What’s New? 28/11/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Das war für mich ein merkwürdiger Monat, hoch dort oben in himmlischen Gefilden über Euch alle auf dem nordamerikanischen Kontinent hinwegzufliegen, erst von Santa Barbara nach New York, dann von New York nach Gambier, Ohio, dann zurück nach Kalifornien, und zwei Tage später bin ich wieder zur Ostküste gedüst, diesmal nach Miami. Die Flüge waren … na ja, eben Flüge, und ich werd‘ mich nicht über die Inkompetenz der Fluggesellschaften beschweren oder darüber, dass wir wie Rindfleischlieferanten zusammengetrieben und -gequetscht werden, oder dass wir den Fluggesellschaften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind (Dir gefällt das nicht, wie wir Dich behandeln? Okay, dann geh‘ doch zu Fuß nach Cleveland. Oder nach Boise. Oder nach Saskatchewan.)
     Ich hatte die Ehre, den Kenyon-Review-Preis in New York City in Empfang zu nehmen und freute mich sehr, dann zwei Tage später mit den Studenten am Kenyon College abzuhängen, obwohl der Ort definitiv in der Arktis lag. (Als ich damals an die Westküste zog, nach Los Angeles, fand ich es lachhaft, als ich in meinem ersten Nichtwinter-Winter die Leute in Parkas sah, bei 13 Grad Celsius; heute gehöre ich auch zu denen.) In Gambier war es minus sechs Grad, und dazu ein ordentlicher steifer Wind, der mich zum Tanzen brachte. Glücklicherweise hat mich schließlich ein halber Liter Guinness (oder zwei davon) in einem warmen Pub gerettet. Dann ging es zurück nach New York, um meinen Agenten und meine Verleger zu besuchen und um ein paar Tage frei zu haben, während derer ich ein kurzes Stück auf dem Appalachen-Weg wanderte, hin zu meinem bevorzugten (zugefrorenen) Teich, und die ganze Zeit zitterte ich vor Kälte. Schließlich, nachdem ich kurz nach Kalifornien zurückgekehrt war, um mich um Dinge zu kümmern, die ein Unglück drohen lassen, flog ich nach Miami zur Buchmesse.
     Jetzt bin ich glücklich wieder zu Hause und zurück zu meiner Arbeit an The Familiar, das jetzt zu zwei Dritteln fertig ist – auch wenn vor zwei Tagen in den Bergen Feuer ausgebrochen ist. Wenn Ihr wissen wollt, wie sich das anfühlt, lest meinen Artikel von 2017 im New Yorker über die Katastrophe hier in Montecito (um es kurz zu machen, es fühlt sich nicht sehr wohlig an; ich würde jederzeit die Kälte dem Feuer vorziehen). Aber, aber, aber … das Wunder geschah, und wir hatten den ersten Regen in diesem Winter, der das Fortschreiten des Feuers zurückdrängte. Was soll ich weiter sagen, außer: Happy Thanksgiving?

P.S. Ich glaube wirklich, es wird Zeit, dass alle guten Amerikaner noch mal meine fröhliche Erntedankfest-Geschichte lesen, Carnal Knowledge. Viel Spaß.


Im Original erschien der Text am 28. November 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 31/10/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Happy Halloween zusammen! Diesen Feiertag liebe ich wirklich, nicht so sehr wegen der Gelegenheit die Toten zu ehren oder um das schreckliche Geheimnis unseres Lebens als lebendige, atmende, denkende Wesen in einem unergründlichen Universum zu feiern, sondern um des reinen, befreienden Vergnügens willen. Heute abend, in Gesellschaft unserer tollen und wunderschönen Freunde, die aus dem County Cork zu Besuch sind, werden Frau B. und ich uns auf den Weg zum Lower Vilage machen, um mit Horden zuckerfreudiger, verkleideter Kindern zu feiern, die wie wahnsinnig die Straßen rauf und runter flitzen. Das alles macht großen Spaß, ist aber ein bisschen zahm verglichen mit dem Süßes-sonst-gibt’s-Saures, das wir als Kinder damals im Staat New York veranstaltet hatten, als wir das Neubaugebiet unsicher machten, ohne elterliche Supervision, wodurch alles so viel aufregender war. Ah, nun ja. Wenn die Weltbevölkerung sich seitdem verdoppelt hat, dann ja wohl auch die Anzahl der Massenmörder, der Pädophilen und derjenigen, die kleine Nadeln in Äpfeln verstecken (oder diese Populationen sind wohl eher exponentiell gewachsen). Jedenfalls hoffe ich, dem Geist dieser Veranstaltung treu zu bleiben, so kindgerecht ich es vermag, ohne Rücksicht auf das Elend dieser Welt. Wünscht mir Glück. (Übrigens, Wein hilft dabei.)
     Nächste Woche fliege ich nach New York um den Kenyon-Review-Preis in Empfang zu nehmen, eine Ehre, die ich erfreut und dankbar annehme. Wie ich zuvor schon an dieser Stelle gesagt habe, arbeiten wir Romanciers und Dichter innerhalb der dunklen Grenzen unseres Verstandes ohne Input von der äußeren Welt, und deshalb ist es besonders befriedigend zu wissen, dass unsere Arbeit Auswirkungen auf diese Welt hat. Nach New York fliege ich nach Ohio, um am Kenyon College zu lesen, von wo ich dann wieder für etwa eine Woche nach New York zurückkehre. Am Ende des Monats fliege ich noch einmal nach Osten zur Buchmesse in Miami (24. November), was bedeutet, dass der neue Roman eine kleine Pause aushalten muss, wenigstens solange diese nicht unerfreulichen Unterbrechungen andauern. The Familiar ist jetzt zu zwei Dritteln fertig. Ich hoffe, den Roman bis zum Frühjahr zu beenden, durchzusehen und abzuliefern, und dann habe ich vor, die neuen Kurzgeschichten zu schreiben, die die nächste Sammlung I Walk Between the Raindrops komplettieren sollen. Und danach? Ich plane mich anzuschnallen und das weite Erdenrund zu umkreisen in der Hoffnung, dass eines Tages der nächste Roman aus dem Nebel auftauchen wird. Was für ein Leben!


Im Original erschien der Text am 31. Oktober 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 05/07/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Ich habe das unten stehende vor zwei Wochen auf Goodreads gepostet, und ich präsentiere es Euch jetzt hier, mit dem Zusatz, dass sich seitdem, zum Glück, nichts geändert hat, außer der Zahl der Ratten und der geschriebenen Seiten (224 bzw. 77).
     Summertime, Leute. Mein Vater war niemals reich, die Baumwolle steht weder hoch noch tief und Katzenwelse springen selten. Ganz besonders hier in der Halbwüste an der kalifornischen Küste. Was ich hier mache, ist ganz einfach ausruhen und mich wieder reinfinden in eine friedliche und produktive Routine, wobei mir nur ein kurzer Ausflug nach Vancouver bevorsteht und dann ein Aufenthalt in den Bergen und im Herbst, zur Ablenkung, ein Trip nach New York. In der Zwischenzeit herrscht Friede …

Folgendes habe ich gestern gemacht, und es zeigt, wie ich mich ins richtige Leben zurückfinde, nach dem Stress und der Belastung auf Tour:
     Aufgewacht kurz vor sechs durch die Verabreichung einer feuchten und kalten Nase an meiner Wange (vom Hund, nicht von Frau Boyle). Mit dem Hund ungefähr eine Meile gegangen. Ich habe den Vögeln gelauscht, während der Hund gewissenhaft pisste und auf seine Pisse und auf die Pisse und Kacke anderer nie gesehener und noch schlafender auswärtiger Hunde kackte. Küche sauber gemacht und NPR (National Public Radio) gehört, einen Bagel gegessen, Zeitung gelesen, zur Arbeit gegangen (seht bei Twitter die photographischen Beweise dieser Aktivitäten). Die Arbeit schritt zügig voran, der Roman, an dem ich schreibe, ist jetzt bei 70 Seiten. Dann eine Wanderung hoch in die Berge um Ratte Nummer 222 abzuliefern, die mir in der Nacht davor in die Falle gegangen ist, gefolgt von der Rückkehr nach Hause und einer Stunde heftiger Gartenarbeit, dann schön im Garten sitzen bei einem Buch und einem Glas Wein, dann zu Hause Abendessen, von mir gekocht. Ein bisschen Baseball im Fernsehen (die Los Angeles Angels), mit ausgeschaltetem Ton, während ich den New Yorker durchlas. Witzelte ein bisschen mit Frau B. herum. Noch mal aufgeräumt. Mit dem Hund gegangen. Zu Bett gegangen.
     Willkommen im glamorösen Leben eines international gefeierten Stars der Literatur.


Im Original erschien der Text am 05. Juli 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 29/06/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Entspannte Zeiten. Fish are jumpin‘ and the cotton’s high. Ich muss gestehen, ich bedaure es ein kleines bisschen, dass ich, seitdem ich meine Stellung an der Universität von Südkalifornien aufgegeben habe, keine Sommerferien mehr habe (auch keine Winter- oder Frühjahrsferien mehr, was das angeht). Aber ich habe ja meinen Hauptberuf, der mich ausfüllt. Bis vor kurzem habe ich an der fünften Erzählung der neuen Staffel gearbeitet, sogar noch, als der Sommer uns hier in Montecito-by-the-Sea überfallen hat. Zusätzlich habe ich die Korrekturfahnen für meinen neuen Roman Das Licht zurückgeschickt, und schließlich bin ich in Dom Camardellas Sound Design Studio gegangen und habe I Walk Between The Raindrops für den New Yorker aufgenommen. Die Geschichte ist fertig und wird in der Ausgabe vom 30. Juli erscheinen, jedenfalls soweit ich informiert bin. Nicht verpassen! Es ist eine sehr starke Geschichte, die Euch mitreißen und Euch ein bisschen (oder ein bisschen mehr) zwicken wird, und sie hat eine Erzählstruktur, die die tektonischen Platten unter Euren Füssen verschieben wird. Jedenfalls ist das mein Empfinden heute morgen, noch voll der Gefühle von den Aufnahme-Sessions vor zwei Tagen. Übrigens enthält die Erzählung in einem der fünf Kapitel einiges von dem Material, das ich über die Schuttlawine geschrieben habe, die unsere Stadt im Januar verwüstet hat. (Der New Yorker hat es unter dem Titel The Absence in Montecito online gestellt.)
     Der Trip nach New York, den ich hier letzten Monat erwähnt habe, war das pure Vergnügen. Davor war ich zuletzt Mitte März in New York gewesen, da war es noch winterlich, die Bäume hatten gerade erst zu knospen angefangen, die Temperaturen relativ frisch, aber jetzt, Anfang Juni, war alles mild, wunderschön, irgendwie magisch. Nachdem ich Selected Shorts mitmoderiert hatte, mit A.M. Holmes, hatte ich einen Tag frei und bummelte an der Upper West Side herum, was natürlich bedeutete, dass ich geradewegs zum Museum für Naturgeschichte ging, um mich ein paar tiefgehenden Erinnerungen hinzugeben (jener unvergleichliche Ort war das Ziel so manches Klassenausflugs während meiner Grundschulzeit flussaufwärts in Nord Westchester). Danach ging ich hinüber zum Central Park und erfreute mich an der Temperatur knapp über zwanzig Grad, an den schon anstößig breiten Wegen und an dem See, der so überwältigend war, als wäre er aus den Adirondack-Bergen hierher versetzt worden (bis auf die 60000 Ruderboote). Und dann natürlich: zur Feier des Tages schick ausgehen auf Einladung von alten Freunden. Kurz gesagt, alles war so perfekt, ich habe es fast genossen.
     Jetzt freue ich mich gerade darauf, mich für eine Weile in die Sierras zurückzuziehen. Da oben werde ich mich mit Adrian Stangell und seiner Crew von Nordend Films treffen, die eine einstündige Dokumentation drehen wollen. Und außerdem hoffe ich mit den neuen Erzählungen weiterzumachen, bevor ich mit den Recherchen für den nächsten Roman anfange – und meine Nachmittage damit zu verbringen, durch die weiten Wälder zu wandern und Zwiesprache zu halten mit den Bären, Berglöwen, Raben und Klapperschlangen. Bleibt dran.


Im Original erschien der Text am 29. Juni 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.


 

What’s New? 03/06/2018

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Manchmal müssen sich sogar fanatische Menschen ausruhen, und das war auch im Laufe des vergangenen Monats bei einem ganz speziellen Fanatiker der Fall. Der Spätfrühling hat sich eingerichtet, die Ratten gedeihen, das Dorf erholt sich von der Katastrophe im Januar, und ich hatte die große Freude und das Privileg, absolut nirgendwohin zu müssen. Das ist super. Viele von euch wissen ja, dass ich eine gewisse Routine einhalten muss um zu schreiben, und diese Routine hat sich im letzten Monat ganz ruhig und friedlich eingestellt. Wie ich schon in meinem Schreiben vom 2. April erwähnte, arbeite ich gerade an meinem dreißigsten Buch, einer Sammlung von Erzählungen, die auf den nächsten Roman folgen soll, den ich mir jedoch immer noch nicht so recht vorstellen kann. Ich hoffe, ich kann im Herbst anfangen, darüber nachzudenken, vielleicht. Jetzt arbeite ich gerade an der vierten Erzählung in der aktuellen Sequenz mit dem Titel Asleep At the Wheel, die sich mit unserer fahrerlosen Zukunft befasst. Die anderen sind The Apartment, I Walk Between The Raindrops und What’s Love Got To Do With It?. Ich werde euch sicherlich davon unterrichten, wo und wann sie im Druck erscheinen. (Raindrops wird im New Yorker abgedruckt, und zwar ist das für irgendwann nächsten Monat geplant).
     Trotz alledem werde ich bald in den großen Vogel steigen und nach New York fliegen und die Veranstaltung Selected Shorts mitmoderieren, im Symphony Space mit A.M. Homes. Ein schneller Trip, und fertig. Und dann zurück zu der Gleichförmigkeit der Tage hier zu Hause, einer Gleichförmigkeit, die ich sehr wertschätze. Und danach hoffe ich, eine Weile auf meinem Berg im Sierra National Monument zu bleiben, um zu schreiben und zu schreiben und noch mehr zu schreiben, während ich Zwiesprache mit der Natur und meinen vielen guten compadres halte, die dort oben das ganze Jahr über leben. Bleibt dran. Und werft mal einen Blick auf meine Twitter-Nachrichten, um über meine Abenteuer in New York und hoch oben in den Sierras auf dem laufenden zu sein (auch photographisch).

P.S. Das beigefügte Photo zeigt Ratte Nummer 185 in all ihrer Nager-Herrlichkeit, kurz vor ihrer Taxifahrt hoch in die Berge und ihrer Freilassung mitten zwischen den verwüsteten Felsen, dem verbrannten Gestrüpp und den scharf gestellten Geruchsorganen der Kojoten (die sehr wahrscheinlich inzwischen wohl ziemlich ausgehungert sind). Ich wünsch‘ ihr viel Glück. Und möge sie ein produktives Rattenleben leben, weit weg von den düsteren Gefilden meiner Kellerräume.


Im Original erschien der Text am 03. Juni 2018 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.