiner Geschichten so detailgetreu Ereignisse aus seinem Leben wiederspiegeln, und es war eine Freude, manche davon wieder zu lesen und in einem neuen Licht zu sehen. Wie bei Blake Baileys Biographie von John Cheever, die Anfang des Jahres erschienen ist, fasziniert mich die Dynamik des Künstlerlebens, geprägt von dem Bemühen, etwas Bedeutsames zu schaffen und gleichzeitig im Leben zu stehen. Wir alle versuchen, unseren Frieden mit diesem Zwiespalt zu schließen, und versuchen, eine vollkommene Hingabe an unsere Kunst mit dem Wunsch in Einklang zu bringen, ein möglichst wenig zerstörerisches Leben zu führen, während wir gleichzeitig mit den Ansprüchen fertig werden müssen, die Erfolg und Berühmtheit an uns stellen, ganz zu schweigen von denen, die Arbeit und Alltag mit sich bringen. Ich habe einmal einen Tag mit John Gardner verbracht, Rays Lehrer und Mentor, und er hat mir erzählt, dass er jeden Tag den ganzen Tag arbeitet, sieben Tage die Woche, von sieben Uhr morgens bis elf Uhr nachts. Ich hoffe, er hat das nicht ernst gemeint. Denn, wie ich zu ihm gesagt habe, wo bleibt bei so einem Tagesablauf die Zeit, sich auf dem Planeten Erde des Lebens zu freuen? Man denke noch dazu an das Elend, wenn einem die Arbeit jeden Augenblick dieser langen, Spreu vom Weizen trennenden Tage im Nacken sitzt.
     Sowohl Ray als auch John Cheever waren vom Alkoholismus zerfressen, was ihrer Karriere erheblichen Schaden zugefügt hat, und doch ist es beiden gelungen, zeitlose Kunst zu schaffen. Natürlich kann ich nicht anders, als zwischen ihrer und meiner Karriere Vergleiche anzustellen und darüber nachzudenken, was Kunst und Liebe und familiäre Beziehungen bringen, was man aufgibt, um ein Künstler zu sein, und was man dafür bekommt. Von Anfang an habe ich versucht, mich auf die Arbeit an sich als das ultimative Ziel zu konzentrieren, ohne Ablenkungen irgendwelcher Art (und das hat mir geholfen, meine eigenen Dämonen in Schach zu halten, bis jetzt wenigstens), und doch dabei nicht zu verkennen, wie wichtig es ist, einfach ein Mensch zu sein und mich mit den Menschen in meiner Umgebung zu befassen. Obwohl ich auch jeden Tag arbeite, sieben Tage die Woche, hat bei mir jeder Tag einen Feierabend, etwa um zwei oder drei Uhr Nachmittags, und in dieser Zeit denke ich bewusst nicht an das Projekt, an dem ich gerade arbeite, bis ich am nächsten Morgen den Computer anschalte und es von vorne losgeht.
     Das also sind meine Neuigkeiten. Ich lese, denke nach, sehe zu, wie der Regen aus den offenen Dachrinnen im zweiten Stockwerk sabbert, arbeite an der vierten Geschichte der neuen Serie, seit ich Wenn das Schlachten vorbei ist Ende Juli abgegeben habe. Die erste davon, My Pain Is Worse Than Your Pain, erscheint in der Januar-Ausgabe von Harper’s. Gestern habe ich ein Exemplar bekommen und ich muss sagen, dieser Titel quer über der Titelseite des Magazins macht ziemlich was her. Die zweite Geschichte, ein komisch-tragisches Stück namens The Silence, erscheint in der Belletristik-Ausgabe vom Atlantic, aber leider erst nächsten Sommer, also nach dem Sommer, der gerade dabei ist, sich auf den matschigen Pfoten der Wintersonnenwende seinen Weg zum Horizont entlang zu hangeln. Die dritte und neueste der neuen Geschichten, die auf meinen Erinnerungen an die 70er und 80er Jahre beruht und A Death in Kitchawank heißt, wurde gerade vom New Yorker angenommen, und ich werde Euch wissen lassen, wann sie erscheint. (Ja, Kitchawank, ein Hinweis auf das Setting von World’s End, und vielleicht hatte ich die Inspiration zu dieser Geschichte deswegen, weil ich den Roman vor kurzem mal wieder gelesen habe, jetzt werdet Ihr auch eine Verbindung zwischen der Geschichte und den beiden feststellen können, die sich um die Figur Les, Mexico und All the Wrecks I’ve Crawled Out Of drehen.)
     Zu guter Letzt, obwohl es ein klein wenig zu früh ist, allen unter Euch merry messagistas und luminous lurkers das Beste für die Weihnachts- und Hanukkahzeit zu wünschen, werde ich einen Frühstart hinlegen und es Euch jetzt schon wünschen: Merry, merry, happy, happy. Und obwohl ich nicht zu Euch komme und Euch das Geschenk bringe, das ich Euch letztes Jahr geschenkt habe – meine Weihnachtsgeschichte Three Quarters of the Way to Hell – könnt ihr ja einfach in den Archived News auf Dezember 2007 klicken und das Geschenk nochmal in Empfang nehmen. Und hiermit, im besten und selbstlosesten Sinne der Weihnachtszeit, schließe ich, indem ich Euch, die ihr in ausgewählten Städten wohnt, das Geschenk der Vorfreude mache, das heißt, Euch den aktuellen Stand der Tour-Daten mitteile:

  • 25. Januar 2010, 7:30 P.M.
        Santa Barbara, Victoria Hall
  • 26. Januar 2010, 7:00 P.M.
        L.A., Los Angeles Public Library, 650 W 5th St.
  • 28. Januar 2010, 7:30 P.M.
        N.Y., Barnes and Noble, 1972 Broadway at 66th St.
  • 29. Januar 2010, 7:00 P.M.
        Brooklyn, The Powerhouse Arena, 37 Main Street
  • 30. Januar 2010
        Hartford/New Haven, RJ Julia, 768 Boston Post Rd, Madison CT
  • 01. Februar 2010
        Chicago, Chicago Public Library, 400 S. State St.
  • 02. Februar 2010, 7:00 P.M.
        Atlanta, Margaret Mitchell House, 990 Peachtree Street NE
  • 03. Februar 2010, 7:00 P.M.
        Saint Louis, St. Louis Public Library, 1301 Olive St.
  • 08. Februar 2010, 12:00 P.M.
        Dallas/Ft. Worth, SMU University Library, SMU Campus
  • 09. Februar 2010, 7:30 P.M.
        Denver/Boulder, Boulder Book Store, 1107 Pearl St.
  • 20. Februar 2010
        San Francisco/Bay Area, The Dance Palace, 503B Street, Point Reyes Station
  • 21. Februar 2010
        L.A., Word Theater/Diesel Books, Broad Center Stage Theater

Fürs Erste war’s das, aber je näher die Termine rücken, umso mehr könnten es werden.

 


 

Im Original erschien der Text am 14. Dezember 2009 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders.

 

What’s New? 13/11/2009

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Nun ja, wahrscheinlich wollte ich schon immer einen pinken Irokesenschnitt zur Schau tragen, wie ich es offensichtlich auf dem Foto anbei tue (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Janet Troy), das bei meinem Auftritt im Paramount Theater in meiner Heimatstadt Peekskill, New York, entstand, und zwar an dem Tag, der, wie ich später voller Bescheidenheit und Dankbarkeit erfuhr, in Westchester County zum T.C. Boyle Tag erklärt worden war. Was vermutlich bedeutete, dass ich in jeder Bar im County Getränke umsonst oder zumindest zum halben Preis bekommen hätte. Leider habe ich davon erst erfahren, als die Veranstaltung fast vorbei war und Mitternacht mit schnellen Schritten heran nahte. Nun ja. Es war trotzdem ein tolles Gefühl, in eben jenem Theater auf der Bühne zu stehen, auf der sich viele der kulturellen Highlights meiner Jugend zugetragen haben (damit meine ich insbesondere, dass ich mir das Original von »Rodan« zweimal ganz anschauen musste und dass ich unter dem schreienden Mob von Kindern war, der die Premiere von »Sinbad« zu sehen bekam), und es war toll, alte Freunde und Lehrer in der anständig lärmenden Menge zu sehen. Der Anlass war die Unterstützung einer gemeinschaftlichen Lesung fünf meiner Bücher, die in World’s End gipfelte, meinem Roman von 1987, der um mehrere Jahrhunderte der Geschichte des Hudson Valley herum gebaut ist. Dieses Jahr ist der 400. Jahrestag von Henry Hudsons »Entdeckung« der Gegend. Ich habe dem Publikum feierlich versprochen, am 500. Jahrestag wieder aufzutauchen.
     Was meine Veröffentlichungen anbelangt – damit sich niemand wegen meiner abschließenden Kommentare im letzten Blog-Eintrag Sorgen machen muss – wurde ich von einem unmittelbaren Ende durch meine eigene Hand verschont, da ich soeben die dritte der neuen Geschichten zu Ende gebracht habe, die mir nach Wenn das Schlachten vorbei ist vorschwebten (Wenn das Schlachten vorbei ist wird voraussichtlich 2011 veröffentlicht, falls ich das noch nicht erwähnt habe). Die erste der neuen Geschichten, My Pain Is Worse Than Your Pain, wird in der Januar Ausgabe von Harper’s erscheinen, aufgrund einer der schnellsten Übergänge von der Fertigstellung zur Veröffentlichung, die ich je erlebt habe. Die sehr schönen Korrekturabzüge schmücken eben in diesem Augenblick meinen Schreibtisch. Jedenfalls ist die neueste Geschichte ein Erinnerungsstück namens A Death in Kitchawank, und ich werde Euch auf dem Laufenden darüber halten, wo und wann sie erscheint. (Habe ich hemmungslos geschluchzt, während ich den letzten Absatz tippte? Darauf könnt Ihr Euch verlassen.)
     Bald werden die Tour-Daten für Wild Child (gebundene Ausgabe) und Die Frauen als Taschenbuch feststehen, und ich werde sie Euch hier zuverlässig bekanntgeben. In der Zwischenzeit, jetzt, da ich aus Fort Collins und von einer wundervollen Gemeinschaftslesung von América zurückgekehrt bin, habe ich nur noch einen Termin in meinem Kalender stehen, einen, über den sich, wie ich hoffe, diejenigen unter Euch freuen werden, die in der Gegend von L.A. wohnen. Am 24. November 2010, um 20 Uhr, werde ich eine Benefizveranstaltung zugunsten des PEN West geben, im Actor’s Gang, 9070 Venice Blvd., Culver City, CA 90232. Wir sehen uns dann dort.
     Und jetzt? Jetzt muss ich Schwimmen gehen und den Rest des Tages im Freien genießen, denn nächste Woche werde ich hier in Santa Barbara in einem Studio eingesperrt sein und die vierzehn Geschichten von Wild Child für Blackstone Audio aufnehmen. Im Dunkeln. Süße, passende Dunkelheit. Ich und die Leselampe werden unter uns sein, an dem inselhaften Ort, den Boden, Decke und vier Wände vorgeben.
     Ciao.

 


 

Im Original erschien der Text am 13. November 2009 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: Janet Troy

 

What’s New? 04/10/2009

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Es gibt nicht viel zu berichten, außer dass Gott offensichtlich nicht will, dass ich Boogiesurfen gehe. Letztes Jahr im Frühling, als ich von einer ausgedehnten Feier in New York zurückkehrte (die das Immunsystem schwächte, nicht nur meines, sondern das des gesamten Planeten), schlich ich mich für drei Tage an die Küste, um in einer kleinen Stadt an einem Strand, an dem die Wellen genau richtig sind, ins Meer einzutauchen. Doch ich wurde krank und konnte nicht ins Wasser gehen. Also wartete ich, bis die Touristensaison vorbei war, und schlich letzte Woche an denselben Ort zurück. Ja. Eure Vermutung stimmt. Wieder krank. Ein Kratzen im Hals am Abend, bevor ich losfuhr, gefolgt von grippalem Befinden und so, nichts mit Eintauchen in die kalte Brandung.
     Ich habe es jedoch geschafft, den Schluss der zweiten meiner neuen Kurzgeschichten mit dem Titel The Silence in die Tasten zu hämmern, genauso wie diese perfekt geformten Wellen an die Küste hämmerten und dabei ihren Rhythmus auf mein an den Stuhl gefesseltes Selbst übertrugen.
     Was ich jetzt mache, außer dass ich mich gut erhole, danke, und jeden Tag drei Stunden damit verbringe, aus Brandschutzgründen im Wald totes Gehölz zu schlagen, ist, dass ich die goldenen Herbsttage genieße (»Jahreszeit der Nebel und milden Reife/Enger Busenfreund der Vollendung gebenden Sonne« – John Keats, Ode to Autumn), während ich anfange, an meinem dreiundzwanzigsten Buch zu arbeiten. Obwohl es sich dabei eigentlich formal gesehen um den nächsten Roman nach Wenn das Schlachten vorbei ist handelt, ist es das dreiundzwanzigste Buch, weil die Geschichten aus diesem Herbst aller Wahrscheinlichkeit nach von dem besagten Roman unterbrochen werden und so auf ihre Fertigstellung im nächsten Jahr warten müssen. Aber ich greife mir selbst vorweg. Ich bin ganz einfach glücklich, wieder an Geschichten zu arbeiten und mich in den Herbst hinein zu entspannen, von dem Keats nie geahnt hätte, dass er gleichzeitig die Jahreszeit von eindeutig gar nicht milden Feuersbrünsten ist.
     An der Veröffentlichungsfront tut sich auch etwas: Mein langjähriger Verleger Viking und mein scharfsinniger, vitaler, Berg-und-Tal-kletternder Lektor Paul Slovak haben sich darauf geeinigt, wie viele von Euch wissen, Wenn das Schlachten vorbei ist im März 2011 herauszubringen, gleich nach der Taschenbuchausgabe von Die Frauen kurz nach Weihnachten und der gebundenen Ausgabe von Wild Child in der dritten Januarwoche von diesem schnell näherrückenden Zeppelin eines Jahres, 2010. Und wenn Ihr das für gute Nachrichten haltet, lasst Euch sagen, dass in Slowenien große Freude herrscht, weil dort zum ersten Mal eines meiner Bücher (Die Frauen) in einer slowenischen Übersetzung erscheinen wird.
     Was noch? Na ja, natürlich war ich mit dem Puli (ungarischer Wasserhund) am Strand joggen (nicht an dem Strand die Küste aufwärts, den ich nicht verraten werde, sondern an dem Strand am Ende der Straße hier, ein sehr schöner Strand, aber mit Wellen, die nicht einmal mangelhaft sind). Das dazugehörige Foto, mit freundlicher Genehmigung von Roy Corsell, der zu Besuch war, bis vor kurzem in New York weilte und jetzt in Las Vegas, zeigt den richtigen Griff, um die Dreadlocks eines durchschnittlichen Pulis zu entsanden. Von welcher Rasse Darda ein leuchtendes Beispiel ist, wie Ihr sehen könnt.
     Jetzt gehe ich mir aber erst einmal den Kopf über die nächste Geschichte aus der Reihe zerbrechen, in der Hoffnung, dass es wie immer eine nächste und sogar eine übernächste geben wird. Man weiß nie. Wir wissen, wo sie hingehen, diese Geschichten – aufs Papier, in die Köpfe der Leser, hinaus in die geschäftige Welt, wo sie vergessen werden – aber wir wissen nie, wo sie herkommen. Oder ob sie kommen.

PS: Bevor ich es vergesse, nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich am 16. Oktober beim New York Festival auftreten werde, zusammen mit Mary Gaitskill, einer Schriftstellerin, deren Werk ich liebe, und am 17. Oktober im Paramount Theater in meiner Heimatstadt Peekskill, im Rahmen des 400. Jahrestages des Hudson Valley. Und lasst mich die Italiener nur ein bisschen herzlich grüßen, die gerade Le Donne aus Feltrinelli veröffentlicht haben, mit dem wunderbar fantasiereichen Kunstwerk, welches letzten Winter die Titelseite der Besprechung von Die Frauen in der New York Times zierte.

 


 

Im Original erschien der Text am 04. Oktober 2009 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 09/09/2009

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

So, hallo und guten Tag.
     Das Labor Day Wochenende liegt hinter uns, die Touristen sind in Scharen abgereist, das Wetter ist schön und hält sich bei 72 Grad und ja, ich war der, der am Samstag in der Brandung am Butterfly Strand herumgetollt ist, an einem Tag voller Selbstvergessenheit und Freude. Die Freude lag in erster Linie an dem Wunder, auf diesem herrlichen Planeten am Leben zu sein, aber ihr wurde von einer wohlbemessenen Menge erfrischenden Weißweins und dem Zusammensein mit alten Freunden auf die Sprünge geholfen und Vorschub geleistet, und sie wurde dadurch vertieft, dass ich soeben meinen ersten neuen literarischen Text fertig geschrieben habe, seit ich Wenn das Schlachten vorbei ist im Juli beiseite gelegt hatte. Es handelt sich um eine neue, komische Geschichte (und sie muss ziemlich witzig sein, denn eine Live-Lesung des Textes rief ein oder zwei Lacher bei Frau Boyle hervor, meinem kritischsten Publikum) und sie heißt My pain is worse than your pain. Ich werde es Euch wissen lassen, wann sie gedruckt werden soll, aber hier ist erst einmal ein Vorgeschmack: Sie spielt in der abgelegenen, kleinen Dorfgemeinde Big Timber, die, wie viele von Euch wissen, für den geographisch identischen Ort im Sequoia Forest steht, an den ich mich jedes Jahr für ein paar Monate zurückziehe. Wenn ich Glück habe. Und dieses Jahr hatte ich tatsächlich sehr viel Glück.
     Um mal von etwas ganz anderem zu sprechen – was soll dieses ganze Gerede über Woodstock? Ja, sogar hier im Forum [von www.tcboyle.com] war ich dabei, eine Frage von dieser scharfsinnigen Katze (Katze sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne) Chester zu beantworten, die mich fragte, warum Maslovat und ich nicht da waren, obwohl die Musik doch keine zwei Stunden flussaufwärts am anderen Ufer des Hudsons von dort entfernt ertönte, wo wir uns in unseren sehr, sehr jungen und haarigen Verkörperungen aufhielten. Ich antwortete Chester im Forum und wies darauf hin, dass Maslovat und ich in echt schon beim Musikfestival waren, aber als die beiden Headbanger, die wir waren, nur an den beiden Rock’n’Roll-Tagen, während wir das Folk-Fest am Freitagabend ausließen. Wir waren in Begleitung meiner Freundin (die später die oben erwähnte Frau Boyle werden sollte) und des extrem coolen Multitalents Drew, dessen stöhnender Käfer uns am Samstagmorgen dorthin brachte. Irgendwie schafften wir es, die einzige Straße zu finden, die noch nicht gesperrt war, nur um dann festzustellen, dass diejenigen, die das Festival schon wieder verließen, beide Spuren dazu benutzten, so dass die Einfahrtsstraße völlig erledigt war. Also stellten wir das Auto in einem praktischen Graben ab und gingen ein paar Meilen zu Fuß. Wonach wir uns an allem genüge taten, nicht zuletzt an einer Sonne, die nieder brannte und von kaltem Regen und noch kälterem Matsch abgelöst wurde. War es das Wert? Absolutamente.
     Natürlich sage ich das jetzt, weil ich Euch alle zu einem viel kleineren Festival einladen will, ohne Musik, Sonne und Matsch, im Paramount Theater in Peekskill, New York, wo ich meine Show abziehen werde, ein paar Witze reiße und alles und jeden unterhalten werde, bevor Alan Parkers Verfilmung von Willkommen in Wellville bei freiem Eintritt gezeigt wird. Wann? Am 17. Oktober 2009. Die Veranstaltung wird von der Bücherei von Peekskill gesponsort, in deren Hallen der Field Notes Buchclub dieses Jahr Diskussionsrunden über América, Willkommen in Wellville, Die Frauen, Drop City und – im Rahmen einer Lesung in der ganzen Stadt – meinen Peekskill-Roman World’s End abgehalten hat. (Und ach, wie schön Geschichte und Literatur verschmelzen, wenn ich Berichte über mein Leben lese und erfahre, dass ich nicht im Peekskill der Welt, die wir kennen, sondern im Peekskill meiner Dichtung geboren und aufgewachsen bin.)
     Darüber hinaus brauen sich Neuigkeiten zusammen, Leute, bezüglich der Wild-Child-Sammlung, Wenn das Schlachten vorbei ist und die vielen Übersetzungen von Die Frauen sowie die Veröffentlichung dieses gelungenen Titels in Buchform Ende Dezember beim Penguin Verlag, ganz zu schweigen davon, dass sowohl Grasset in Frankreich als auch der Hanser Verlag in Deutschland den kleinen Wild-Child-Roman, Das wilde Kind, als eigenständiges Buch herausgeben werden, wobei sie die anderen dreizehn Geschichten für separate Bände aufheben. All das wird in allen aufregenden Details das nächste Mal bekanntgegeben. Oder vielleicht das übernächste Mal. Oder …
     Okay, ich werde mein Bestes geben. Euch allen einen schönen Tag jetzt.

 


 

Im Original erschien der Text am 09. September 2009 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 09/08/2009

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Sabine Anders

 

Bienvenidos, amigos. Ich fühle mich etwas ertappt hier draußen angesichts der Tatsache, dass ich die letzten fünf Tage geschwänzt habe, während der ganze Rest von Euch das zehnjährige Jubiläum dieser Seite (www.tcboyle.com) gefeiert hat. Ich wollte bei Euch sein, nicht nur um der tiefen Bindungen zu gedenken, die zwischen so vielen regelmäßigen Besuchern dieser Website entstanden sind, sondern auch um ein Glas auf meinen Sohn Milo zu trinken, der als Zehntklässler an der Laguna Blanca Highschool beschlossen hat, dass sein armer alter Papa einen Internetauftritt braucht.
     Sein Vater konnte kaum ahnen, dass er in Ermangelung eines anderen Kandidaten einer der ersten Blogger im Netz werden würde, ungefähr sechs oder sieben Jahre, bevor er den Begriff überhaupt zum ersten Mal hörte. Und er konnte auch kaum ahnen, was für eine Freude dieses Forum so vielen Leuten bereiten würde. Deshalb stoße ich also, mit einiger Verspätung, mit einem Glas Flor de Cana Siete Anos auf Milo und Euch alle, die diese Seite so reichhaltig und tiefsinnig und lohnend gemacht haben, an.
     Ach ja – aber was ist meine Entschuldigung? Was könnte mich nur vom Computer und unserer virtuellen Feier weggezogen haben? Vielleicht gibt der oben erwähnte Rum Aufschluss. Nein, ich war nicht in Nicaragua, woher dieses wundervolle Getränk stammt, sondern in dem kleinen Land gleich südlich davon: Costa Rica.
     Normalerweise geht es mir – magenmäßig gesehen – in den Tropen nicht so gut, und ich hatte ein oder zwei Tage lang einen kleinen Kampf mit aufdringlicher innerer Flora, aber es war die Freude an den Erlebnissen mit den Tieren im Freien, die mich wieder gesund machte. (Glaubt mir, wann immer Ihr an dem erkrankt, was in Mexico Montezumas Rache heißt, schmeißt einfach einen lebenden Skorpion ein, oder zwei – sie sind nicht nur lecker und proteinhaltig, sondern sie vertreiben auch sehr schnell sämtliche inneren Dilemmas, die Ihr haben könntet.) Es war ein Familienausflug, wir fuhren eine Woche lang über Straßen, die WIRKLICH EIN BISSCHEN BESSER SEIN KÖNNTEN UND NÄCHSTES MAL WERDE ICH DIE HANDYNUMMER VOM COSTARICANISCHEN PRÄSIDENT VERLANGEN ODER ICH KOMME EINFACH NICHT, LEUTE, und dann ließen wir uns in einem rustikalen Dschungelhotel nieder, das einem Freund von mir gehört. Das Hotel ist in Cabo Matapalo, an der Spitze der Osa Halbinsel, und es ist ein kleines Wunder. Überall Wildnis, Agoutis, Coatis, die vier Affenarten, Baumfaultiere, Schmetterlinge, Schlangen, Eidechsen und zahllose Vögel, und während keine der Katzen (Margay, Ozelot, Jaguarundi, Puma, Jaguar) sich sehen ließ, waren sie da draußen im Urwald, vermehrten sich, schissen und töteten. Was, für mich zumindest, ein sehr beruhigender Gedanke ist. Hinaus zu gehen (oder sogar nach innen – siehe der oben genannte Skorpion) heißt, zu jeder Tages- und Nachtzeit Lebewesen zu begegnen, ein Wunder in dieser traurigen alten heruntergekommenen Welt.
     Ich werde mir nicht die Mühe machen, detailliert vom Kampf auf Leben und Tod zu erzählen, den wir in tiefster Nacht draußen im Golfo Dulce ausfochten, als der Motor vom Boot meines Freundes ausfiel und wir durch die Unendlichkeit humpelten, ohne Radio- oder Handyempfang, während Dinge in der Größe von Booten um uns herum auftauchten, oder von den angeschwollenen Flüssen, die wir auf der Route 126 nach La Paz mit dem Auto durchwateten, und von seiner arbeitenden Bevölkerung und den matschigen, aufgeblähten Hügeln, die mich an die Unterseite meiner Geschichte La Conchita erinnerten. Nein. Das würde dem Geiste der Unternehmung nicht gerecht. Also was soll’s, wenn ich fünfzig Tode starb und meine mageren Glieder zum Ergötzen von Insekten darbot, die noch nicht einmal entdeckt wurden? So etwas nennt man Abenteuer.
     Und jetzt bin ich wieder da. Meine nächste Reise wird nicht ganz so abenteuerlich werden, dünkt mich. Und höffte mich. Am 16. Oktober werde ich auf dem New Yorker Festival sein und zusammen mit Mary Gaitskill lesen, und am darauffolgenden Abend werde ich im Paramount Theater in meiner Heimatstadt Peekskill meine Show abziehen, wo die ganze Gemeinde World’s End gelesen hat, und danach wird es eine kostenlose Vorführung von Alan Parkers Verfilmung von Willkommen in Wellville geben. Ich habe nicht vor, zumindest während ich dies schreibe noch nicht, auf der Bühne lebende Skorpione zu verspeisen, obwohl ich, wenn ich in der richtigen Stimmung bin, vielleicht ein oder zwei Hühnern den Kopf abbeißen werde.
     Wir sehen uns dann dort, meine Freunde.

 


 

Im Original erschien der Text am 09. August 2009 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Anders. Foto: T.C. Boyle.